Stellvertretung (»Lieber ich als du« / »Ich an deiner Stelle«)



Die stellvertretende Übernahme eines Schicksals zur Rettung einer nahestehenden Person ist

eine sehr verbreitete systemische Dynamik und eine Form von Verstrickung. Kinder empfinden eine tiefe Verbundenheit mit ihrer Gegenwartsfamilie und übernehmen aus Liebe das schwere Schicksal oder die Krankheit ihrer Eltern, indem sie z. B. sagen: »Lieber ich als du«, »Lieber sterbe ich als du«, »Lieber werde ich krank als du«, »Lieber gehe ich in Gefangenschaft als du«, »Lieber will ich verschwinden, als dass du weggehen musst« usw. Dahinter steht eine Liebe und ein Sich-Opfern, die mit der Vorstellung gepaart sind, dass der andere es dadurch leichter hätte und bleiben könnte. Man spricht auch vom magischen Denken des Kindes. Wenn z. B. der Vater verstarb, als das Kind vier Jahre alt war, kann das Kind in höherem Alter plötzlich magersüchtig werden, weil es unbewusst die Vorstellung in sich trägt: »Lieber ich als du, Papa«. Das Kind reagiert damit aus der Zeit herausgelöst und ist bereit, für einen Elternteil Krankheit, Schmerzen und sogar den Tod zu übernehmen. Kinder spüren ebenfalls, wenn es einen Elternteil seinerseits zu einem Verstorbenen hinzieht und wenn Vater oder Mutter innerlich sagen: »Ich folge dir nach in den Tod.« Ihre Kinder wiederum versuchen, dies dann unbewusst zu verhindern, indem sie einspringen und sich z. B. sagen: »Lieber ich als du, lieber Papa.«


Konsequenzen im System

Viele Krankheiten, aber auch Magersucht und manchmal Selbstmord entspringen laut Bert Hellinger der Dynamik »Lieber ich als du«.


Lösungsansatz

Der wichtigste Schritt besteht darin, die Dynamik ans Licht zu bringen, sie auszusprechen und die Grenze zwischen den verschiedenen Schicksalen zu achten. Es muss auch deutlich werden, dass der Nachkomme durch seine Verstrickung in diese Dynamik dem Unglück nur noch weiteres Unglück hinzufügt und so niemandem hilft. Treue und Liebe zu den Angehörigen des Familiensystems besteht nicht darin, den Toten nachzufolgen oder ein fremdes Schicksal zu übernehmen, sondern darin, die Menschen zu würdigen, zu lieben und ihnen zu zeigen, dass es gut weitergeht. Wenn der Ratsuchende seine tiefe Liebe für die Person, deren Leiden er übernehmen möchte, anerkennt, ist er mit dieser Person viel tiefer verbunden, als wenn er ihr Schicksal stellvertretend auf sich nimmt.

Oft ist es möglich – aber nicht unentbehrlich –, die Ursache der Dynamik zu lösen. Wenn z. B. ein Vater sich nach dem Tod sehnt, um seinem früh verstorbenen Bruder zu folgen (siehe dazu »Nachfolge«), muss der Tote anerkannt und sein Schicksal geachtet werden. Der Bruder

muss seinen Platz im System zurückbekommen (siehe dazu »Zugehörigkeit«). Dann ist der Vater bereit zu bleiben, und das Kind hat keinen Grund mehr, für ihn sterben zu wollen.


Aufstellungstechnik

Der Ratsuchende sollte die Worte »Lieber ich als du« ins Angesicht (des Stellvertreters) der Person sagen, für die er stellvertretend zu leiden, zu sühnen oder zu sterben bereit ist. Wenn er dieser Person in die Augen schaut, kann er den Satz in der Regel nicht mehr aussprechen, denn er erkennt, dass auch diese Person liebt und dass sie ein solches Angebot ablehnen würde.


Lösende Sätze

  • »Lieber Vater, für dich habe ich es gern übernommen.« Oder: »Lieber Vater, für dich habe ich es gern getan, aber jetzt sehe ich, dass du dein Schicksal mit Würde allein trägst.«

  • Zum todkranken Vater: »Lieber Papa, auch wenn du gehst, ich bleibe. Ich halte dich in Ehren, und du bleibst immer mein Vater, und ich bleibe immer dein Kind.«

  • »Lieber Papa, auch wenn du gehst, ich bleibe. Segne mich, wenn ich noch bleibe und mein Leben erfülle, solange es mir gegeben ist.«

Diese Sätze ermöglichen es, eine Grenze sowohl um die geliebte Person als auch um das eigene Schicksal zu ziehen. Diese Formulierungen zwingen nicht nur dazu, die eigene Liebe zu sehen, sondern auch die Liebe der geliebten Person. Außerdem verdeutlichen sie, dass das, was der Liebende anstelle der geliebten Person tun möchte, diese eher belastet, als dass es ihr hilft.

In den letzten Jahren benutzte Bert Hellinger bei geistigen Aufstellungen immer wieder einen einzigen, ganz einfachen Satz, mit dem einem Abschied gelang: »Ich hier, du dort.«

Dieser Satz soll eine tiefe Achtung und Ehrfurcht, sowohl für die Person als auch für das

Schicksal ausdrücken.


Lösungsbild und Entlassungsritual

Manchmal wird in einem Ritual die Last zurückgegeben. Als Symbol für eine solche schwere

Last, die getragen wurde, kann z. B. ein schwerer Stein genutzt werden. Das Ritual war erfolgreich, wenn der Stellvertreter sich anschließend erleichtert fühlt und spontan aufatmen kann. Gelang die Rückgabe nicht wirklich, muss sie wiederholt werden. Dieses Ritual stellt einen Akt der Würdigung dar, durch den anerkannt wird, dass die Person stark genug ist, ihre Last allein tragen zu können.


Organisationsaufstellungen

Die Übernahmedynamik findet sich auch in Unternehmen, insbesondere in Familienunternehmen (siehe dazu »Dynamiken in Organisationen«).


Quellen: 178

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