Störungen im System



Systemstörungen in Familienaufstellungen »nach Hellinger«

Soziale Systeme wie Familien oder Organisationen sind nicht statisch, sondern sie sind dauernden Veränderungen unterworfen. Jede Aktion eines Systemmitglieds löst unmittelbare Reaktionen bei den anderen aus, die dann wieder auf den ursprünglichen Akteur wirken und oft auch andere Systemmitglieder beeinflussen. Dieser Prozess lässt sich am besten am Beispiel eines Mobiles verdeutlichen: Alle Teile des Mobiles sind direkt oder indirekt miteinander verbunden, und jede Veränderung an einem Ort wirkt automatisch sowohl auf die übrigen Teile als auch auf den Ausgangsort der Bewegung.

Soziale Systeme sind auf Bewegung angewiesen. Gleichzeitig sind sie aber bestrebt, einen

möglichst stabilen Zustand einzunehmen, um ihr reibungsloses Funktionieren zu garantieren.

Entsteht an irgendeinem Ort des Systems eine Störung, so geht das ganze System in eine

Ausgleichsbewegung. Es gleicht die Störung so weit wie möglich wieder aus. Wird z. B. ein Teil eines Mobiles abgetrennt, so gleichen die übrigen Teile dies unverzüglich aus und sorgen für eine neue Stabilität – jetzt allerdings in leichter Schieflage. Soziale Systeme sind genau wie ein Mobile ständig in Bewegung. Dabei wirken Dynamiken, um eine größtmögliche Stabilität zu erreichen. Dies bedeutet allerdings auch, dass sich Systeme selbst regulieren, um sich als solche funktionsfähig zu erhalten.

Ebenso funktionieren laut Bert Hellinger Familiensysteme. Die Ordnungen der Liebe beschreiben die Prinzipien, denen ein Familiensystem folgt (und die Ordnungen der Macht die in einer Organisation). Im Normalfall werden die Regeln der Ordnung respektiert. In jeder Familie gibt es allerdings auch unvorhersehbare Ereignisse, die sich tragisch auf die Ordnung auswirken können: Elternteile oder Kinder sterben viel zu früh, Familien brechen auseinander, weil Partner, die sich einst liebten, im Hass auseinandergehen oder schwere Krankheiten oder Behinderungen belasten eine ganze Familie. Aufgrund dieser Umstände treten typische Dynamiken auf, die Störungen im System leider nur weiterverbreiten, ohne deren Ursachen zu lösen.

  • Verletzung des Rechts auf Zugehörigkeit: Häufig werden Systemmitglieder aus dem System ausgeschlossen, weil sie den allgemeinen Moral- und Wertvorstellungen der Familie widersprechen: »Dieser Onkel ist ein Taugenichts, der gehört nicht zu uns«, oder weil ihr Schicksal unerträglich scheint, wie z. B. das eines früh verstorbenen Kindes. Dadurch wird denjenigen oft unbewusst ihr Recht auf Zugehörigkeit verwehrt. Der Effekt bleibt immer derselbe – ob jemand gewollt oder ungewollt ausgeschlossen wird. Die Liebe zur der Person fließt nicht mehr, und das System hat eine »Leerstelle«. Das System geht in eine Ausgleichsbewegung, in der ein Nachgeborener diese Leerstelle ausfüllt. Obwohl die Existenz des Ausgeklammerten ein Tabu ist, verkörpert er – oftmals sogar ohne von ihm zu wissen – denjenigen noch einmal in der Familie.

  • Verletzung der Rangordnung: In einem Familiensystem gilt der Vorrang des Früheren vor dem Späteren. Jeder in der Gruppe muss seinen Platz in Bezug zu allen anderen Mitgliedern einnehmen. Wenn die natürliche Rangfolge im Verhalten und in der Kommunikation der Familie für alle sichtbar und erlebbar gestaltet wird, ist die Familie systemisch in Ordnung. Problematisch wird es, wenn ein Mitglied des Systems seinen Platz nicht akzeptiert. Wer sich als späterer Partner so verhält, als sei er der erste, stört die Ordnung. Die häufigsten Verletzungen der Rangordnung sind bei Kindern zu beobachten, die sich über ihre Eltern erheben. Diese Anmaßung ist die Ursache für viele Konflikte und viel Unglück in einer Familie.

  • Verletzung der Regel »Jeder trägt sein eigenes Schicksal«: Kinder empfinden eine tiefe Verbundenheit mit ihrer Gegenwartsfamilie und übernehmen häufig aus Liebe das schwere Schicksal oder die Krankheit ihrer Eltern. Diese tiefe Bindung zeigt sich manchmal in der Dynamik »Lieber ich als du«, oder genauer: »Lieber sterbe ich als du«, »Lieber werde ich krank als du«, »Lieber gehe ich in Gefangenschaft als du«, »Lieber will ich verschwinden, als dass du weggehen musst« usw. Viele Krankheiten, aber auch Magersucht und manchmal Selbstmord entspringen oft der Dynamik »Lieber ich als du« (siehe dazu »Vertretung«).

Laut Bert Hellinger spüren es die Mitglieder eines Systems, wenn die Regeln nichtrespektiert werden und das System nicht in der Ordnung ist (siehe dazu »Gewissen«). Im Interesse des Systems leiten sie dann eine Ausgleichsbewegung ein, die diese Störung so weit wie möglich aufhebt. Jedes Mitglied einer Familie »dient« damit dem System und tut dies meist völlig unbewusst: Sie wissen nicht, was sie tun. Sie tun es, ohne es wirklich zu wollen, und oft genug tun sie es zu ihrem eigenen Schaden. Vor allem die Kinder sind diejenigen Mitglieder, die sich ganz in den Dienst des Gleichgewichts stellen. Sie übernehmen alle Energien, damit die Familie als Gesamtsystem wieder in Ordnung ist. Die problematische Situation, die der Ratsuchende mit einer Aufstellung verändern möchte, ist oft eine Ausgleichsbewegung. Systemisch gesehen hat diese problematische Situation aber durchaus eine stabilisierende Funktion für das System. Sie ist die bestmögliche Lösung, um mit den Verletzungen von Zugehörigkeit, Ordnung und Ausgleich umzugehen. Das System befindet sich dadurch zwar in einer Schieflage, aber es ist immerhin in einer stabilen und funktionsfähigen Position.

Es gibt laut Bert Hellinger allerdings auch Störungen, die nicht von einem Systemmitglied

hervorgerufen werden, sondern an externe Energien gebunden sind. Häuser und Grundstücke, aber auch Tote sind oft Träger dieser Energien (siehe dazu »Anhaftung der Toten an die Lebenden«).



Störungen in der Mehrgenerationalen

Psychotraumatologie

Für Franz Ruppert entstehen Störungen in einem Bindungssystem in erster Linie durch

Traumata. (siehe dazu »Trauma und Traumastörungen« und »Mehrgenerationale Psychotraumatologie«).



Systemstörungen bei Systemischen Strukturaufstellern

Für Strukturaufsteller sind Systeme so komplex, dass es illusorisch ist, die Ursache für eine Störung zu finden. Es gibt immer mehrere Ereignisse, die als Ursache infrage kommen können. Welche allerdings zur Ursache erklärt wird, ist die Wahl des Betrachters und entspricht seiner Sicht der Ereignisse. Die Bezeichnung »Ursache« (oder »Störung« im Sinne von Ursache für ein Problem) ist also deutungsabhängig. Daher ist der SySt-Ansatz vor allem lösungsorientiert und nicht auf die Ursache eines Problems fokussiert.

Quellen: 179

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