Stellvertreter/ Repräsentant



In Aufstellungen werden statt der realen Familienmitglieder fremde Menschen aufgestellt, die mit der betroffenen Familie keine Berührungspunkte haben. In der Regel stellen sich bei einer Familienaufstellung alle Teilnehmer eines Seminars für die Aufstellungen der anderen als Repräsentanten zur Verfügung. Wer aufstellen will, wählt andere Gruppenteilnehmer für bestimmte Personen aus seinem System aus, z. B. für die Mutter, für den verstorbenen Vater, für das Kind, für den Onkel, für den Chef oder die Arbeitskollegin, aber auch für abstrakte Begriffe wie »die Arbeitsaufgabe«, »die Krankheit« oder »die Einsamkeit«. Auch für sich selbst wählt der Ratsuchende einen Stellvertreter aus (siehe dazu auch »Fokus« bei Strukturaufstellungen). Die Stellvertreter kennen in der Regel nur die groben Fakten zum Familiensystem, die im Vorgespräch erläutert wurden. Sie wissen nichts von den Gefühlen der Familienmitglieder, eventuellen Spannungen, Vorlieben oder Abneigungen zwischen ihnen. Aufgrund der Beschränkung auf minimale Vorgaben können die Stellvertreter unvoreingenommen sein. Da sie mit dem System nichts zu tun haben, sind sie weder in dessen typische Muster eingebunden noch haben sie ein Interesse an deren Erhalt oder an einer bestimmten Lösung. Sie folgen anfangs der Problemenergie und später der Lösungsenergie des Systems, so wie diese sich gerade zeigt.

Die Stellvertreter werden im Raum zueinander in Beziehung aufgestellt. In der Aufstellung

nehmen diese Menschen in ihrer Funktion als Stellvertreter Körperempfindungen und Gefühle wahr, die zu der Person gehören, die sie vertreten. Ihnen ist kalt oder heiß, sie empfinden Beklemmungen oder Schmerzen, registrieren Spannungen, fühlen sich bedroht

oder überm.chtig, sind wütend, bedrückt oder ängstlich (siehe dazu »Feldwahrnehmung« und »Repräsentierende Wahrnehmung«). So geben die Stellvertreter durch ihre Reaktionen, ihren Gesichtsausdruck, ihre Körpersprache und ihre Aussagen wichtige Hinweise zu den Beziehungen innerhalb des Systems. Im klassischen Familienstellen oder bei den Systemischen Strukturaufstellungen klärt der Aufstellungsleiter durch gezielte Fragen oder Aufforderungen die Wahrnehmungen der Stellvertreter. Ein Stellvertreter hat in einer Familienaufstellung eine dienende, jedoch auch eine lenkende Funktion: Er ist dem inneren Geschehen am nächsten und erlebt am eigenen Leib, ob eine Intervention Wirkung zeigt oder nicht.


Stellvertreter, Repräsentant, Darsteller und Rollenspieler

Je nach Schule gibt es verschiedene Bezeichnungen für die Stellvertreter. Bei Strukturaufstellungen wird von Repräsentanten gesprochen.Damit werden jedoch nicht nur Menschen, sondern auch Gegenstände bezeichnet (wie z. B. Stühle oder Figuren), die in einer Strukturaufstellung Elemente oder Aspekte des Systems repräsentieren (siehe dazu auch »Repräsentantenkategorien«).

Die Begriffe Darsteller oder Rollenspieler werden nicht mehr gebraucht, weil sie den Eindruck vermitteln, dass der Stellvertreter eine Rolle spielt, anstatt den Empfindungen aus dem Feld zu folgen.


»Fehler« bei Stellvertretern

Die Erfahrung zeigt, dass die Stellvertreter die Dynamik eines Systems sehr genau weitergeben, wenn sie konzentriert sind. Die Befürchtung, dass Stellvertreter das eigene Erlebnis in die Aufstellung hineintragen, bestätigt sich fast nie, und dies obwohl Stellvertreter häufig wegen ihrer Geschichte ausgewählt werden. »Fehler« im Sinne von Rückmeldungen, die nicht direkt mit dem System zu tun haben, treten auf, wenn jemand helfen will, obwohl es nicht im Einklang mit seiner Feldwahrnehmung steht, z. B. wenn der Stellvertreter des Sohnes versucht, sich mit der Mutter zu versöhnen, weil sie sehr traurig

ist. Die Stellvertreter müssen sich von der Absicht frei machen, etwas Bestimmtes fühlen oder wahrnehmen zu wollen. Nur eine absichtlose Wahrnehmung ermöglicht es, die verborgenen Informationen des Familiensystems ans Licht zu bringen. Die Stellvertreter sollten sich daher auch zurückhalten können, sofort den Sinnkontext deuten oder eine Rolle spielen zu wollen.


Veränderung des Begriffs, für den ein Stellvertreter steht

Manchmal wird ein Stellvertreter nicht für eine Person, sondern für ein Symbol bzw. einen Begriff – z. B. für das Symptom einer Krankheit oder für ein Gefühl – aufgestellt. Es kann vorkommen, dass sich im Verlauf der Aufstellung der Begriff , den der Stellvertreter vertritt, verändert. So kann z. B. der Stellvertreter, der anfangs »die Wut« repräsentiert hat, im Laufe der Aufstellung den Großvater vertreten, der in der Aufstellung bisher fehlte. Bei Begriffen kann es sogar vorkommen, dass sich diese für den Stellvertreter sogar mehrmals wandeln.


Stellvertreter sein

Prinzipiell ist jeder Mensch in der Lage, Stellvertreter bei einer Aufstellung zu sein. Es wird

keine besondere Begabung benötigt. Wer häufiger aufgestellt wird, lernt jedoch, seinen Empfindungen zunehmend zu vertrauen. Die Rolle eines Stellvertreters kann oft sehr

bereichernd sein, weil die Themen der anderen Teilnehmer oft mit dem eigenen Thema zu tun haben. In einer Aufstellung bedeutet das, dass man als Repräsentant während eines Tages für viele Rollen ausgewählt werden kann, die mit dem eigenen Thema in großem Zusammenhang stehen (sogenannte »Eigenresonanz«). Daher nehmen viele Menschen gerne an Aufstellungsseminaren teil, ohne selbst ein eigenes Thema aufzustellen.

Siehe auch »Einrollen und Entrollen der Stellvertreter«.

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