Tod und Trauer




Tod und Tote in den Familienaufstellungen »nach Hellinger«

Tod und Tote spielen bei Aufstellungen oft eine wesentliche Rolle. Viele Probleme der Ratsuchenden hängen mit Toten zusammen. Aus Sicht der Aufsteller »nach Hellinger« zeigen Aufstellungen deutlich, dass Tote die Lebenden beeinflussen. Wenn etwas noch ungelöst ist, wirkt es als eine Störung bis in die Gegenwart hinein. Der Ratsuchende hängt dann an der Vergangenheit, statt in die Zukunft zu blicken. Zwei Kernfragen der Aufstellungsarbeit in diesem Zusammenhang lauten daher:

  • Wo ist ein Verstorbener aus der Erinnerung der Lebenden und aus deren Liebe ausgeschlossen oder ausgeklammert?

  • Wo sind Lebende von Verstorbenen durch Unfrieden oder etwas Ungelöstes getrennt?

Bei der Arbeit mit Toten wird oft unterschieden zwischen Toten aus dem Gegenwartssystem,

die ein Verlustgefühl hinterlassen haben, auch wenn ihr Tod – wie es z. B. oft der Fall bei abgetriebenen Kindern ist – geheim gehalten wurde, und Toten aus dem Herkunftssystem, die über Verstrickungen auf das Leben der Nachkommen einwirken.


A – Verlust eines geliebten Menschen aus der Gegenwartsfamilie

Für die psychische und seelische Gesundheit der Bleibenden scheint ein bewusster und würdiger Abschied von den Toten sehr bedeutsam zu sein. Eine Trauerzeit ist unabdingbar. Sie ist der Prozess zum Gehenlassen des Verstorbenen. Die Beziehung ist zu Ende, Schmerz und Trauer zu empfinden, sind die angemessene Reaktionen. Die Trauer hilft dabei, sich von den Toten trennen zu können und frei von ihnen zu werden. Nach etwa einem Jahr oder in sogar kürzerer Zeit muss die Trauer allerdings aufhören. Die Toten erhalten dann ihren Platz im Herzen der Lebenden. Wenn die Trauer jedoch länger anhält als ein Jahr, ist mit der Liebe oft etwas problematisch. Manche Menschen lassen die Toten nicht ziehen, manche nehmen sie nicht mehr in ihr Herzen auf. Wenn jemand zu stark an die Toten gebunden bleibt, sie vermisst, sich jahrelang nach ihnen sehnt, hält er sie in sich fest und kann sich für neue Beziehungen nicht öffnen. Die Trauer um die Toten gelingt am besten, wenn die trauernde Person ihnen dankt, wenn sie auf das Gute schaut, das sie von ihnen bekommen hat und wenn sie den Toten innerlich sagt: »Danke. Ich halte es in Ehren, und ich mache etwas damit«. Dann können sich die Toten lösen, weil das, was sie der überlebenden Person gegeben haben, weiter wirken kann.


Konsequenzen im System

Die häufigste Konsequenz ist die Dynamik der Nachfolge. Der Betroffene sagt dabei zum toten Systemmitglied: »Ich folge dir nach.« Oft haben schwere Krankheiten im jugendlichen

Alter solche Ursachen: Der Wille zum Leben ist geschwächt, und der Körper reagiert mit

Krankheiten. Andere Menschen gehen in Richtung Tod, indem sie den Weg über Exzesse und Drogen nehmen, schwere Unfälle erleben oder suizidgefährdet werden. Allerdings kann jemand, der einem Familienmitglied in den Tod folgen möchte, auch gesund bleiben. Der Betroffene lebt dann aber meistens so, als ob er schon tot sei, wirkt apathisch und immer »abwesend«. So fühlt sich beispielsweise ein Kind, dessen Mutter bei der Geburt starb, schuldig und traut sich nicht, fröhlich und glücklich zu sein (siehe dazu »Lebenshemmung«).

Diese vier Fälle kommen besonders häufig vor:

  • Verlust eines Elternteils: Wenn der Vater oder die Mutter stirbt und das Kind jünger als etwa 15 Jahre ist, zeigen Aufstellungen ebenfalls oft eine Bewegung hin zum Tod. Wenn ein Kind das Alter seines früh verstorbenen Elternteils erreicht hat, entwickelt es oft die Vorstellung, dass es nicht länger leben darf. Wenn z. B. die Mutter mit 23 im Kindbett verstarb, nimmt sich das Kind mit 23 das Leben. Oft setzt sich dann die Dynamik der Selbstmorde über mehrere Generationen fort. Durch den frühen Tod eines Elternteils entstehen auch häufig Depressionen.

