Systeme und systemischer Ansatz



Systeme

»System« ist ein vertrauter Begriff: Man spricht von Ökosystemen, Wirtschafts-, politischen und sozialen Systemen oder z. B. auch vom Herz- Kreislauf-System. Formell ist ein System die Gesamtheit von Elementen, die so aufeinander bezogen sind und in einer Weise in Wechselwirkung zueinander stehen, dass sie als eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit angesehen werden können und sich in dieser Hinsicht gegenüber der sie umgebenden Umwelt abgrenzen. Systeme organisieren und erhalten sich durch Strukturen. Struktur bezeichnet das Muster (die Form) der Systemelemente und ihre Beziehungsgeflechte, durch die das System entsteht, funktioniert und sich erhält. Eine strukturlose Zusammenstellung mehrerer Elemente wird hingegen als Aggregat bezeichnet.


Soziale Systeme, Systemstörungen und Autoregulation

Bei systemischen Therapien werden Sozialsysteme betrachtet, wie z. B. Familien, Schulen,

Teams oder Unternehmen. Soziale Systeme sind Beziehungsgeflechte. Sie bestehen aus einzelnen Mitgliedern, die sich in einem ununterbrochenen Prozess wechselseitig beeinflussen. Soziale Systeme wie Familien oder Organisationen sind nicht statisch, sondern sie sind dauernden Veränderungen unterworfen. Jede Aktion eines Systemmitglieds löst unmittelbare Reaktionen bei den anderen aus, die dann wieder auf den ursprünglichen Akteur wirken und oft auch andere Systemmitglieder beeinflussen. Dieser Prozess lässt sich am besten am Beispiel eines Mobiles verdeutlichen: Alle Teile des Mobiles sind direkt oder indirekt miteinander verbunden, und jede Veränderung an einem Ort wirkt automatisch sowohl auf die übrigen Teile als auch auf den Ausgangsort der Bewegung.

Soziale Systeme sind auf Bewegung angewiesen. Gleichzeitig sind sie aber bestrebt, einen

möglichst stabilen Zustand einzunehmen, um ihr reibungsloses Funktionieren zu garantieren.

Entsteht an irgendeinem Ort des Systems eine Störung, so geht das ganze System in eine

Ausgleichsbewegung. Es gleicht die Störung so weit wie möglich wieder aus. Wird z. B. ein Teil eines Mobiles abgetrennt, so gleichen die übrigen Teile dies unverzüglich aus und sorgen für eine neue Stabilität – jetzt allerdings in leichter Schieflage. Soziale Systeme sind genau wie ein Mobile ständig in Bewegung. Dabei wirken Dynamiken, um eine größtmögliche Stabilität zu erreichen. Dies bedeutet allerdings auch, dass sich Systeme selbst regulieren, um sich als solche funktionsfähig zu erhalten.


Systemisch und systemischer Ansatz

Systemisch bedeutet, insbesondere im Kontext des Familienstellens, dass es für eine Wirkung nicht eine einzelne Ursache gibt, sondern ein ganzes Gefüge von Wechselwirkungen vorhanden ist. In einem System ist jeder Teil dieses System – ob gewollt oder ungewollt – und trägt zur Stabilisierung oder Destabilisierung des Systems bei. Auf jede Veränderung in einem Teil des Systems reagiert das ganze System. Es wird deswegen nicht mehr von linearer Kausalität (eine klare Ursache hat eine klare Konsequenz), sondern von Zirkularität gesprochen. Es gibt immer einen Rückkopplungsprozess, der eine Ursache wiederum beeinflusst. Psychische Störungen, seelische Beschwerden und interpersonelle Konflikte werden deswegen bei systemischen Therapien nicht als individuelles Problem, sondern als Ergebnis eines fehlgesteuerten Systems bzw. fehlerhafter Kommunikation

innerhalb des Systems angesehen. Der systemische Ansatz betrachtet den einzelnen

Menschen im Beziehungsgefüge seines Umfeldes und ist ganzheitlich ausgerichtet. Beim

systemischen Arbeiten wird nicht nur das Individuum betrachtet, sondern das ganze System,

oft die Familie, aber auch die Schule oder das Arbeitsumfeld. Der systemische Ansatz zielt auf die Veränderung des Systems (oder häufiger bei der Arbeit mit Patienten auf eine Veränderung der Wahrnehmung des Systems, was oft zu einer Veränderung des Systems selbst führt), das heißt auf die der Beziehungs- und Interaktionsmuster in Partnerschaft, Familie oder Gruppe.


»Systemisch« bei Strukturaufstellungen

Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer fassen den Begriff »systemisch« nur komparativ auf. Ein Ansatz kann nicht per se »systemisch« sein, sondern im Vergleich zu anderen nur »systemischer« sein als.diese. Ein Ansatz ist systemischer als andere, wenn …

  • er sich auf die Interaktionen in einem Gesamtsystem fokussiert, statt auf Einzeleigenschaften,

  • die Analyse von Beziehungsstrukturen stärker ist als die Analyse von Systemteilen,

  • das Ursache-Wirkung-Denken weniger ausgeprägt ist als die Betrachtung von Kontexten,

  • er sich mehr auf Beschreibungen stützt und weniger auf Erklärungen,

  • er eher syntaktisch (auf Grammatik und Struktur) als semantisch (auf Bedeutung) ausgerichtet ist.


Quellen: 199, 200

11 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Zwangsstörungen