Trauma, Traumastörungen und Symbiosetrauma



Ein Trauma folgt auf ein Ereignis, das der Mensch als bedrohlich erlebt und auf das er

nicht angemessen reagieren kann: Er fühlt sich der Situation hilflos und ohnmächtig ausgeliefert. Würde der Mensch mit seinen Stressreaktionen auf die Bedrohung weitermachen, würde dies zum sicheren »Untergang« führen. Um in einer Traumasituation nicht vor Angst zu sterben oder den Verstand zu verlieren, gibt es zwei Notfall-Schutzmechanismen:

  • Innere Erstarrung: Das bedeutet aufgeben des Versuchs, durch eigenes Handeln der traumatisierenden Situation zu entkommen. Der Vorteil der Erstarrung liegt darin, dass der betroffene Mensch den zugefügten Schmerz nicht mehr spüren muss.

  • Dissoziation und psychische Spaltung: Dissoziation bedeutet, dass Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Erinnern und Handeln keine Einheit mehr bilden. Diese Handlungseinheit zerfällt in isolierte psychische Vorgänge. Zu einer Wahrnehmung gibt es dann z. B. keine Gefühle mehr. Psychische Spaltung bedeutet, dass sich nach dem Erleben eines Traumas die Persönlichkeitsstruktur der betroffenen Personen aufspaltet und der Mensch künftig in den folgenden unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen weiterlebt:

  1. gesunde Persönlichkeitsanteile,

  2. traumatisierte Persönlichkeitsanteile, den psychischen Aufbewahrungsorten für die schlimmen Erfahrungen, die das Trauma hervorgerufen haben,

  3. Überlebensanteile, die Schutzmechanismen und Strategien entwickeln, um zu vermeiden, dass traumatische Erinnerungen wieder ins Bewusstsein kommen.

In der Tierwelt reagieren z. B. Beutetiere mit Totstellen und Erstarrung, um eine aussichtslose

Situation zu überstehen und in einem unbeobachteten Augenblick mit einem starken

Zittern wieder aus der Starre zu erwachen und zu flüchten. Dieser in der Tierwelt vorhandene

Aufwachmechanismus funktioniert beim Menschen leider nicht: Die Energie bleibt im

Körper vorhanden und wird im Nervensystem gespeichert. Die Schutzmechanismen sind für

das Überleben eines Traumas während und eine gewisse Zeit nach der Traumaerfahrung

dringend notwendig und unverzichtbar. Sie werden allerdings langfristig gesehen selbst

zum größten Problem: Sorgfältige Analysen des Geschehens, die sachliche Frage nach der

möglichen Wiederholbarkeit der Traumasituation, die kritische Prüfung der Konsequenzen

der extremen Schutzmechanismen für die eigene Gesundheit und für die Beziehungen zu anderen bleiben aus, weil Angst und Aufregung permanent die Überlebensanteile aktivieren. So können sich die Schutzmechanismen mit der Zeit verselbstständigen, und sie bestimmen das innere Leben und das Handeln weiterhin, auch wenn die Möglichkeit einer erneuten Traumatisierung nicht mehr gegeben ist. Traumatisiert werden dabei nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter und die Zeugen eines traumatischen Ereignisses und sogar Gruppen bzw. Beziehungssysteme.


Konsequenzen eines Traumas: Traumastörungen

Psychische Störungen und Krankheiten:

Nach der Theorie der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie sind alle Symptome psychischer Störungen die Folgen von unterschiedlichen Traumatisierungen. Es ist z. B. möglich, dass Menschen sich erst Wochen, Monate oder Jahre später wieder an die ursprünglich Trauma auslösende Situation erinnern und mit Körpersymptomen, Panikattacken oder auch Vermeidungsverhalten reagieren.


Bindungsstörungen:

Menschen, die ein Trauma erleiden mussten, können dies oft nur bewältigen, wenn sie ihr

emotionales Empfinden reduzieren, um nicht wieder von den schmerzvollen Gefühlen der

Traumasituation überw.ltigt zu werden, wie z. B. von Panik, Hilflosigkeit und Verzweiflung.

Die emotionale Zurückhaltung bzw. dieses in großen Teilen »Abgeschnittensein« von den

eigenen Gefühlen wirkt sich insbesondere auf zwischenmenschliche Beziehungen hinderlich

aus. So können zwar Beziehungen mit anderen Menschen gestaltet werden, emotionale Bindungen kommen aber trotzdem nur schwer zustande. Denn dies würde bedeuten, dass sich der Mensch seiner Traumaerfahrung wieder öffnet. Dadurch besteht für ihn aber die Gefahr, wieder in Kontakt mit seinen Traumagefühlen zu kommen. Meist zieht er sich daher emotional schnell wieder zurück.


