Wirkungsmechanismen einer Aufstellung



Dass Aufstellungen wirken, ist für viele, die bereits an einem Aufstellungsseminar teilgenommen haben, eine Tatsache. Die Wirksamkeit der Familienaufstellungen wurde sogar in einem Experiment der Ludwig-Maximilians-Universität in München wissenschaftlich bewiesen (siehe »Wirkungsnachweis des Familienstellens«). Wie Aufstellungen wirken, ist jedoch noch unbekannt. Viele Aufsteller sind diesbezüglich sehr pragmatisch und kümmern sich nicht um Wirkungstheorien. Dabei ist eigentlich schon nicht nur die Wirkung, sondern auch die Wirkungsebene rätselhaft. Es gibt allerdings mehrere Erklärungsversuche, die in verschiedene Kategorien eingeteilt werden können.


Die kognitive Theorie

Eine gängige Erklärung ist die, dass ein besseres kognitives Verstehen der Situation dem Ratsuchenden hilft, Lösungen für sein Anliegen zu finden. In einer Aufstellung werden durch die räumliche Darstellung von Beziehungsstrukturen oder -problemen in einem Familiensystem oder in einem Unternehmen die Ausgangssituation und die Handlungsmöglichkeiten kognitiv besser verarbeitet und verstanden. Die Aufstellung ermöglicht es dem Ratsuchenden, sein inneres Bild einer Situation nach außen zu

projizieren. Dieses äußere Bild kann verändert werden, und die Veränderung wirkt über den

Ratsuchenden wieder zurück auf das System.

Organisationsaufstellungen werden oft als »Paradebeispiele « für diese Theorie aufgeführt:

  • Erstens ermöglicht die Aufstellung die Analyse der Geschäfts- und Arbeitsbeziehungen

  • Zweitens werden durch die Arbeitsweise in einer Aufstellung die Ziele, Probleme und Entscheidungen in Bilder übersetzt, die implizites Wissen explizit machen.

  • Drittens werden mögliche Lösungen und Handlungen während einer Aufstellung simuliert.

Der Ratsuchende erlebt visuell, auditiv und kinästhetisch die Bearbeitung seines Anliegens

sowie die Gestaltung möglicher Lösungswege. Diese drei Schritte führen zu einer ganzheitlicheren Verarbeitung der Informationen. Insbesondere die bildliche Darstellung, die vom Gehirn immer bevorzugt wird, fördert eine entsprechende Wirkkraft bei der Themenbearbeitung. Bilder, Beziehungen und Handlungserleben werden kognitiv anders verarbeitet als Sprache und Zahlen. Daher sind Vorstellungsbilder für unser Gehirn viel informationsreicher als Gedanken in sprachlicher Form. Sie erleichtern den plastischen

Umgang mit Problemen. Durch die szenische Darstellung wird die Analyse von Dynamiken

vereinfacht, auf das Wesentliche reduziert und damit besser verständlich.


Die Umdeutungstheorie

Es wird auch oft versucht, mit gängigen psychologischen Theorien die Wirkungsmechanismen von Aufstellungsformaten zu erklären. Bei Familienaufstellungen

wird davon ausgegangen, dass das Lösungsbild eine Umdeutung auslöst.

Umdeutung (oder auch Reframing) bedeutet, einer Situation einen anderen neuen Rahmen

geben oder anders ausgedrückt, die Situation durch »eine andere Brille« sehen. Die Umdeutung ist ein bekanntes Phänomen, dessen Wirksamkeit wissenschaftlich bewiesen wurde. Es ist z. B. seit Langem bekannt, dass die Umdeutung einer emotional belastenden Situation zu einer Milderung oder sogar zum Verschwinden der damit verbundenen negativen Emotionen führt. Eine Umdeutung macht dem Ratsuchenden die Tatsache bewusst, dass es einen Unterschied zwischen einem Ereignis und seiner subjektiven

Bedeutung gibt, und dass er die Fähigkeit hat, diese jederzeit zu verändern. Umdeutungen in Aufstellungen können daher als Unterbrechungen von Wahrnehmungsmustern bezeichnet

werden. Die Wirkungsintensität einer Umdeutung wird oft durch die sehr starke emotionale

Beteiligung des Ratsuchenden während der Aufstellung verstärkt. Die Akzeptanz des neuen

Bildes wird dann durch den Leitsatz der Aufstellungsarbeit – »das Alte würdigen, das Neue

anerkennen« – begünstigt.


Die spirituelle Theorie

Für Bert Hellinger ist jeder mit der Familienseele seiner Familie und mit dem Geist verbunden und folgt unbewusst den Regeln des Gewissens. Probleme entstehen, weil im Familiensystem die Ordnungen der Liebe nicht respektiert wurden (siehe dazu »Störungen«). Durch eine Aufstellung kommt der Ratsuchende mit der Familienseele oder mit dem Geist in Einklang, was es ihm ermöglicht, sich wieder an den Ordnungen zu orientieren. Die Wirkung wird laut dieser Theorie durch das Auslösen von unbewussten Gewissenskonflikten – und zwar Konflikten mit dem Familiengewissen oder dem geistigen Gewissen – herbeigeführt. Hellinger sagt dazu: »Das [Lösungs-]Bild muss in der Seele ruhen, vielleicht für lange Zeit. Das Bild wirkt, indem es da ist, und zwar nicht nur in der eigenen Seele, sondern auch in der Seele anderer Familienmitglieder, ohne dass man ihnen etwas davon erzählt. Nach einiger Zeit sammelt sich in der Seele die Kraft, die notwendig ist, um das Richtige zu tun. Dann folgt man seiner eigenen Seele und nicht mehr dem Bild. Dennoch hat dieses Bild in der Seele etwas bewirkt, was das spätere Handeln möglich macht.« Dafür, eine Erklärung für die Wirkungsmechanismen einer Aufstellung nicht nur auf der rein rationalen Ebene zu suchen, sprechen aus Sicht vieler Aufsteller die zahllosen Berichte, die besagen, dass Aufstellungen auch bei Personen wirken, die von der Aufstellung gar nichts wissen. Die sogenannten »Fernwirkungen«, bei denen Personen vom Geschehen einer Aufstellung beeinflusst wurden, obwohl sie nicht dabei waren und auch nichts von ihr wussten, sind häufig feste Bestandteile der Wirkungsweisen von Aufstellungen. Daher sollten sie auch berücksichtigt

werden. Ein typisches Beispiel dazu ist eine Ratsuchende, die eine Aufstellung über ihre Schwester machte, mit der sie seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Eine Woche später

rief die Schwester an, obwohl die Ratsuchende nichts unternommen hatte.


Quellen: 233

101 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Zwangsstörungen