(Verlust der) Heimat




Der Verlust der Heimat kann ein sehr schweres Schicksal sein und ist vergleichbar mit dem

Verlust eines wichtigen Familienmitglieds. Dabei kommt es auf die Situation an, warum und

wie jemand seine Heimat verlassen hat und in welcher Weise er an sie denkt. Oft verlassen

Menschen ihre Heimat, weil sie dazu gezwungen werden: z. B. aus wirtschaftlichen Gründen, um die Familie ernähren zu können oder wegen Verfolgung. Es gibt aber immer mehr Menschen, die ihr Heimatland freiwillig verlassen und dadurch ein großes Stück ihrer Herkunft und Identität abgeben.

In Deutschland gibt es eine Besonderheit: die Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs und deren Nachkommen. Die Vertriebenen selbst haben oft viel Schlimmes erlebt, was sich auf

die nächsten Generationen überträgt: z. B. das Zurücklassen-Müssen von Kranken, Gebrechlichen und Alten. Die Schuld- oder Verlustgefühle, die daraus erwachsen sind, wirken oft in den nachfolgenden Generationen nach.


Konsequenzen im System

Diejenigen, die ausgewandert oder emigriert sind, gewöhnen sich allmählich an ihre neue Umgebung – sie leben sich ein. Das Neue tritt dabei in den Vordergrund, die alte Heimat verblasst ein wenig. Und dennoch bleibt man ihr treu, ebenso wie auch dem neuen Heimatland. Dies führt zu einem Loyalitätskonflikt zwischen alter und neuer Heimat. Darunter leiden Männer meistens mehr als Frauen. Der Konflikt drückt sich dadurch aus, dass man sich nicht traut, die neue Heimat ganz anzunehmen, weil man Angst hat, dadurch seine alte Heimat zu »verraten«. Das kann sich häufig auch dadurch ausdrücken, dass sich vor allem die erste Generation in der neuen Heimat stark abgrenzt und ihre alten Bräuche und Riten zelebriert und/oder mit den Gedanken immer noch an der alten Heimat hängt. Dies

führt bei den Kindern zu starker Verunsicherung und oft auch zu Ärger und Wut. Sie fühlen sich zerrissen, ruhelos und können sich in privaten Situationen oft nur schlecht entscheiden.

In gemischt kulturellen Familien spüren die Kinder, wenn ein Heimatland ihrer Eltern ausgeklammert ist. Besonders problematisch ist es, wenn dem Heimatland des Vaters keinerlei Bedeutung zugemessen wird, denn aus systemischer Sicht sollte die Frau mit den Kindern ihrem Mann in dessen Kultur folgen (siehe dazu »Paarbindung«).

Viele Flüchtlinge und Nachkommen von Flüchtlingen können in ihrem Leben nicht ständig präsent sein. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf etwas Fernes, Unbekanntes. Beziehungen scheitern oder verlaufen nur mäßig glücklich. Auch die Kinder aus diesen Beziehungen leiden unter dieser Dynamik. Sie wollen ihren Eltern das geben, was ihnen fehlt, weil sie sie lieben. Bei diesem Versuch scheitern sie, weil sie ihren Eltern nicht die gewünschte Sicherheit, Geborgenheit und Heimat zurückgeben können. Sie werden unfrei, und es fehlt ihnen die Energie, ihr eigenes Leben zu meistern. Manchmal verlieren sie die Achtung vor ihren Eltern, oder sie können keine erfüllten Paarbeziehungen führen. In Familienaufstellungen zeigen sich immer wieder weit zurückreichende Verbindungen zu denen, die fliehen mussten. Deren Eindrücke von der Flucht, vom Leid, von Vergewaltigungen und Morden, von Leichen und Verwundeten leben anscheinend noch lange in vielen Familiensystemen weiter. Diese kleinen und größeren Traumata werden durch eigene Panikreaktionen und durch Verhaltensweisen von Generation zu Generation weitergegeben, ohne dass sie gestoppt werden können. Vertreibung ist auch immer ein Unrecht an den Vertriebenen. Neuankömmlinge, die das Land in Besitz nehmen, profitieren von diesem Unrecht. In ihren Kinder und Enkeln entsteht das Bedürfnis nach Ausgleich und Sühne.


Aufstellungstechniken

In der Regel werden das alte und das neue Heimatland durch Stellvertreter aufgestellt.


Mögliches Aufstellungsbild

Wenn die Heimat aufgestellt wird, spürt der Stellvertreter des Ratsuchenden entweder eine

starke Beziehung zu der Heimat, oder er fühlt sich umgekehrt sehr kraftlos.


Lösungsansatz

Geheilt wird die Wunde des Verlustes der Heimat, wenn der Schmerz zunächst seinen Platz

erhalten darf. Generell tut es allen Beteiligten gut, wenn sie sich ihrer Heimat stellen, sie ohne zu werten anerkennen und der Tatsache Rechnung tragen, dass sie eben aus diesem Land kommen, in dem sie geboren sind. Damit wird der Heimat ein Platz im Herzen und somit im System gegeben. Sehr oft entspannen sich dann die Situationen schlagartig, weil die eigenen Wurzeln wieder ins Bild gerückt und gesehen werden.

In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, die Situation, den gegangenen Weg anzuerkennen, die Heimat bewusst zu verabschieden und ihr vielleicht einen Platz im jetzigen Leben in Form eines kleinen Rituals oder Ähnlichem zu schaffen.

Ebenfalls unterstützend ist es, die neue Heimat als eine Art Geschenk zu sehen, sie

als solches anzuerkennen und in vollen Zügen wertzuschätzen. Auch Verwandte können mithilfe ihrer Stellvertreter durch Rituale von der Heimat verabschiedet werden und anerkennen, dass das eigene Leben trotz dieses Schicksals weitergegangen ist – und meistens sogar gut weitergegangen ist. Schließlich ist daraus auch neues Leben erwachsen. Für die Nachkommen ist es oft entlastend, wenn sie erkennen, zu wem ihre unerklärliche

Trauer gehört und diese durch Rituale dort lassen können, wohin sie gehört (siehe dazu auch

»Übernahme von fremden Gefühlen«).


Lösende Sätze

»Ich achte dich als meine Heimat/die Heimat meiner Eltern und gebe dir einen Platz in

meinem Herzen.«

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