Arten von Traumata

Franz Ruppert unterscheidet zwischen vier verschiedenen Arten psychischer Traumata mit

unterschiedlichen psychophysiologischen Konsequenzen für die Betroffenen:

  • Existenztrauma: Dies sind Situationen, in denen es für einen Menschen um Leben und Tod geht, z. B. bei einem Verkehrsunfall, einem Überfall, einer Naturkatastrophe oder in Kriegssituationen. Das Hauptgefühl ist Todesangst. Meist erstarrt der Betroffene gegen Ende der Traumasituation. Menschen, die ein Existenztrauma erlitten haben, haben oft Schwierigkeiten, den Übergang vom bloßen Überleben zu neuem Leben und Genießen zu vollziehen. Manche bleiben lebenslang in ihrer Traumaerfahrung gefangen. Existenztraumata führen oft zu extrem erhöhten inneren Anspannungen und panikartigen Ängsten sowie zu Rückzug und Vermeidungsverhalten, aber auch zu Zwangsgedanken und Zwangsverhalten. Die Ängste können so weit gehen, dass der Betroffene Selbstmord verübt.

  • Verlusttrauma: Dieses wird durch das Zerreißen von existenziellen emotionalen Bindungen durch den Verlust nahestehender Personen hervorgerufen, wie z. B. plötzlicher Tod von Eltern oder Kindern, Trennungen, Scheidungen, Adoptionen, aber auch Abtreibungen oder Heimatverlust. Dieses Trauma ist besonders stark, wenn die Bindung zur Mutter betroffen ist, z. B. weil ein Kind längere Zeit von seiner kranken Mutter getrennt wurde. Das Hauptgefühl ist Verlassenheitsangst. Verlusttraumata führen zu tiefen Einsamkeitsgefühlen, chronischer Traurigkeit, Lebenshemmungen und schweren Depressionen – manchmal bis hin zum Selbstmord. Zu diesen zwei »klassischen« Traumaformen können laut Franz Ruppert zwei weitere dazukommen, wenn man beobachtet, wie traumatisierte Menschen auf andere Menschen einwirken. Diese Traumaformen lassen sich nicht auf einmalige Ereignisse zurückführen, sondern sie stellen einen Dauerzustand der Ohnmacht und Hilflosigkeit dar:

  • Bindungstrauma: Dies ist die Abhängigkeit von einer Person, an die man seelisch gebunden ist, von der man aber abgelehnt wird. Das entsteht z. B. wenn es für ein Kind unmöglich ist, sich in seinem Familiensystem sicher zu fühlen, weil die Bindung zu einer wichtigen Person – meistens der Mutter – zerstört wurde. Das spezielle Bindungstrauma zwischen Mutter und Kind bezeichnet Franz Ruppert als Symbiosetrauma. Bei einem Symbiosetrauma kann sich ein Kind nicht auf die Gefühle seiner Eltern einstellen. Sie bleiben für ihn unberechenbar. Dies geschieht z. B. durch traumatisierte, abweisende, gewalttätige, sexuell missbrauchte oder psychisch kranke Eltern. Bindungstraumata erzeugen ein Gefühlschaos aus Angst, Liebe, Wut, Schuld, Scham und innerer Zerrissenheit. Allen Beziehungen wird misstraut. Betroffene können keine gesunden Bindungsbeziehungen mehr eingehen. Im schlimmsten Fall können Bindungstraumata zu Aggression, Drogenabhängigkeit, Magersucht, psychosomatischen Allergien oder Persönlichkeitsstörungen führen.

  • Bindungssystemtrauma: Dieses wird durch Geschehnisse in einem Bindungssystem verursacht, die im Prinzip zu seiner Auflösung führen sollten, weil sie moralisch und ethisch nicht zu rechtfertigen sind. Mord, Inzest, sexueller Missbrauch oder Abtreibungen in späten Schwangerschaftsmonaten sind Beispiele für solche Geschehnisse. Die Hauptgefühle sind Scham und Schuld, deswegen werden diese Ereignisse oft zu Familiengeheimnissen, Bindungssystemtraumata sowie zu emotionalen und oft auch zu geistigen Verwirrungen führen. Das kann in Psychosen und Schizophrenie enden.

In allen Fällen führt eine Traumatisierung bei den Betroffenen zu massiver Beeinträchtigung

ihrer Bindungsfähigkeit zu anderen Menschen. Das Gefühl der Liebe und des Vertrauens zu

anderen Menschen wurde durch das Trauma in seinen Grundfesten erschüttert.


