Täter-Opfer-Bindung




Täter-Opfer-Bindungen zeigen sich in Familienaufstellungen häufig z. B. in Zusammenhang

mit Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, aber auch Mord oder – in Deutschland oft – Taten aus der Nazizeit.


Täter-Opfer-Bindung in den Familienaufstellungen

»nach Hellinger«

Oberflächlich betrachtet ist die Schuldverteilung zumeist klar: auf der einen Seite unschuldige Opfer, auf der anderen Seite schuldige Täter. Die meisten Menschen neigen dazu, sich auf die Seite der Opfer zu stellen und die Täter zu verurteilen. Bei genauer Betrachtung stellt sich aber nicht selten heraus, dass es nicht so einfach ist. Häufig ist die Ursache ein systemischer Konflikt, der seinen unterbewussten Ausdruck beim Täter in Hass und Gewalt findet. Aus systemischer Sicht ist niemand böse, nur weil er Spaß daran empfindet. Der Täter ist verstrickt, er ist nicht frei. Es war sein Schicksal, Täter (z. B.

Mörder oder Vergewaltiger) zu werden, und es ist das Schicksal des Opfers, zum Opfer zu werden. Deswegen ist aus systemischer Sicht keiner »besser« oder »schlechter«.

Bert Hellinger sagt dazu: »Wenn einer schuldig wird, ist er durch die Schuld in den Dienst genommen. [...] Die Frage der Verantwortung erübrigt sich dann. Uns ist nicht die Freiheit gegeben, gut oder böse zu sein. Der sogenannte Gute hat vielleicht das bessere Los, aber er ist nicht überlegen. In der Tiefe gibt es zwischen allen Menschen eine elementare Übereinstimmung. Dort sind alle Menschen gleich. Sie sind alle in den Dienst genommen, der eine so, der andere so.« Spätestens mit dem Tod gibt es keine Unterschiede zwischen Tätern und Opfern mehr. Familienaufstellungen relativieren damit die Vorstellungen von »Gut« und »Böse«, »Richtig« oder »Falsch«. Jeder ist im Prinzip gut, aber auch ein Gefangener seines Systems. Dies spricht allerdings die Täter nicht von ihrer Schuld frei, die Schuld bleibt bestehen und muss auch von ihnen übernommen werden.


Konsequenzen im System

Es hat sich bei Aufstellungen immer wieder deutlich gezeigt, dass es zwischen Tätern und

Opfern zu einer tiefen Bindung kommt. Für den Fall, dass ein Familienmitglied zum Mörder

wurde, gehört auch dessen Opfer häufig zum System. Umgekehrt gehört in der Regel auch der Mörder dazu, wenn ein Familienmitglied Mordopfer wurde. Beim Geschädigten oder dessen Angehörigen bleibt trotz einer Verurteilung des Täters oft ein Rest an Rache-,

Wut- oder Vergeltungsgedanken sowie das Gefühl, dass einem Unrecht widerfahren ist – selbst wenn der Täter seine Strafe abgesessen hat, und zwar besonders dann, wenn das Opfer oder die Hinterbliebenen weitere Folgen des Vergehens tragen müssen. Diese Bindung zwischen Tätern und Opfern wirkt sich über die Betroffenen hinaus auch auf deren Nachkommen aus. Wenn verstorbene Täter und Opfer noch nicht versöhnt sind, so wirken belastende Dynamiken in den späteren Generationen:

  • Wenn die Familie des Opfers den Mörder ausschließt, wird es später in der Familie jemanden mit »mörderischer Energie« geben.

  • Die geleugnete Schuld eines Täters wird oft von einem Nachgeborenen übernommen.

  • Oft gibt es aber auch eine Umkehrung: Ein Nachkomme des Opfersystems wird zum Täter und damit hört das Leiden nie auf.


Mögliches Aufstellungsbild

Oft fühlt sich der Stellvertreter des Opfers schlecht: Ihm ist kalt, er empfindet manchmal

bestimmte physische Beschwerden (wie z. B. Halsschmerzen, wenn jemand erwürgt wurde)

und schaut den mutmaßlichen Täter angsterfüllt oder voller Wut an. Die Täterenergie ist oft

wahrnehmbar an typischen Merkmalen wie z. B. dem Ballen der Hände zu Fäusten.


Lösungsansatz

Aus Sicht Bert Hellingers ist es notwendig, die Verbindung zwischen Täter und Opfer zu erkennen und die Liebe im System wieder freizusetzen.

  • Ausgeschlossene Täter und/oder Opfer: Täter und Opfer gehören zum System, auch wenn diese möglicherweise vergessen, verachtet oder verdrängt wurden. Ziel der Aufstellung ist es, diese Systemmitglieder ausfindig zu machen und diese dann anzuerkennen und ihnen ihren gebührenden Platz im System zu gewähren. Auch Verbrechern, Mördern, Vergewaltigern muss dieser Platz eingeräumt werden – ohne ihr Tun zu beurteilen. Aus systemischer Sicht findet jeder Täter sein Opfer, und jedes Opfer findet seinen Täter, niemand kann seinem Schicksal entgehen.

