Traumaaufstellung



In seiner Mehrgenerationalen Psychotraumatologie geht Franz Ruppert von der Annahme aus, dass die meisten psychischen Störungen ihre Ursache in einem Trauma haben. In seinem Aufstellungsansatz stehen deswegen die traumatischen Ereignisse in einem System im Mittelpunkt. In der Traumaaufstellung ist es vor allem wichtig, dass der Ratsuchende versteht, wie es zu einer psychischen Spaltung gekommen ist (siehe dazu »(Spaltung in) Persönlichkeitsanteile«). Außerdem muss er den Zusammenhang zwischen der Traumasituation und seiner Lebenssituation fühlen und erleben. Für Franz Ruppert ist eine Traumaaufstellung:


  • die Repräsentation psychischer Wirklichkeiten des Ratsuchenden durch Stellvertreter,

  • eine gemeinsame Suche (Ratsuchender und Aufsteller) nach den traumatischen Ursprüngen von Symptomen,

  • eine Methode zur Heilung psychischer Traumatisierungen und von Bindungsstörungen.


Vorgehensweise und Aufstellungstechnik

Im Vorgespräch zur Familiengeschichte wird vor allem der mögliche traumatische Hintergrund des Anliegens erfragt. Dazu ist häufig ein längeres Vorgespräch nötig. Traumata werden genannt und zugeordnet, entweder innerhalb …

  • des individuellen Lebenslaufs,

  • der frühen (auch vorgeburtlichen) Bindungsphase,

  • des Lebenslaufs einer wichtigen Bezugsperson, meist der Mutter,

  • des gesamten Bindungssystems des Ratsuchenden.

Die Herausforderung für den Aufsteller besteht darin, hinter all den Überlebensanteilen

den abgespaltenen traumatisierten Anteil zu entdecken. Besondere Formen bzw. Prinzipien der Aufstellungsarbeit werden u. a. in folgenden Fällen benutzt:

  • Dissoziationen offenlegen: Oft werden von vorneherein nicht nur zwei Personen z. B. die Mutter und ihr Kind, sondern vier bis sechs aufgestellt, jeweils zwei bis drei Stellvertreter stehen für die gespaltenen psychischen Anteile der Mutter und des Kindes, die sich während der Aufstellung völlig frei bewegen dürfen. So zeigen sich in der Aufstellung die Überlebensanteile, die Traumaanteile und die gesunden Anteile. Die Überlebensanteile sind dabei meistens kontrollierend und haben keinen Kontakt zu den Traumaanteilen. Die Traumaanteile sind häufig erstarrt und hilflos. Die gesunden Anteile können Mitgefühle wie Schmerz, Trauer oder Wut äußern.

  • Freies Agieren der Stellvertreter und sparsamer Einsatz direktiver Interventionen: Während der Aufstellung sind die Stellvertreter frei, ihre Gefühle, Gedanken und Wahrnehmungen auszudrücken. Außer körperlicher Gewalt ist jede Art von Interaktion erlaubt. Den Stellvertretern werden keine Vorgaben gemacht. Der Aufstellungsleiter greift in der Regel nicht ein und verändert auch nicht die Positionen.

  • Integration der psychischen Anteile: Wenn die Hintergründe des psychischen Konflikts klar genug erscheinen, wird versucht, die Persönlichkeitsanteile wieder zu integrieren. Durch die Aufstellung kommen die ursächlichen Ereignisse und Situationen in den Blick, und eine Verbindung zwischen den Traumaanteilen und dem gesunden Anteil kann entstehen. Die Traumaanteile können damit neue Erfahrungen machen. Dadurch nimmt der Druck auf die Überlebensanteile ab, und diese werden ruhiger. Das hilft, die durch das Trauma abgespaltenen Persönlichkeitsanteile wieder zu integrieren und innerlich heil zu werden. Das kann auch durch das Aussprechen von Sätzen, die meistens an die Traumaanteile gerichtet sind, unterstützt werden.

  • Hilfestellungen durch Ressourcen: An bestimmten Punkten einer Aufstellung wurden in der Anfangszeit des Traumaaufstellens Stellvertreter ins Spiel gebracht, die Ressourcen wie »Wärme«, »Sicherheit« oder »Liebe« für die traumatisierte Person darstellen sollten. Franz Ruppert hat diese Technik aber aufgegeben, weil sie aus seiner Sicht keine stabile Lösung herbeiführte.


Weiterentwicklung des Aufstellungsansatzes

Bei einer Traumaaufstellung besteht das Risiko, dass sie unübersichtlich wird, weil zahlreiche Stellvertreter beteiligt sind, um die unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile der verschiedenen Akteure der Traumasituation darzustellen. Seit 2009 benutzt Franz Ruppert eine Weiterentwicklung seiner Methode, die eine verdichtete Darstellung ermöglicht: das Aufstellen des Anliegens.


Ähnliche Ansätze

Franz Ruppert ist nicht der einzige Aufsteller, der das Modell einer gespaltenen Persönlich-

keit als Basis für seine Aufstellungsarbeit nutzt. Der Psychiater Robert Langlotz spricht auch

von seelischem Trauma und Abspaltung. Jedoch stellt er in seinem Aufstellungsformat der »systemischen Selbstintegration« andere Arten von Persönlichkeitsanteilen auf:

  • den »erwachsenen« Selbstanteil, der abgegrenzt und unabhängig ist,

  • den »kindlichen« Selbstanteil, der schwach, verletzlich und bedürftig ist,

  • den »Körper selbst«, der sich in Unschuld am Körper freuen darf.

Laut Robert Langlotz ist diese Form des Aufstellens besonders geeignet für die Arbeit mit

»psychischen« Erkrankungen wie Psychosen, schweren Depressionen, Süchten, Essstörungen

oder Borderlinestörungen. Zu erwähnen sind in diesem Kontext auch die »integrativen Systemaufstellungen« von Freda Eidmann.



Quellen: 215, 216

Querverweise: »Aufstellen des Anliegens«, »(Spaltung in) Persönlichkeitsanteile«.

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