  • Tod eines Kindes: Der Tod wirkt sich unmittelbar auf die überlebenden Geschwister aus. Wenn in einer Geschwisterreihe ein verstorbenes Kind fehlt, weil sein Tod in der Familie ausgeblendet wird, fühlen sich die anderen Kinder meistens nicht wohl und vermissen etwas. In ihnen entsteht auch häufig ein Schuldgefühl, dass sie am Leben geblieben sind, während der Bruder oder die Schwester sterben musste. Tief im Inneren wird es als Unrecht empfunden, weiterzuleben. Aus diesem Gefühl heraus entsteht in den Lebenden eine unbewusste Bewegung hin zum Tod, denn sie möchten dort sein, wo ihr Geschwister ist. Nicht selten fühlt sich auch das nachfolgende Kind verpflichtet, das verstorbene zu vertreten, weil es sich selbst als »Ersatzkind« wahrnimmt. Es fühlt sich wie das verstorbene Geschwisterkind und findet nicht zu sich selbst.

  • Tod eines Partners: Die Bindung zu einem Partner kann sehr stark sein. Es ist statistisch bewiesen, dass beim Tod eines Ehepartners die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten zwölf Monaten ebenfalls zu sterben, zehnmal höher ist. Viele Menschen, die den Tod des Partners überleben, glauben, auf ein weiteres Lebensglück verzichten zu müssen. Dabei wird in Familienaufstellungen oft beobachtet, dass die Toten durchaus wohlwollend auf eine neue Beziehung des noch Lebenden schauen.

  • Tod von Schicksalsgefährten: Nachkommen der Überlebenden z. B. eines Krieges wenden sich den toten Kameraden oder den Opfern ihrer Väter und Großväter zu und verspüren Todessehnsucht.


Mögliches Aufstellungsbild

Es gibt in Aufstellungen eine Reihe von Anzeichen, dass es jemanden zum Tod zieht. Der

Stellvertreter schaut oft in die Ferne, zum Fenster oder zur Tür und spürt, dass es ihn dort hinzieht – symbolisch zu den Toten der Familie. Wenn er in diese Richtung gehen darf, fühlt er sich mit jedem Schritt, den er weitergeht, entspannter. Oft schaut in einer Aufstellung ein Stellvertreter auf eine Stelle auf dem Boden. Es bietet sich an, den Repräsentanten des Toten an die Stelle hinzustellen, zu der der Stellvertreter hin will oder in die er schaut. Ein anderes Zeichen für den Sog zum Tod ist es, wenn der Stellvertreter fasziniert nach oben oder in die Ferne blickt und sich dabei leicht und frei fühlt. Wenn ein Toter aufgestellt wird, liegt er meistens friedlich mit geschlossenen Augen auf dem Boden. Tote mit offenen Augen haben ihren Frieden oft noch nicht gefunden oder mussten im Leben etwas ungelöst hinterlassen. Tote, die noch erbost sind, haben manchmal die Hände zu Fäusten geballt.


Lösungsansatz und lösende Sätze

In Aufstellungen werden die Abschiede für die Lebenden und die Toten nachgeholt, die in der Realität nicht mehr vollzogen werden konnten. Der Lösungsansatz besteht dabei oft darin, die Dynamik des »Sogs zu den Toten« ans Licht zu bringen und die Toten und ihr Schicksal zu ehren. Für die Lebenden geht es darum, die früh verstorbenen und ihr Schicksal zu achten. Das Ehren der Toten bringt für die Lebenden das Leben. Sehr positiv ist es auch, wenn in einer Familienaufstellung ein totes Familienmitglied einem lebenden seinen Segen für dessen weiteres Leben gibt. Es gibt aus Erfahrung keinen Grund, sich vor Toten zu fürchten, weil sie meistens nur wünschen, dass ihrem Leid nicht noch zusätzliches hinzugefügt wird. Sätze, die diese Achtung ausdrücken, sind z. B. (für weitere Details, siehe »Nachfolge«):

  • »Ich achte dich und deinen Tod.«

  • »Ich gebe dir als meiner großen Schwester einen Platz in meinem Herzen. Bitte schaue freundlich auf mich, wenn ich lebe.«

  • »Dein Tod war schlimm für mich. Du fehlst mir sehr. Dir zur Freude, mache ich etwas aus meinem Leben.«

Beim Abschied von einem Kranken hilft oft der Satz: »Auch wenn du gehst, die Liebe zu dir bleibt in meinem Herzen.«


Aufstellungstechnik

Der Aufstellungsleiter lässt die Toten manchmal in einer Aufstellung …

  • stehen, wenn sich herausstellt, dass sie mit den Lebenden noch etwas zu lösen haben,

  • liegen, wenn beabsichtigt wird, die endgültige Tatsache ihres Todes und die Akzeptanz ihres Schicksal durch die Überlebenden zu erhalten.


