Stottern und Sprechstörungen



Allgemein

Circa 5 Prozent der Kinder sind leichte bis starke Stotterer. Stottern beginnt bei der Hälfte der Betroffenen zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr, bei 90 Prozent aller vor dem sechsten Lebensjahr. Insgesamt gibt es circa 800 000 Stotterer in Deutschland. Ein Großteil der stotternden Kinder verliert die Störung bis zur Pubertät. Bei Mädchen beginnt das Stottern früher, es verschwindet aber auch mit größerer Wahrscheinlichkeit wieder. Nach der Pubertät ist eine vollständige Remission unwahrscheinlich bis unmöglich. Eine Besserung mit oder ohne Therapie kommt in jedem Alter vor. Bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie zeigen, dass Stotterer in genau denjenigen Regionen Defizite aufweisen, in denen »Normalsprecher« gehörte Sprache analysieren (Wernicke-Region) und den Sprechvorgang vorbereiten (Brocca-Areal). Beide Zentren befinden sich in der linken Hirnhälfte und sind normalerweise beim Sprechvorgang stark aktiv. Menschen mit Sprechablaufstörungen nutzen diese Regionen jedoch kaum. Bei der Untersuchung von erwachsenen Patienten, die sich einer Therapie unterzogen hatten, zeigte sich, dass die ursprünglichen Sprachzentren im Gehirn nicht repariert werden konnten. Eine Behandlung vor der Pubertät kann das Phänomen dagegen völlig zum Verschwinden bringen. Stottern wird meistens durch Sprachtherapie behandelt. Viele Therapeuten stotternder Kinder

haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Klienten auf eine momentane Belastungssituation

in der Familie reagieren. Dabei zeigte sich: Je niedriger die familiäre Spannung ist, umso besser können die stotternden Kinder sprechen. Die Einstellung der Ehepartner zueinander hat auch oft eine deutliche Wirkung auf das stotternde Kind.



Stottern in Familienaufstellungen »nach Hellinger«

Stottern kann verschiedene systemische Ursachen haben:

  • Konflikt: Im Allgemeinen steht hinter vielen Sprechstörungen ein ungelöster Konflikt in der Familie, in dem sich zwei Familienmitglieder unversöhnlich gegenüberstehen, wie z. B. ein Täter und sein Opfer. Der Stotterer ist mit beiden in Liebe verbunden und möchte die entgegengesetzten Meinungen, die im Raum stehen, »unter einen Hut« bringen. Er fängt an zu stottern oder wird »verrückt« (siehe dazu auch »Schizophrenie«), weil er nicht weiß, welche Richtung die »richtige« ist und er beiden gegenüber loyal sein möchte. Ein Kind reagiert auf diese Art und Weise häufig auf einen Paarkonflikt der Eltern.

  • Furcht vor einer Person: Stottern kann auch das Ergebnis von Furcht vor einer Person sein. Der Stotterer fürchtet sich so sehr vor ihr und/oder vor ihren Reaktionen, dass er seine Sätze nicht mehr flüssig formulieren kann. In diesem Fall kann man häufig beobachten, dass der Stotterer, bevor er zu stottern beginnt, erst zur Seite schaut. Er schaut dabei unbewusst auf ein inneres Bild dieser Person.

  • Familiengeheimnis: Letztlich kann Stottern auch aus einem Familiengeheimnis wie z. B. einem weggebenen Kind heraus entstehen. Der Stotterer traut sich dann nicht, frei zu sprechen.


Lösungsansatz

  • Konflikt: Die Lösung gelingt nur, wenn die noch unversöhnten Familienmitglieder zusammengeführt werden und sich miteinander versöhnen. Sie werden dafür einander gegenübergestellt, bis sie sich gegenseitig anerkennen und versöhnen. Wenn ans Licht kommt, wo der eigentliche Konflikt liegt, können die Sprechgestörten sich aus ihm befreien und ihn dort lassen, wo er hingehört. Oft verschwindet z. B. das Stottern des Kindes, nachdem es gelungen ist, die zunächst verdeckte Beziehungskrise des Elternpaares zu erkennen.

  • Furcht vor einer Person: Wenn in einer Aufstellung der Stotterer dieser Person offen begegnen kann und ihr die Ehre gibt, die sie auch annimmt, und sie ihm ihre Liebe zeigt, kann der Stotterer sagen, was er fühlt und um was er sie bittet.

  • Familiengeheimnis: Wenn durch das Familienstellen das Familiengeheimnis gelüftet und dann angeschaut wird, kann der Stotterer endlich frei sprechen.


Übung

Bert Hellinger schlägt eine Übung für Stotterer vor. Der Betroffene soll seine Augen schließen und geistig zu jedem einzelnen Mitglied seiner Familie über mehrere Generationen hinweg gehen – auch zu den Bösen, zu den Tätern, zu den Opfern, zu den früh Verstorbenen und zu den Ausgestoßenen. Jeden von ihnen soll er anschauen und mehrmals sagen: »Du und ich – wir beide.«

Quellen: 180, 181, 182, 183

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