Schicksal




Schicksal in Familienaufstellungen

»nach Hellinger«

Aufstellungen haben gezeigt, dass schwere

Schicksale eine sehr starke Wirkung ausüben

können, die über Generationen hinweg sichtbar

sein kann. Ereignisse, die sich in einer Familie

auf die Kinder, Enkel und manchmal sogar Urenkel

auf vielfältige Weise auswirken sind u. a.:

• früher Tod,

• Selbstmord,

• schwere Verbrechen wie Mord, Vergewaltigung

oder Kriegsverbrechen,

• schwere Krankheit, Erbkrankheiten oder psychische

Krankheiten,

• Tod im Kindbett, Totgeburten,

• weggegebenes Kind (siehe dazu »Adoption«),

• Verlust der Heimat: freiwillig oder durch Vertreibung,

Auswanderung oder Flucht,

• Schicksale, die jemanden zum Außenseiter

machen wie Behinderung, Gefängnisaufenthalt,

Homosexualität usw.


Konsequenzen im System

Oft werden die Opfer solcher Schicksale aus

dem Familiensystem ausgeklammert, weil die

Erinnerungen zu schmerzhaft sind oder die

Scham zu groß ist. Damit wird ihnen das Recht

auf Zugehörigkeit verweigert. Wird ein Familienmitglied

wegen seines Schicksals verschwiegen

oder ausgegrenzt, so wird ein später geborenes

Familienmitglied dessen Schicksal wiederholen.

Dies ist in Hellingers Lehre eine Wirkung

des Familiengewissens. Bewusst oder unbewusst

will der Nachgeborene für früheres Unrecht

»Sühne« leisten oder Opfer bringen. Er lebt

ein fremdes Schicksal nach und stellt es samt

Schuld, Unschuld und Unglück noch einmal

dar – mit Gefühlen und allem, was dazu gehört.

Sühnen und Opfer für andere sind jedoch sinnlos,

denn niemand kann anstelle eines anderen

Schuld abtragen. Eine Person, die ihrem eigenen,

nicht veränderbaren Schicksal nicht zustimmt

und nach Schuldigen sucht, kann ihre

Kraft nicht entfalten.


Lösungsansatz

• Persönliches Schicksal: Eines der inhärenten

Prinzipien eines Familiensystems besagt,

dass jeder sein Schicksal selbst tragen sollte,

mit allen Lasten und Gefühlen, unabhängig

von seiner Schwere im Einzelfall (siehe dazu

»Ordnungen der Liebe«). Zum persönlichen

Schicksal gehört auch, den Folgen von eigenem

Handeln und eigener Schuld zuzustimmen.

Es gehört z. B. auch dazu, innerlich zuzustimmen,

dass man ein behindertes Kind hat

oder durch eine Erbkrankheit eine geringe

Lebenserwartung hat. Gerade wenn jemand

seinem Schicksal zustimmen kann, findet er

oft hilfreiche Wege innerhalb der gesetzten

Grenzen. Die Zustimmung zu seinem Schicksal

gilt auch für positive Ereignisse. Oft schließen

Überlebende eines schweren Unfalls mit

ihrem Leben ab, weil sie glauben, sterben zu

müssen. In der Folgezeit leben sie dann lustlos

weiter (siehe dazu »Lebenshemmung«). Als

einziger Ausweg aus schicksalhafter Schuld

bleibt nur die Unterwerfung, das Sich-Einfügen

in einen überm.chtigen Zusammenhang.

Die Grundhaltung dafür ist Demut. Sie erlaubt

es, das Leben oder das Glück anzunehmen,

solange es andauert, unabhängig vom

Preis, den andere dafür bezahlen mussten. Sie

lässt einen auch dem eigenen Tod und einem

schweren Schicksal zustimmen, wenn man an

der Reihe ist.

• Fremdes Schicksal: Bei einer Verstrickung ist

es daher angemessen, jedem sein Schicksal

zu lassen und sich aus anderen Leben herauszuhalten.

Das kann in Familienaufstellungen

z. B. durch die Achtung des fremden Schicksals

geschehen. Auf diese Weise wird die Verstrickung

gelöst.


Aufstellungstechnik

Manchmal will sich der Ratsuchende nicht von

dem fremden Schicksal trennen. Oft fürchtet

er, damit seine Zugehörigkeit zum System und

damit auch seine Identität zu verlieren. Manche

Aufstellungsleiter lassen den Ratsuchenden

während der Aufstellung einen schweren Stein

als Symbol des fremden Schicksals tragen, bis

der Ratsuchende bereit ist, dieses aufzugeben.

Beim Überleben einer Gefahr ist es auch angemessen,

dass sich der Überlebende für seine

Errettung bei seinem Schicksal bedankt, auch

indem er das Geschenk des Lebens neu annimmt

und etwas daraus macht. Dafür wird oft

das Schicksal (eigenes oder fremdes Schicksal)

als Systemelement aufgestellt.


Lösende Sätze

• »Ich achte dein Schicksal, und ich lasse es

ganz bei dir.«

Dieser Satz ist gleichzeitig ein Akt der Würdigung.

Damit wird anerkannt, dass die Person

stark genug ist, ihr Schicksal allein tragen zu

können.

• Manchmal ist es auch hilfreich, wenn der Betroffene

dem Ratsuchenden sagt: »Es ist mein

Schicksal, und ich trage es. Du achtest mich,

wenn du es mir lässt.«


Schicksal aus Sicht der Mehrgenerationalen

Psychotraumatologie

Für Franz Ruppert arbeitet Bert Hellinger implizit

mit Traumastörungen, hat jedoch keine echte

Systematik für die Erfassung und Heilung von

Traumastörungen entwickelt. Die »Ereignisse«

oder »schweren Schicksale« im Familiensystem

sind seiner Ansicht nach nichts anderes als massive

Traumata im Bindungssystem:

• Kriegsereignisse, extreme Gewalt, Mordversuche

oder schwere Unfälle sind Existenztraumata.

• Früher Tod der Eltern oder eines Kindes,

Trennung der Eltern, Trennung von früheren

Partner, Adoption, Fehlgeburt, Abtreibung

oder Verlust der Heimat sind Verlusttraumata.

• Die unterbrochene Hinbewegung ist ein deutliches

Symptom eines Bindungs-/Symbiosetraumas.

• Kindesmissbrauch und andere Familiengeheimnisse,

die schwere Schuld- und Schamgefühle

hervorrufen, sind die Ursachen für

Bindungssystemtraumata.

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