Wirkung von Toten aus der Herkunftsfamilie

Beim Familienstellen wird zusätzlich deutlich, dass Ratsuchende mit Personen aus ihrer Herkunftsfamilie in Verbindung stehen, die längst verstorben sind. Alle Verstorbenen, bis in die Großelterngeneration und manchmal noch bis zu den Urgroßeltern, wirken, als wären sie tatsächlich noch da, vor allem diejenigen, die ausgeschlossen wurden. Aus diesem Grund werden verstorbene Personen häufig aufgestellt.


Übernommene Trauer

Es gibt Menschen, die ohne ersichtlichen Grund traurig sind. Dabei handelt es sich oft um übernommene Trauer. Eigene Trauer bedeutet, dass jemand einen unmittelbaren Anlass hat zu trauern, einen unmittelbaren Verlust erlitten hat, der ihn persönlich betrifft. Wenn es diesen Anlass jedoch nicht gibt, wird von »übernommener Trauer« gesprochen. Die Person trauert dann stellvertretend für einen anderen Menschen. Dies wird oft in Familien beobachtet, bei denen der Vater im Krieg traumatisiert wurde und deshalb von seinen Gefühlen auch vom Gefühl der Trauer abgeschnitten ist. In solchen Familien trauert oft ein Kind anstelle des Vaters. Die Motivation dazu ist Liebe und Loyalität vor dem gedanklichen Hintergrund: »Wenn du es nicht kannst, trauere ich gerne für dich.«


Konsequenzen im System

Wenn Dinge mit den Toten aus der Familie ungelöst sind, wirkt dies in Form einer Störung bis in die Gegenwart hinein. Vor allem wenn den Verstorbenen nicht die gebührende Ehre gegeben wird, wirken solche Störungen bis in die späteren Generationen. Mitunter finden sich z. B. verstorbene Täter und Opfer in der Familie, die noch nicht versöhnt sind. Die häufigste Konsequenz besteht darin, dass ein Nachkomme die Gefühle des Verstorbenen übernimmt (siehe dazu »Übernahme von fremden Gefühlen«).


Lösungsansätze

Eine Besonderheit der Familienaufstellungsarbeit »nach Hellinger« liegt darin, dass nicht nur

Probleme der Lebenden, sondern auch die von Verstorbenen gelöst werden können. Vor allem in den früheren Aufstellungsformaten Hellingers wurden Lösungen zuweilen ganz auf der Ebene der Verstorbenen erreicht. Die Stellvertreter führten dann aus, was die Verstorbenen zu Lebzeiten nicht mehr tun konnten. So sollte es im Nachhinein unter ihnen zu einem Ausgleich und zum Frieden kommen. Mittlerweile werden diese Themen oft ungelöst gelassen, und der Ratsuchende achtet und respektiert lediglich das Schicksal der Verstorbenen. In vielen Aufstellungen ist die Begegnung mit den Toten ein erlösender Schritt. Wenn die Toten geachtet werden, werden sie freundlich gegenüber den Lebenden. Deren Beziehungen zu den Toten wandeln sich ebenfalls. Von ihnen geht Gutes und Heilendes aus und nichts Störendes mehr.


Lösungsbild und Entlassungsritual

Manchmal werden in einem Ritual übernommene Gefühle zurückgegeben. Als Symbol für

ein solches Gefühl kann z. B. ein schwerer Stein genutzt werden, der übergeben wird. Das Ritual war erfolgreich, wenn der Stellvertreter sich anschließend erleichtert fühlt und spontan aufatmen kann. Gelang die Rückgabe nicht wirklich, muss sie wiederholt werden. Dieses Ritual stellt einen Akt der Würdigung dar, durch den anerkannt wird, dass die Person stark genug ist, ihre Last allein tragen zu können Tote, die nicht im Frieden sind. Manchmal zeigt sich auch in einer Aufstellung, dass ein Toter noch keinen Frieden gefunden hat. Das kann verschiedene Gründe haben: Diejenigen, mit denen die Lebenden noch in Wut und Hass verbunden sind, bleiben lange, ebenso diejenigen, um die nicht getrauert oder die vergessen wurden und/oder denen keine Achtung entgegengebracht wurde. Oft ist auch etwas in der Familie unerledigt, oder die Familie schuldet dem Toten noch etwas. Es ist meistens nicht der Ratsuchende, der dem Toten etwas schuldet, sondern jemand aus einer früheren Generation. Der Aufstellungsleiter lässt dann den Ratsuchenden zur Seite treten, damit der Tote zu demjenigen blicken kann, um den es geht.

