(Systemische) Strukturaufstellungen – SySt®



Systemische Strukturaufstellungen sind sowohl ein Aufstellungsformat als auch eine Theorie

und eine Praxis des systemischen Aufstellens. Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer haben den Begriff »Strukturaufstellung« geprägt und die Merkmale solcher Aufstellungen wie z. B. die Problemaufstellung detailliert beschrieben. Der Begriff »Strukturaufstellung« sowie »SySt« sind als Markennamen geschützt.


Strukturaufstellungen als Theorie und Praxis des Aufstellens

Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd halten bewusst Abstand vom Familienaufstellen »nach Hellinger«. Sie verstehen die Strukturaufstellungen nicht als Spezialform oder Variante der Familienaufstellungen »nach Hellinger«. Strukturaufstellungen sind »Gruppensimulationsverfahren, in denen mithilfe von Personengruppen Systeme simuliert werden mit dem Ziel, die Struktur des jeweiligen Systems zu beobachten und Interventionen zu testen.« Darüber hinaus betrachten sie Strukturaufstellungen als eine besondere Form

von Sprache und nicht als eine Methode (siehe dazu »Transverbale Sprache«). Sie sprechen deswegen von einem syntaktischen Vorgehen im Gegensatz zum semantischen Vorgehen, das man bei den klassischen Familienaufstellungen »nach Hellinger« vorfindet. Die »Grammatik« der Sprache wird durch die vorgegebenen Systemelemente jeder Strukturaufstellung (z. B. »Das Eine«, »Das Andere« und »Beides« bei einer Tetralemmaaufstellung) verdeutlicht.


Lösungsfokussierter Ansatz

SySt sind stark lösungsfokussiert und folgen in vielen Aspekten der »Solution Focused Therapie (SFT)« der Schule von Milwaukee, die von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg gegründet wurde. In diesem Ansatz wird die Auffassung vertreten, dass Problem und Lösung im Prinzip voneinander unabhängig sind. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein, dessen Lehre eine Grundlage der SFT und der SySt darstellt, vertrat eine ähnliche Sichtweise. Für ihn sind das Problem und die Lösung von gänzlich verschiedener Art und nicht voneinander ableitbar. Um eine Lösung zu finden, muss der Leiter einer Aufstellung daher den Inhalt und die Ursache des Problems nicht kennen. Der Ansatz ist dadurch gekennzeichnet, dass er völlig auf eine Problemanalyse verzichtet und dass die Konstruktion von Lösungen unabhängig von einer Analyse der Probleme erfolgt.

Durch lösungsorientierte Fragen, insbesondere die Wunderfrage, wird vom Leiter der Blick auf das Problem bewusst auf die Lösung umgelenkt. Eine weitere Grundannahme des lösungsfokussierten Ansatzes ist es, dass der Ratsuchende Experte für sein Thema und seine Lösung ist. Es bedarf daher weder Interpretationen noch Deutungen vonseiten des Therapeuten bzw. des Aufstellungsleiters. Aufgrund dieser Lösungsfokussierung beinhaltet

der Ansatz der SySt keine Theorie oder Erklärungen über die Entwicklung von Störungen.

SySt bietet jedoch zahlreiche Aufstellungsformate an, die es ermöglichen, mit dem spezifischen Problem eines Ratsuchenden sehr gezielt zu arbeiten.


Konstruktivismus

Der Ansatz der SySt folgt einer konstruktivistischen Sichtweise. Im Konstruktivismus, einer

philosophischen Ausrichtung, gibt es keine allgemeingültige Realität, sondern jede Realität

wird von jeder Person konstruiert. Wir sind immer Teil eines Wahrnehmungsprozess, und

unsere Sichtweise einer Situation oder der Welt ist von unserem subjektiven Denken geprägt. Der Konstruktivismus betont, dass wir unsere Welt selbst gestalten und erklärt, wie Menschen gleichzeitig in sehr unterschiedlichen Welten leben können. Weil die Wirklichkeit von jedem erfunden und nicht »gefunden« wird, gibt es keine »objektiven« Tatsachen, sondern nur Sichtweisen. Strukturaufsteller glauben deswegen nicht wie Bert Hellinger, dass eine Aufstellung eine verborgene Realität oder objektive Tatsachen darstellt, sondern dass sie die Sichtweise des Ratsuchenden zeigt. Durch eine Aufstellung wird lediglich eine neue Sichtweise auf eine Situation konstruiert. Lösungsfokussierte Fragen ermöglichen es z. B., die Wirklichkeitsvorstellungen des Ratsuchenden zu erweitern.


Arbeitsprinzipien der SySt

Strukturaufsteller …

  • gehen davon aus, dass der Ratsuchende Experte für sein System ist und alle Ressourcen zur Klärung seines Anliegens bei ihm vorhanden sind. Bei Strukturaufstellungen wird auch wegen dieser Unterschiede nicht vom »Aufstellungsleiter« sondern vom »Begleiter« oder »Gastgeber« gesprochen. Damit soll diese innere Haltung verdeutlicht werden.

