Unterbrochene Hinbewegung



Unterbrochene Hinbewegung in den

Familienaufstellungen »nach Hellinger«


Unterbrochene Hinbewegung setzt voraus, dass zu einem sehr frühen Zeitpunkt des Lebens die Bezugsperson – meistens die Mutter – plötzlich fehlte. Die natürliche Suchbewegung eines kleinen Kindes nach seinen Bezugspersonen wurde in einem solchen Fall unterbrochen bzw. unmöglich gemacht. Das Kind trägt später als Erwachsener unbewusst diese Gefühle der Trennung noch in sich. Es gibt viele unterschiedliche Gründe, aus denen die tiefe innige und natürliche Bewegung des Kindes hin zu Mutter und Vater unterbrochen werden kann, wie z. B. ein längerer Krankenhausaufenthalt. Der Abwesende lädt dabei nicht unbedingt persönliche Schuld auf sich. Aber die Nachwirkungen dieses Ereignisses beeinflussen das Kind. Es erlebt mit der Trennung eine furchtbare Erfahrung. Selbst bei der Geburt, wenn z. B. ein Kind durch einen Kaiserschnitt zur Welt kommt und nicht gleich bei seiner Mutter sein kann, kann das von ihm als dramatische Trennung empfunden werden. Unterbrochen wird die Hinbewegung des Kindes auch, wenn es Abweisung, Verletzung, fehlende Fürsorge oder Gewalt durch seine Eltern erfährt. Auch die seelische Abwesenheit von Mutter oder Vater wirkt auf ein Kind so verletzend, dass es sich innerlich zurückziehen möchte.

Für die betroffenen Kinder ist diese Erfahrung traumatisch und in Bezug auf spätere Bindungen prägend. Tief im Inneren sehnt sich das Kind und auch der spätere Jugendliche und der Erwachsene weiterhin nach Mutter und Vater, nach der Anerkennung und der Liebe seiner Eltern.

Die Sehnsucht wird unbewusst umgewandelt in Angst, Trauer, Schmerz, Wut und Frustration.

Die unterbrochene Hinbewegung ist im Familienstellen »nach Hellinger« eine von zwei

Formen der Bindungsstörung (zusammen mit der Verstrickung). Dieses Phänomen ist strenggenommen keine systemische Störung, sondern das Ergebnis eines Ereignisses im Leben des Betroffenen.


Konsequenzen im System

Diese Erfahrung einer Trennung hat nachhaltige Wirkungen auf das Kind. Daraus kann ein

Kind beispielsweise allmählich die Überzeugung ableiten: »Ich bitte nie wieder um etwas.«

Die Hinbewegung wird unterbrochen und zurückgehalten, weil es für das Kind zu schmerzhaft ist, es immer wieder erfolglos zu versuchen. Im Erwachsenenalter weichen diese Kinder immer dort zurück, wo sie eigentlich Nähe, Sicherheit und Liebe finden möchten. Sie gehen ein Stück weit auf einen Partner zu, aber im entscheidenden Moment ziehen sie sich wieder zurück, und die Hinbewegung zum Partner wird dort unterbrochen, wo auch die Hinbewegung zu dem Elternteil endete. Dabei können reflexartig frühe Ängste, Misstrauen, Rückzug und Gefühlskälte, aber auch große Unzufriedenheit, Enttäuschung, bis hin zu Trotz, Wut und Hass auftauchen. Es gelingt dem Betroffenen nicht, sich dem Partner oder auch anderen Mitmenschen so zuzuwenden, dass es das annehmen und nutzen kann, was der Gegenüber gibt bzw. ist. Viele Nähe-Distanz-Probleme hängen mit dieser Problematik zusammen. Andere in diesem Zusammenhang zu beobachtende Symptome sind Angststörungen, Asthma, Allergien, Zwänge, Neurosen u. v. a. Eine unterbrochene Hinbewegung erkennt man in der Praxis oft am Umgang mit den Eltern.

Meist wollen die Betroffenen mit jenem Elternteil, zu dem die Hinbewegung unterbrochen

worden ist, möglichst wenig zu tun haben. Nicht selten sprechen sie auch abwertend über

diesen Elternteil, brechen die Beziehungen zu ihm ab oder »behaupten«, dass sie ihm gegenüber »nichts empfinden«. Solche Empfindungen schützen den Betroffenen vor der Wahrnehmung des Schmerzes. Doch der Schmerz wird dabei nur verdrängt.


Typisches Aufstellungsbild

Der Stellvertreter des Betroffenen fühlt sich sehr allein. Er steht oft in einer Position, in der er die anderen Mitglieder der Familie, z. B. den Ehepartner oder die Kinder, nicht sehen kann.


Lösungsansatz

Die Lösung besteht darin, die unterbrochene Liebe an ihr wahres Ziel zu bringen – zu Mutter

und/oder Vater. Das kann in einer Familienaufstellung geschehen, in der dem Drang hin

zu den Eltern endlich nachgegeben wird. Dazu muss der Vorgang gedanklich in die Zeit der

Unterbrechung zurückverlegt werden. Die unterbrochene Hinbewegung wird also in der »Vergangenheit« wieder in Ordnung gebracht. Bei Erwachsenen wird die Hinbewegung manchmal dadurch verhindert, dass der Betroffene seine Eltern verachtet oder ihnen Vorwürfe macht. Dann muss der Hinbewegung eine Verneigung vorausgehen. Bei Kindern ist es heilsam, wenn es den Eltern gelingt, die unterbrochene Liebe zu ihren eigenen Eltern wieder zum Fließen zu bringen.


Lösende Sätze

z.B. sagt das Kind mehrmals zur Mutter: »Mama, bitte!« – zuerst laut und drängend,

dann ganz ruhig.


Lösungsbild und Entlassungsritual

Das Aufstellungsbild entspricht dem der Festhaltetherapie, einer Therapieform, die für Kinder mit Bindungsstörungen entwickelt wurde: Der Stellvertreter des Elternteils hält den Ratsuchenden fest, bis die ursprüngliche Liebe, die in Wut und andere Gefühle umgeschlagen ist, wieder offen als Liebe und Sehnsucht fließen kann. Bei dieser Übung symbolisiert das Einatmen laut Bert Hellinger das In-Sich-Hineinnehmen des anderen und das Ausatmen steht für die Hinbewegung.



Unterbrochene Hinbewegung in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Für Franz Ruppert ist der Bindungsprozess zwischen Eltern und Kindern und ganz besonders

zwischen Mutter und Kind von größter Wichtigkeit. Eine Trennung auch nur für wenige Wochen kann beim Kind ein Verlusttrauma auslösen. Die von Bert Hellinger vorgeschlagene Methode, »die unterbrochene Hinbewegung ans Ziel zu führen« bei Menschen einzusetzen, deren Mütter in einem seelischen Trauma gefangen sind, hält Ruppert allerdings nicht für sinnvoll. Vielmehr sollte zunächst das Trauma der Mutter aufgedeckt werden, und der Ratsuchende sollte Abstand davon nehmen, der Mutter emotional wie ein Kind nah sein zu wollen. Dies mag zwar schmerzhaft für den Ratsuchenden sein, der Ablöseprozess führt

jedoch dazu, dass die Fixierung auf den schlechten psychischen Zustand der Mutter endet und damit auch das Bedürfnis, dieser ständig helfen zu wollen. Die Mutter-Kind-Beziehung gelangt dadurch auf eine gesunde Ebene.

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