In Aufstellungen stellt sich auch manchmal heraus, dass manche Tote noch nicht wissen, dass

sie gestorben sind. Das sind häufig Menschen, die sehr plötzlich und unerwartet gestorben

sind, z. B. durch einen Unfall oder Herzinfarkt. Aber auch viele Selbstmörder sind darunter. Sie verhalten sich dann in Aufstellungen so, als seien sie noch nicht gestorben. Dadurch entsteht bisweilen die Dynamik Anhaftung der Toten.


Tod und Tote in der Mehrgenerationalen

Psychotraumatologie

Nach Franz Ruppert erleidet ein Mensch durch den Tod den Verlust einer für ihn wesentlichen Bindung. Dies stellt unter Umständen ein schweres Verlusttrauma dar. Das Ausmaß des Verlustes ist abhängig vom Zeitpunkt des Todes, der Dauer des gemeinsamen Lebens und der Intensität der emotionalen Beziehung. Situationen, die ein solches Verlusttrauma bewirken, sind typischerweise:

  • Wenn die Kinder noch jung sind, hinterlässt der Tod der Mutter oder des Vaters tiefe psychische Wunden. Der Tod der Mutter im Kindbett wirkt besonders oft traumatisierend. Dies ist für das Kind die größtmögliche Verlusterfahrung. Nicht nur, dass die Mutter nicht mehr da ist, sie ist bei der Geburt, also seinetwegen, gestorben.

  • Der Tod eines Kindes oder Geschwisters, z. B. durch Unfall, Krankheit, Verbrechen aber auch von ungeborenen Kindern durch Fehlgeburten oder Abtreibungen, ist sowohl für die Eltern als auch für die Geschwister sehr schwer zu akzeptieren. Vor allem wenn ein Familienmitglied in jungen Jahren stirbt, bis etwa zum Alter von 25 Jahren, hat dieses Ereignis eine besonders nachhaltige Wirkung auf das ganze Familiensystem. Der zu frühe Tod ist für die Familie oft nicht zu verarbeiten. Geschwister, vor allem das unmittelbar danach geborene Kind, fühlen, dass ein Kind fehlt und vertreten es unbewusst mit Gefühlen des Nicht-beachtet-Werdens, des Fehl-am-Platz-Seins oder auch mit einer unerklärlichen Todessehnsucht. Besonders schlimm ist es für ein nachfolgendes Kind, wenn es den Namen des verstorbenen Geschwisters erhält und ihm damit signalisiert wird, dass es dieses vertreten soll.

Tote werden laut Franz Ruppert aus verschiedenen Gründen in der Psyche eines überlebenden Familienmitglieds festgehalten:

  • weil ihr Tod zu früh war – insbesondere bei Kindern –, um ihn durch Trauer bewältigen zu können,

  • weil ihr Tod einen Schockzustand und Panik hervorgerufen hat und damit der Trauerprozess nicht im Gang kommen konnte, wie z. B. in Kriegssituationen oder bei Unfällen,

  • weil es Schuldgefühle dem Toten gegenüber gibt, wie z. B. ihm in seiner Sterbestunde nicht oder nicht genügend beigestanden zu haben.

Wegen der Unterdrückung der Angst-, Wut- und Schmerzgefühle kann sich der Verlustschmerz nicht im vollen Ausmaß entwickeln, und die verstorbene Person ist aus der Seele des Hinterbliebenen nicht wirklich verschwunden, sondern sie ist in der Fantasie des Überlebensanteils sogar noch lebendig. Das Überlebens-Ich versucht sogar, das Bild der verlorenen Person auf eine real verfügbare Person zu übertragen: Die Partnerin soll die früh verstorbene Mutter ersetzen, das eigene Kind ein tragisch verstorbenes Geschwisterkind.

Die Ersatzpersonen können vom Überlebens-Ich nicht so wahrgenommen werden, wie sie in der Realität sind, und wirkliche Nähe kann nicht zugelassen werden, weil sonst der traumatisierte Anteil zu sehr aktiviert wird.


Lösungsansatz

Siehe »Trauma, Traumastörungen und Symbiosetrauma«.


Quellen: 208, 209

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