Verstrickung



Verstrickungen in Familienaufstellungen »nach Hellinger«

Wenn eine Störung im System besteht, versucht laut Bert Hellinger in der Regel ein unbeteiligtes Systemmitglied – oft ein Nachkomme – meist unbewusst, das System wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dieser Drang zum »Wiedergutmachen« bei Nachkommen entsteht aufgrund des Familiengewissens. Im Interesse eines Vorgängers wird ein Nachfolger in die Pflicht genommen und mit diesem Vorgänger verstrickt: Er übernimmt dabei fremde Zuständigkeiten, vertritt einen Ausgeklammerten oder Ausgeschlossenen, sühnt verdrängte Schuld oder wird zum Rächer für die Opfer eines Vorfahren. Verstrickungen entstehen aus Liebe (oder Loyalität) zwischen Menschen oder zwischen Menschen und Gruppen. Dabei besteht eine besonders starke Liebe – bewusst und unbewusst – zwischen Kindern und ihren Eltern. Die Ursachen für Verstrickungen sind vielfältig. Oft basieren sie auf einem tragischen Ereignis, dessen Folgen sich durch mehrere Generationen hindurchziehen. In jeder Familie gibt es einschneidende Ereignisse und Schicksale, die sich tragisch auswirken können. Väter, Mütter oder Kinder sterben viel zu früh, Familien fallen auseinander, weil Partner sich im Hass trennen, schwere Krankheiten oder Behinderungen belasten eine ganze Familie. Verstrickungen im Familiensystem können drei Grunddynamiken zugeordnet werden:


A – Verstrickungen im Bezug auf die Zugehörigkeit und die Bindung

  • Identifikation: »Ich lebe dein Schicksal.« Eine Person wird ausgeschlossen, ausgegrenzt oder vergessen. Ein Nachgeborener identifiziert sich mit ihr und repräsentiert sie noch einmal im System. Beispiel: Das Enkelkind wird, ebenso wie sein ausgegrenzter Großvater, gewalttätig.

  • Nachfolge: »Ich folge dir nach (in die Krankheit, in den Tod …).« Das Kind und später der Erwachsene versucht bewusst oder unbewusst, sich das Leben zu nehmen oder es wird krank, um die Nähe zu einem Elternteil oder einem früh verstorbenen Geschwister zu erleben. Beispiel: Eine Mutter stirbt mit 23 Jahren bei der Geburt ihres Kindes. Das Kind aber lebt. Mit Erreichen des 23. Lebensjahrs begeht das Kind Selbstmord.

  • Unterbrochene Hinbewegung: »Ich möchte bei dir sein.« Die Nähe zu anderen Menschen ist nicht möglich, weil die Nähe zu einem Elternteil fehlt. Beispiel: Ein junges Mädchen konnte wegen eines Krankenhausaufenthalts längere Zeit nicht in den Armen seiner Mutter sein. Letztlich können es sein ganzes Leben lang Angstgefühle plagen, sobald es Nähe erlebt.


B – Verstrickungen in Bezug auf die Ordnung

  • Vertretung: »Lieber ich als du.« Kinder empfinden tiefe Verbundenheit mit ihrer Gegenwartsfamilie und übernehmen aus Liebe häufig das schwere Schicksal oder die Krankheit ihrer Eltern und sagen damit z. B. »Lieber sterbe ich als du«, »Lieber werde ich krank als du«, »Lieber gehe ich in Gefangenschaft als du«, »Lieber will ich verschwinden, als dass du weggehen musst« usw.

  • Doppelte Verschiebung: »Ich trage es für dich.« Beispiel: Eine Großmutter war chronisch wütend auf ihren Mann. Die Enkelin trägt diese Wut für sie (Verschiebung des Subjektes) weiter und projiziert sie auf ihren Ehemann (Verschiebung des Objekts).

  • Parentifizierung: Bei dieser Verstrickung wird das Kind zu einem Teil seiner Eltern. Beispiel: Die Mutter hat ihre Mutter früh verloren, und das Kind wird, durch die Liebe zur Mutter, zur Mutter seiner eigenen Mutter. Dadurch kann das Kind in eine Helferrolle rutschen und als Kind nicht wirklich Kind sein.

  • Triangulierung: Ein Kind wird in die Paarkonflikte seiner Eltern verwickelt. Es wird anmaßend, verliert die Achtung vor den Eltern und kann nicht mehr wie ein Kind von ihnen annehmen.


C – Verstrickungen in Bezug auf den Ausgleich

  • Übernahme von Gefühlen und Aufträgen: »Ich tue es für dich.« Beispiel: Ein Familienmitglied aus einer früheren Generation hat schwere Schuld auf sich geladen, ein Nachkomme übernimmt die Sühne dafür und verbietet sich deshalb unbewusst, erfolgreich zu sein.

  • Lebenshemmung: »Ich darf mein Leben nicht leben.« Überlebende von Kriegsgeschehen oder Unfällen entwickeln häufig Lebenshemmungen und schränken sich ein, ihr Leben vollkommen annehmen und genießen zu können.

