Selbstmord / Suizid (-versuch)



Allgemein

Die Sterberate durch Selbstmord ist sehr stark von Alter und Geschlecht abhängig. In der Altersgruppe der 15- bis 35-Jährigen ist Suizid die Ursache für einen von sechs Todesfällen. Insgesamt beträgt die Suizidsterblichkeit von weiblichen Personen circa 6, von männlichen circa 17 je 100 000 Einwohner. Von den circa 10 000 jährlichen Selbstmorden in Deutschland werden circa 75 Prozent von Männern begangen. Darüber hinaus sind circa 150 000 Suizidversuche aktenkundig, wobei von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. Viermal mehr Frauen als Männer begehen einen Selbstmordversuch. Männer gehen entschlossener vor, bei Frauen ist der Selbstmordversuch oftmals ein Hilfeschrei. Zählt man Freunde und Verwandte der Opfer hinzu, dann betrifft die Suizidproblematik jedes Jahr in Deutschland Hunderttausende Menschen. Aus der Suizidforschung ist auch bekannt, dass ein erhöhtes Suizidrisiko in solchen Familien besteht, in denen sich bereits Angehörige umgebracht haben. Diese Dynamik ist auch in Familienaufstellungen ganz deutlich sichtbar.



Selbstmord in Familienaufstellungen »nach Hellinger«

Aus Sicht Bert Hellingers bringt sich nur selten jemand aus Gründen um, die nur dem eigenen Lebensweg entstammen. In der Regel zieht es ihn zusätzlich zu den Toten der Familie. Selbstmörder folgen fast immer den systemischen Dynamiken »Ich folge dir nach« oder »Lieber ich als du«. Es gibt noch andere Verstrickungen, die bewirken, dass jemand selbstmordgefährdet ist, wie z. B. das Bedürfnis nach Sühne für Schuld. Das bedeutet, dass Selbstmörder sehr oft aus Verstrickungen und aus Liebe, um das Schicksal eines Mitglieds ihres Familiensystems zu teilen, agieren, und nicht aus Rache oder weil das Leben unerträglich geworden ist. Wenn dies so scheint, ist es meist lediglich vordergründig.

Markante Ausnahmen sind allerdings »Liebeskranke«, die sich wegen einer verlorenen Liebe

das Leben nehmen, oder Opfer schwerer Krankheiten, die durch Selbstmord ihre Leiden beenden wollen.


Konsequenzen im System

Selbstmord ist die Konsequenz im System. Selbstmorde haben allerdings oft eine Wirkung

über Generationen hinweg. Oft nimmt sich in jeder Generation ein Nachkomme des gleichen Geschlechts das Leben. Dies macht alles schlimmer: Wenn sich schon jemand umgebracht hat, und ein anderer wählt deshalb auch den Freitod, dann ist es für den, der sich zuerst umgebracht hat, noch schlimmer, weil aus seiner Tat zusätzliches Unglück entstanden ist. Die Lösung besteht darin, dass der potenzielle Nachfolger das Schicksal des Toten achtet und würdigt.


Mögliches Aufstellungsbild

Der Stellvertreter einer suizidgefährdeten Person fühlt sich meistens sehr unwohl, will sich hinlegen oder den Raum verlassen.


Lösungsansatz

  • Für suizidgefährdete Personen: Es geht im Wesentlichen darum, die Person, der ein Selbstmordgefährdeter nachfolgen will, zu finden und sie mit Liebe wieder ins Familiensystem zurückzubringen. Dies gilt auch, wenn jemand aufgrund einer »Lieber ich als du«-Dynamik selbstmordgefährdet ist, wenn er also stellvertretend für jemand anderen einem Toten nachfolgen will. Dann sollte die eigentliche Dynamik ans Licht gebracht werden (siehe dazu auch »Nachfolge« und »Vertretung«). Oft ist es für diejenigen, die diesen Sog in sich verspüren, heilsam, wenn sie in der Aufstellung zu den Toten gehen und sich neben sie legen. Dies ist dann sozusagen ein vorweggenommener Selbstmord. Oft kommt dann von dem Toten ein Hinweis oder eine unbestimmte Kraft, die sie wieder ins Leben zurückschickt.

  • Für die Überlebenden: Überlebende machen sich häufig Schuldvorwürfe, weil sie glauben, sie hätten den Selbstmord verhindern können. Vielleicht interpretieren sie auch die verborgene oder offene Botschaft des Selbstmörders als: »Ich habe es für euch gemacht.« Man wird allerdings nicht zum Selbstmord gezwungen, sondern es handelt sich immer um eine eigene Entscheidung. Es ist sehr wichtig, die Überlebenden von ihren Schuldgefühlen zu befreien.