  • Versöhnung von Täter und Opfer: Nur wenn das Opfer seinen Frieden mit dem Täter gemacht hat, ist es (oder derjenige, der seine Gefühle übernommen hat) laut Hellinger wieder frei. Das System kann nur zur Ruhe kommen, wenn jeder der Beteiligten seinen Teil an der Schuld übernimmt. Laut Bert Hellinger hilft es den Opfern, sich zu heilen, wenn sie die erforderliche Reife entwickeln können, um sich vor dem oder den Täter(n) zu verbeugen. Das Opfer sollte hinter die Bosheit schauen und dem Täter sagen können, dass es seine extrem schwierige Wahl respektiert – und nichts weiter. Eine Versöhnung bekommt jedoch nur Kraft, wenn der Täter nichts entschuldigt und ihm nicht verziehen wird. Nicht das Verzeihen ist die Lösung, sondern dass der Täter die Folgen der Tat auf sich nimmt.


Lösende Sätze

  • Es ist wichtig, dass der Täter seine Tat erkennt, indem er z. B. sagt: »Ich habe dich getötet.«

  • Manchmal ist es auch wichtig, dass der Täter Mitgefühl verspürt: »Was ich mit dir gemacht habe, tut mir leid.«

Laut Hellinger darf der Täter dem Opfer gegenüber sein Verhalten weder erklären noch rechtfertigen, es weder beschönigen noch verteufeln. Der Täter darf das Opfer auch nicht um Verzeihung bitten. Das Opfer sollte dem Täter nicht verzeihen. Verzeihung wird als Anmaßung angesehen. Dies steht dem Opfer nicht zu. Kein Mensch darf verzeihen (siehe dazu auch »Versöhnung und Verzeihen«).


Lösungsbild und Entlassungsritual

Oft wird der Täter mit dem oder den Opfer(n) vereint. Der Täter legt sich z. B. zu seinen Opfern oder geht zum Opfer hin. Sie schauen sich in die Augen und sind versöhnt. Täter und Opfer kommen damit zusammen.


Aufstellungstechnik

Opfer und Täter müssen einen Platz im Herzen des Aufstellers haben und dort versöhnt sein,

dann kann dies im System des Ratsuchenden leichter nachvollzogen werden. Hilfreich ist es

auch, das Schicksal des Täters hinter ihm aufzustellen. Oft wird damit für das Opfer klar, dass

der Täter nur im Dienst seines Systems agiert hat.



Täter-Opfer-Bindung in der Mehrgenerationalen

Psychotraumatologie

Für Franz Ruppert entwickelt sich in einer Gewaltsituation, in der das Opfer einem Täter

ohnmächtig ausgeliefert ist, eine symbiotische Verstrickung zwischen beiden.


Entstehung von Täterstrukturen

Täterstrukturen sind die Überlebensanteile von traumatisierten Menschen. Täter wird man entweder durch eigene Traumaerfahrungen oder durch ein Symbiosetrauma, das heißt durch die symbiotische Verstrickung in ein in einer vorherigen Generation erlebtes Trauma. Täter wurden in der Vergangenheit ohnmächtig gemacht und tun dasselbe nun ihren Opfern an, z. B. fügen sie nun ihnen angetane Gewalt anderen zu, um diesem Ohnmachtsgefühl zu entgehen. Dadurch findet ein Wechsel von der Opfer- in die Täterstruktur statt. Selbstverständlich haben auch (Gewalt-)Täter gesunde Anteile in sich, die sich in anderen Beziehungen als freundlich und hilfsbereit zeigen können.


Entstehung von Opferstrukturen

Laut Ruppert erleben Opfer durch die Bedrohung des Täters ein Existenztrauma. Sie entwickeln meist einen Überlebensanteil mit folgenden Charakteristika:

  • sich nicht wehren, sich unterordnen und unterwerfen, nicht Nein sagen können,

  • Strafen fürchten und gegenüber sinnlosen Vorschriften gehorsam sein,

  • keine eigene Entscheidungen fällen können, das Gefühl haben, selbst lebensunfähig zu sein, sowie das Gefühl haben, dass das eigene Leben fremdbestimmt ist,

  • eine unbestimmte Angst vor weiteren Schicksalsschlägen verspüren.

Dieses Verhalten und diese Ängste hemmen die gesunden Lebensimpulse. Die Opfer verfallen in fortschreitendes, lähmendes Nichtstun und im Endstadium in schwere depressive Zustände. Manche Opfer sehen sogar den einzigen Weg aus ihrer Rolle im Selbstmord.

Quellen: 204, 205

Querverweise: »Kindesmissbrauch«, »Krieg«, »Schizophrenie«, »Schuld«, »Stottern« und

»Vergewaltigung«.

117 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Zwangsstörungen