(Spaltung in) Persönlichkeitsanteile/ Seelische Spaltung/ Innere Abspaltung



Das Modell der gespaltenen Persönlichkeit ist eine Kernannahme der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie. Nach Franz Ruppert führt das Erleben einer traumatischen Situation zu einer Spaltung in drei Persönlichkeitsanteile. Weil die bei einem Trauma empfundenen starken Gefühle wie Panik und Angst verdrängt werden müssen, kommt es zu einer Spaltung in einen emotionalen Anteil und einen rationalen Überlebensanteil. - Im Traumaanteil (oder Trauma-Ich) sind je nach Trauma diejenigen Gefühle gespeichert, die nicht zu bewältigen waren (Panik, Todesangst) und deshalb abgespalten wurden. Die Traumaanteile sind unabhängig von anderen Anteilen. Es kann vorkommen, dass sich durch bestimmte Schlüsselreize (»Trigger«) wie Gerüche oder Gesten die traumatische Situation wieder ins Bewusstsein drängt, was sich dann in Form von Panikattacken, heftigen Weinkrämpfen oder Wutausbrüchen ausdrückt.


Überlebensanteil

Der (rationale) Überlebensanteil (oder das Überlebens-Ich) ist der Schutzmechanismus der Psyche, und seine Funktion besteht darin zu verhindern, dass die traumatischen Erinnerungen erneut ins Bewusstsein geraten. Um dem entgegenzuwirken, verfügt dieser Überlebensanteil über mehrere Strategien bzw. Schutzmechanismen:

  • Verdrängen und Verleugnen des traumatischen Ereignisses,

  • Vermeiden von ähnlichen Situationen,

  • Ablenkung durch andere Aktivitäten, um Warnsignale des Trauma-Ichs ignorieren zu können,

  • Trauma-Blindheit: Das Trauma wird nicht als Auslöser erkannt, sondern irgendeine Ursache in der Gegenwart angenommen,

  • Kontrolle durch Unterdrückung der eigenen Gefühle und Versuch der (manipulativen) Kontrolle über andere,

  • Suche nach Kompensation, diese kann von harmlosen Dingen bis hin zur Drogenabhängigkeit reichen, aber auch andere Menschen betreffen, z. B. wenn Kinder eine partnerschaftliche Beziehung ersetzen sollen (siehe dazu auch »Partnerersatz«),

  • Flucht in Illusionen, um nicht mit der Realität des Traumas konfrontiert zu werden, dabei idealisiert das Überlebens-Ich die Menschen im Umfeld,

  • Unterwürfigkeit bei latenter Aggression,

  • Verschieben von negativen Gefühlen auf andere,

  • Hervorrufen von weiteren Spaltungen.

Die vormals, das heißt die während des traumatischen Erlebnisses schützende Funktion des Überlebens-Ichs, hemmt aber mit diesen Strategien die Auflösung des Traumas, weil es die Bedrohung noch immer für real hält. Dieses Verbleiben im »Überlebensmodus« kann die Persönlichkeit eines Menschen stark verändern.


Gesunder Anteil

Mit »gesunder Anteil« wird der Persönlichkeitsanteil bezeichnet, der vor dem Trauma

schon existiert hat und der den Kontakt zum sozialen Umfeld möglich macht.


Wiederholte Traumata (z. B. mehrfache Vergewaltigung) oder unterschiedliche Traumata

(z. B. Kriegserlebnisse) führen dazu, dass es zu zahlreichen Spaltungen kommt und die Psyche in viele einzelne Bruchstücke zerfällt. Dadurch werden die Menschen in einen Zustand von zunehmender innerer Instabilität versetzt und schließlich zerstört.


Konsequenzen der Spaltung

Die Überlebens- und die Traumaanteile sind komplementär, das heißt, je schlimmer die traumatische Erfahrung war, umso größer muss der Überlebensanteil werden. So kann beispielsweise ein Kind, das von seinen Eltern ignoriert wird, ein riesiges Überlebens-Ich mit narzisstischen Zügen entwickeln. Bei Abspaltungen kommt es auch vor, dass die Bindungsfähigkeit stark eingeschränkt wird, z. B. wenn sich Eltern ihrem Kind nicht auf der

Gefühlsebene zuwenden können, ohne sich ihren eigenen, traumatischen Anteilen zu stellen. Das Kind sucht hingegen den Kontakt zum Elternteil und erlebt dabei möglicherweise ein Symbiosetrauma, bei dem es nicht mehr unterscheiden kann, ob die Gefühle nun die eigenen sind oder von den Eltern übernommene. Das heißt, es kann keine eigene Identität aufbauen.


Lösungsansätze

Die gespaltenen Persönlichkeitsanteile sind voneinander unabhängig und haben daher kein

gemeinsames Wissen über das Trauma. Nur mithilfe der gesunden Anteile können die traumatischen Emotionen wieder eingegliedert werden. Weil jedoch der gesunde Anteil keine genaue Kenntnis vom Trauma hat, muss für ihn das Trauma in einer Aufstellung wiedererlebt werden. Je nach Schwere des Traumas muss daher auch mehrmals aufgestellt werden.


Ähnliche Ansätze

Franz Ruppert ist nicht der einzige Aufsteller, der das Modell einer gespaltenen Persönlichkeit für seine Therapiearbeit nutzt. Auch der Psychiater Robert Langlotz spricht von seelischem Trauma und Abspaltung. Allerdings arbeitet er in seinem Aufstellungsformat der »systemischen Selbst-Integration« mit anderen Arten von Persönlichkeitsanteilen:

  • dem »erwachsenen«, abgegrenzten und unabhängigen Selbstanteil

  • dem »kindlichen«, schwachen, verletzlichen Selbstanteil

  • dem »Körper selbst«, der sich in aller Unschuld am Körper freuen darf.

Quellen: 147

Querverweise: »Mehrgenerationale Psychotraumatologie« und »Trauma und Traumastörungen«.

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