Aufstellungstechniken

Bei solchen Aufstellungen werden oft der Tod und das Leben aufgestellt.


Lösende Sätze

  • Für den potenziellen »Nachfolger«: »Ich achte dein Schicksal und deine Entscheidung, und du darfst jetzt deinen Frieden haben. Du sollst wissen, dass es gut weitergeht und dass es jetzt gut sein darf.«

  • Der lösende Satz, der an die Überlebenden gerichtet ist: »Es war meine Entscheidung, mich umzubringen. Ich nehme sie auf mich. Ihr achtet mich, wenn ihr sie mir lasst.«

  • Der lösende Satz z. B. für ein traumatisiertes Kind, das seinen Vater tot aufgefunden hat: »Lieber Vati, in mir lebst du noch, und es soll dir gut gehen. Und ich lasse dich teilhaben an dem, was ich tue.«


Lösungsbild und Entlassungsritual

  • Für suizidgefährdete Personen: Der Betroffene empfindet keinen Drang mehr, zu den Toten hinzugehen und spürt, dass die Toten wohlwollend auf ihn schauen.

  • Für Überlebende: Der Selbstmörder ist den Überlebenden gegenüber aufgestellt und gibt diesen ihre »Unschuld« zurück. Sie fühlen sich erleichtert, tragen keine Schuldlast mehr.

Selbstmord in der Mehrgenerationalen

Psychotraumatologie

Für Franz Ruppert reagieren Ratsuchende mit Selbstmordneigung auf ein Trauma im Familiensystem, das mit früh verstorbenen Eltern, Großeltern oder Geschwistern zusammenhängt, mit denen sie in symbiotischem Kontakt stehen. Eine Enttäuschung oder Kränkung alleine reicht aus Sicht Rupperts nicht aus, einen Selbstmord zu begehen. Eine aktuelle Krise kann vermutlich lediglich die kindlichen Verlassenheitsgefühle wachrufen, die latent bereits vorhanden waren. Wenn z. B. der Vater eines Kindes den frühen Tod seiner eigenen Eltern nicht verarbeiten konnte, kann das Kind selbstmordgefährdet werden: Um dem Vater nahe zu sein, sucht es unbewusst emotional nach der Person, auf die die Psyche des Vaters fixiert ist. Dort findet das Kind die Bindungsgefühle, die es selbst haben möchte. Es identifiziert sich auf diesem Wege mit dem Toten. Seine unbewusste Strategie auf der psychischen Ebene lautet: »Wenn ich so bin wie der Tote, den mein Vater so sehr liebt, dann liebt er mich auch.« Suizidgefährdung ist auf diese Weise betrachtet, keine Sehnsucht zu sterben, sondern der Wunsch eines Kindes nach einer emotionalen Bindung. Da das Kind diese Bindung bei seinem traumatisierten Vater in der Gegenwart nicht finden kann, sucht es nach dem Zeitpunkt, zu dem der Vater noch lieben konnte.


Konsequenzen im System

Wenn ein Suizid verheimlicht und tabuisiert wird, kann sich daraus in späteren Generationen

eine emotionale Verwirrung bis hin zu einer Psychose entwickeln.


Lösungsansatz

Der Aufstellungsleiter sollte bei der Frage nach den Ursachen von Suizidalität und durchgeführten Suiziden nicht an vordergründigen Krisen haften bleiben, sondern nach Ursachen in der Familiengeschichte suchen und Fragen stellen, wie z. B: »Gab es bereits einen Selbstmord im väterlichen oder mütterlichen Familiensystem?«, »Ist die Mutter früh gestorben?«, »Starb ein Geschwister früh?« Dem Suizidgefährdeten wird über eine Aufstellung die unbewusste Identifizierung bzw. seine symbiotische Verstrickung mit einer Person aus seinem Familiensystem aufgezeigt. Durch die Gegenüberstellung mit dieser Person soll ihm deutlich gemacht werden, dass die geliebte Person den Selbstmord gar nicht wollen würde. Sein Sterben würde keine Probleme lösen, sondern neue schaffen, weil die Dynamik auf seine Kinder und Enkel übertragen werden würde.

Quellen: 170, 171, 172, 173, 174

Querverweise: »Krankheit«

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