Mehrgenerationale Übertragungen von Traumata: Symbiosetrauma

Weil traumatische Erfahrungen die Bindungsfähigkeit von Menschen erheblich beeinträchtigen, können sich traumatisierte Mütter oder Väter ihrem Kind emotional nicht öffnen. Sie fürchten den Kontakt mit ihren eigenen traumatisierten Anteilen. Das Kind ist dabei hilflos und ohnmächtig und kann keinen stabilen, sicheren, Halt gebenden emotionalen Kontakt zu seiner traumatisierten Mutter aufbauen. Wenn Kinder versuchen, sich an traumatisierte Eltern zu binden, geraten sie in ein Symbiosetrauma. In dieser Verstrickung überschreiten Kinder die Grenzen der eigenen Person und Identität. Sie

binden sich an die Anteile ihrer Vorfahren, an die auch ihre Mütter gebunden sind. Dabei

fühlen sie diese übernommenen Gefühle so, als wären es eigene Gefühle und so, als hätten sie das Trauma selbst erlebt. Dadurch verlieren sie jegliche Identität und Orientierung. Sie erleben auch eine lebenslange symbiotische Verstrickung mit den Eltern und in anderen nahen Beziehungen. Vor allem durch die Mutter nicht befriedigte symbiotische Bedürfnisse führen zum Anklammern an andere Personen, zu Schwierigkeiten bei der Gefühlsregulation, nur scheinbarer Autonomie und Misstrauen in Beziehungen. Das Symbiosetrauma ist eine besonders starke Form eines Bindungstraumas, und es bildet die Grundlage von psychischen Störungen wie Ängsten, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Süchten oder Psychosen. Es schlägt sich aber auch in zahlreichen körperlichen Erkrankungen nieder, wie u. a. körperliche Verspannung, Herzprobleme, Bluthochdruck, Unruhe, Schlaflosigkeit oder Erschöpfungszustände.


Lösungsansätze

Der Ausstieg aus einem Trauma kann nicht nur kognitiv geschehen, denn das Trauma besteht nicht in erster Linie in den Gedanken, die man nicht ertragen kann, sondern in den

nicht aushaltbaren Gefühlen und den damit verbundenen körperlichen Reaktionen. Alle

Vorsätze oder Ratschläge, sich mit dem Trauma nicht mehr zu befassen, nützen im Endeffekt

nichts. Man muss noch einmal an die Gefühle und Körperreaktionen herankommen, die nach

dem Trauma isoliert voneinander im Gehirn, im Körper oder im Gefühlserleben vorhanden sind, und sie wieder zusammenfügen. Bei der Arbeit mit Traumata in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie gibt es weiterhin mehrere Grundprinzipien:

  • Der Ratsuchende sollte den Zusammenhang zwischen seinen Symptomen und seiner Traumaerfahrung verstehen.

  • Er sollte kontrolliert Zugang zu seinen abgespaltenen Erinnerungen und Gefühlen bekommen.

  • Es sollte ihm dabei geholfen werden, mit seinen Traumagefühlen so umzugehen, dass sie ihn nicht mehr überfluten.

  • Der Ratsuchende muss mit den traumatisierten Ich-Anteilen in Kontakt treten.

  • Er sollte lernen, sich aus symbiotischen Verstrickungen, die ihm schaden, zu lösen. Eine Aufstellung eignet sich sehr gut für die Arbeit mit Traumata.


Die Lösungsansätze hängen allerdings von der Art des Traumas ab:

  • Existenztrauma: Bei einem Existenztrauma geht es um die Wiedergewinnung von Vertrauen in die äußere Sicherheit. Der Traumaanteil muss dazu die ursprüngliche Angst zeigen dürfen, und die im Körper gespeicherte Anspannung muss abreagiert werden. Gelingt dies, können es die Überlebensanteile wagen, ihre Kontrollstrategien nach und nach aufzugeben.

  • Verlusttrauma: Das Ziel bei einem Verlusttrauma ist es, den nicht vollzogenen Trauerprozess beim Klienten in Gang zu setzen, damit der Weg zu einer neuen, sicheren Bindung frei wird. Wenn ein Elternteil z. B. immer noch um ein verlorenes Geschwister trauert und an ihm festhält, kann sich der Elternteil für sein eigenes Kind nicht öffnen. Erst wenn die Trauerarbeit vollzogen ist und der Elternteil seine bisher geblockten Gefühle fließen lässt, kann sich die Bindung zum Kind frei entwickeln. Der Verlust muss dabei als endgültig akzeptiert werden, und der Ratsuchende sollte sich von der (unbewussten) Illusion trennen, der geliebte Tote sei weiterhin am Leben und erreichbar. Dabei hilft die Vorstellung, dass ein Verstorbener nicht möchte, dass ein Lebender seinetwegen auch nicht mehr leben will und sich nicht am Leben freuen kann.