  • beobachten lediglich Relationen, Strukturen und Dynamiken, in denen sich ein Systemelement bewegt. Es wird vor allem kein Bezug auf Befindlichkeiten der Systemelemente, sondern nur auf Befindlichkeitsänderungen genommen.

  • fördern die Mehrdeutigkeit von Bildern: Ein Systemelement kann gleichzeitig ein Organ und ein Systemmitglied sein. Es wird bewusst nicht aufgeklärt, um die Bilder auf unterschiedliche Ebenen wirken lassen zu können.

  • glauben nicht, dass »objektive« Tatsachen durch Aufstellungen erkannt werden können, sondern immer nur innere Bilder und Möglichkeiten aus der Perspektive des Ratsuchenden. Daher gibt es auch kein »richtiges« Aufstellungsbild.

  • verzichten (auch aus diesem Grund) auf kausale Deutungen, wie z. B. »weil der Großvater nicht gewürdigt wurde, ist der Ratsuchende depressiv«. Systeme sind aus ihrer Sicht nicht kausal erklärbar. Die Ursache für ein Problem herauszufinden, würde bedeuten, dass es eine beschreibbare objektive Wirklichkeit gäbe. Wenn ein Repräsentant eine Deutung macht, wird sie deswegen bewusst abgeschwächt mit einem Satz wie beispielsweise: »Und vielleicht bedeutet es auch noch viel mehr oder auch etwas ganz anderes.«

  • geben keine absolute Deutung wie »So ist es!«, sondern sie zeigen Unterschiede auf, versuchen aber weitgehend, auf Deutungen zu verzichten. Die Deutungen kommen, wenn überhaupt, vom Ratsuchenden selbst. Strukturaufsteller würden z. B. nicht sagen: »Das ist die erste große Liebe des Vaters« sondern sie gebrauchen eher Formulierungen wie »das, was für den Vater wichtig ist« usw. Mit solchen Bezeichnungen beschränken sie den Ratsuchenden nicht in seinen Gedanken.

Insa Sparrer hat die aus ihrer Sicht Hauptunterschiede zwischen Strukturaufstellungen und

Familienaufstellungen »nach Hellinger« zusammengefasst:


Strukturaufstellungen als Aufstellungsformat

Im Unterschied zu klassischen Systemaufstellungen wird bei SySt davon ausgegangen, dass keine Systeme, sondern nur Strukturen aufgestellt werden können. Daher sind die Grundlagen der Arbeit Formate, die auf typische Strukturen Bezug nehmen. Bis heute wurden über 80 Formate Systemischer Strukturaufstellungen entwickelt.

So kann man für eine Entscheidungssituation, in der man sich befindet, eine Tetralemmaaufstellung machen. Selbstverständlich kann man auch seine Familie in Form einer Familienstrukturaufstellung aufstellen.

Bei SySt werden auch häufig abstrakte Elemente, wie z. B. Ziele, Ideen, Werte, Ressourcen

u. v. m. und nicht nur menschliche Systemelemente aufgestellt (siehe dazu auch »Symbolaufstellung«). Oft wird auch kein Bezug auf die Familie genommen, sondern im Prozess wird von Themen wie z. B. Entscheidung, Problem usw. ausgegangen. Durch die Strukturaufstellung können andere Sichtweisen, Lösungen, Zusammenhänge und neue Wege aufgezeigt werden. Der Ablauf gliedert sich in vier Phasen: Vorinterview, Auswahl der Struktur, Aufstellung und Nachbesprechung.

  • Das Vorinterview wird nach der von Steve de Shazer entwickelten Methode des lösungsfokussierten Gesprächs geführt. Dabei wird nach dem Ziel des Ratsuchenden gefragt, danach was er anstelle des Problems erreichen und was er anders machen möchte. Es geht immer darum herauszufinden, welche Lösung sich der Ratsuchende wünscht.

  • Anschließend entscheidet der Begleiter, welche Art der Systemischen Strukturaufstellungen am besten zu diesem Anliegen passen könnte und legt fest, welche Personen oder welche abstrakten Elementen eine Rolle in der Aufstellung spielen sollten.

  • Die Aufstellung läuft oft mit den vorgegebenen Elementen der ausgewählten Struktur ab. Der Begleiter sucht im gesamten Verlauf der Aufstellung gemeinsam mit dem Ratsuchenden und den Stellvertretern nach Lösungen. Interventionen werden in Strukturaufstellungen grundsätzlich als Frage verstanden, niemals als Aufforderung zum Handeln.

  • Die Aufstellung läuft eher statisch ab: Den Repräsentanten ist in der Regel nicht freigestellt, sich zu bewegen, sondern sie werden in einer bestimmten Reihenfolge befragt (siehe dazu »ORF-Reihenfolge«) und vom Begleiter dementsprechend umgestellt.

  • Die Nachbesprechung kann auf zwei unterschiedliche Arten ablaufen: Fragen und Antworten direkt im Anschluss an die Aufstellung oder in Form von Einzelgesprächen.

Bemerkung

Die Darstellung der mehr als 80 Strukturaufstellungsformate würde die Rahmen dieses Lexikons sprengen. Deswegen werden nur die bekanntesten Strukturaufstellungen beschrieben.

Quellen: 184, 185

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