  • Nachahmung: »Ich wie du.« Beispiel: Ein Elternteil wird schlecht gemacht. Das Kind hält diesem Elternteil heimlich die Treue, es wird wie dieser und übernimmt ausgerechnet seine unliebsamsten Eigenschaften.

Durch Verstrickungen leben Nachfahren in gewisser Weise mit den Altlasten früherer Generationen. Die Verstrickung ist für die Nachkommen eine schwere Belastung, weil ein Großteil der Probleme, die sie dann heute belasten, zu einer anderen Zeit und in einem anderen Leben entstand. Eine solche Ausgleichsbewegung im System ist aber sinnlos, weil sie das Problem nicht löst, sondern es nur eine Generation weiterträgt. Die ursprüngliche Verletzung der Systemregeln muss gelöst werden: durch die Wiederaufnahme eines ausgeschlossenen Familienmitgliedes, die Annahme von Schuld oder die Wiedergutmachung an einem Opfer usw. Diese Art der Lösung ist die Zielsetzung von

Familienaufstellungen »nach Hellinger«.

Im Alltag werden Verstrickungen oft bemerkt, wenn der Betroffene intensive Verhaltensweisen oder Emotionen zeigt, die aus seiner momentanen Lebenssituation heraus nicht nachvollziehbar sind. Manchmal gibt es auch ein Gefühl des »Außer-Sich-Seins«. Auch wer z. B. zwanghaft und fanatisch für etwas kämpft, ist meistens verstrickt und kämpft für jemanden aus seinem System. Therapeuten entwickeln im Lauf der Zeit ein Gespür dafür, ob Probleme entwicklungspsychologisch bedingt sind, z. B. durch ein traumatisches Erlebnis, oder ob sie auf der mehrgenerationsperspektivischen Ebene angesiedelt sind.


Mögliches Aufstellungsbild

In der Regel spüren die Repräsentanten und der Aufstellungsleiter, dass jemand fehlt, z. B.

weil ein oder mehrere Stellvertreter in eine bestimmte Richtung starren. Diese Person wird

dann aufgestellt. Wenn ein Repräsentant seinen systemisch angemessenen Platz nicht einnehmen kann, z. B. wenn das Kind nicht neben seiner Mutter stehen kann, deutet das auch oft auf eine Verstrickung hin.


Lösungsansatz

Die Grundfrage lautet immer: »Wer fehlt?« Die Person, mit der der Ratsuchende verstrickt

ist, wird dann aufgestellt und die Verstrickung gelöst (siehe dazu die jeweiligen Artikel zu den verschiedenen Verstrickungsarten).


Aufstellungstechnik: Auflösung einer Verstrickung

Verstrickungen werden in Aufstellungen meistens mit einem lösenden Satz und/oder mit einem Ritual gelöst:

  • Lösende Sätze: z. B. »Ich sehe/achte dich.« Oder: »Du gehörst dazu.« Die Wirkung eines solchen Satzes kann durch Blickkontakt oder Gesten verstärkt werden.

  • Ritual: z. B. die Verneigung vor einem fremden Schicksal. Oft verwendete Rituale sind u.a. auch:

  • »Sich-Abwenden«-Bewegung: Der Ratsuchende geht langsam zu der Person hin, mit der er verstrickt ist, hält dabei intensiven Blickkontakt, der Mund ist geöffnet, und der Ratsuchende atmet tief ein. Kurz vor dem Ziel dreht er sich plötzlich um (oder wird vom Aufstellungsleiter umgedreht), um eine Verwirrung zu erzeugen, und geht dann zurück zu seinem ursprünglichen Platz. Anschließend wird häufig die Frage gestellt: »Was ist jetzt anders?«

  • Rückgaberitual: Bei Verstrickungen, in denen die Rückgabe von Schuld, Gefühlen und Aufträgen notwendig ist, kann die verstrickte Person dem früheren Familienmitglied ein Objekt als Symbol für die getragene Last zurückgeben. Als Symbol für eine solche schwere Last, die getragen wurde, kann z. B. ein schwerer Stein genutzt werden.

Das Ritual war erfolgreich, wenn der Stellvertreter sich anschließend erleichtert fühlt und spontan aufatmen kann. Gelang die Rückgabe nicht wirklich, muss sie wiederholt werden. Dieses Ritual stellt einen Akt der Würdigung dar, durch den anerkannt wird, dass die Person stark genug ist, ihre Last allein tragen zu können.



Verstrickungen in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Siehe »Symbiotische Verstrickung«.



Sichtweise von Strukturaufstellern

Strukturaufsteller sind der Meinung, dass BertHellinger das Wort »Verstrickung« zu leichtfertig benutzt, um die Übernahme eines fremden Schicksals oder eines Verhaltensmusters zu beschreiben. Sie meinen, dass diese Benennung sehr stark problemhypnotisch wirkt und damit das Rückfallrisiko erhöht. Außerdem lässt diese Ausdrucksweise keine graduellen Unterschiede zu, also z. B. »leichte« oder nur »partielle« Übernahme eines fremden Schicksals oder eines Verhaltensmusters. Deswegen ist es aus Sicht der Strukturaufsteller besser, von Kontextüberlagerung zu sprechen.


Quellen: 231

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