  • Bindungstrauma: Durch ein Bindungstrauma entsteht eine »Entweder-Oder«-Sichtweise auf eine Beziehung. Das ist folgendermaßen zu verstehen: Entweder jemand befindet sich in emotionalem Kontakt zu einem anderen Menschen und wenn diese Beziehung schwierig wird, versucht derjenige, sich dem anderen anzupassen und findet deshalb selbst keine Ruhe mehr oder jemand vermeidet generell Gefühle in Beziehungen, bekommt dann aber keinen wirklichen Kontakt zu seinen Mitmenschen und bleibt innerlich leer, einsam und kalt. Der Heilungsprozess erfordert in erster Linie die Erkenntnis, dass die eigene Mutter und/oder der eigene Vater so sehr mit ihren eigenen Traumata beschäftigt waren, dass sie ihr Kind nicht wirklich sehen konnten, sondern es nur verzerrt durch die Schemata ihrer eigenen Traumata wahrnahmen. Das Kind muss deswegen die Illusion aufgeben, dass seine Eltern es so sehen können, wie es wirklich ist. Es braucht auch die negativen Seiten der Beziehung zu seinen Eltern, wie z. B. deren aggressives Verhalten, nicht zu verharmlosen. Für das Kind ist es eine bittere und traurige Wahrheit, doch es ist die einzige Wahrheit. Das bedeutet lernen, sich endlich von den eigenen Eltern und deren emotionalem Chaos abzugrenzen. Es bedeutet auch, zwischen den eigenen Gefühlen und den von den Eltern übernommen Traumagefühlen zu unterscheiden. Bei Bindungstraumata ist es eigentlich optimal, wenn die Eltern bereit sind, an ihren eigenen Traumata zu arbeiten (siehe dazu »Eltern-Kind-Bindung«).

  • Bindungssystemtrauma: Die Kraft für eine Wendung wächst aus dem Mut, zu den eigenen Schuld- und Schamgefühlen zu stehen. Wenn man als Kind in einem Bindungssystemtrauma verstrickt ist, sollte die Bindung an das familiäre Herkunftssystem gelöst werden. Oft muss dafür zuerst ermittelt werden, was das Problem im System ist. Die Vorkommnisse, die solche Traumata bewirken, werden in der Regel verleugnet, wie z. B. der Missbrauch eines Kindes. Der Ratsuchende oder genauer gesagt sein symbiotischer Überlebensanteil, der mit dem Täter und/oder dem Opfer im System in seelischer Verbindung steht, muss die Illusion aufgeben, in diesem System etwas wiedergutmachen zu können. Er muss die Wahrheit dessen, was an Unrecht geschehen ist, akzeptieren, und sollte zu seiner eigenen Art und Weise finden, mit Liebe, Sexualität und Wut umzugehen. Die Schwierigkeit bei der Arbeit mit Bindungssystemtraumata besteht darin, dass die Familienmitglieder die Zusammenarbeit oft verweigern und Familiengeheimnisse nicht preisgeben. Dadurch wird das Herausfinden der Ursache für die seelische Verwirrung erschwert.



Traumata, Traumastörungen und Familienaufstellen

»nach Hellinger«

Für Franz Ruppert arbeitet Bert Hellinger implizit mit Traumastörungen, hat jedoch keine echte Systematik für die Erfassung und Heilung von Traumastörungen entwickelt. Die »Ereignisse« oder »schweren Schicksale« im Familiensystem sind nichts anderes als massive Traumata im Bindungssystem:

  • Kriegsereignisse, extreme Gewalt, Mordversuche oder schwere Unfälle sind nichts anderes als Existenztraumata.

  • Früher Tod der Eltern oder eines Kindes, Trennung der Eltern, Trennung vom früheren Partner, Adoption, Fehlgeburt, Abtreibung oder Verlust der Heimat sind Verlusttraumata.

  • Eine unterbrochene Hinbewegung ist ein Bindungstrauma.

  • Kindesmissbrauch, Familiengeheimnisse oder eine schwere Schuld verbergen oft ein Bindungssystemtrauma.


Quellen: 211, 212, 213, 214

Querverweise: »Mehrgenerationale Psychotraumatologie«, »(Spaltung in) Persönlichkeitsanteile«, »Traumaaufstellung« oder »Aufstellen des Anliegens«

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