Rituale



Die Arbeit während einer Aufstellung ist durch zwei Hauptcharakteristika gekennzeichnet:

Erstens durch eine besondere Verwendung der Sprache und zweitens durch »vorgeschriebene« Bewegungen bzw. Gesten, die innere Bewegungen

anstoßen und helfen sollen, alte und gewohnte Vorstellungen und Verhaltensweisen

loszulassen. Diese Vorgehensweise wird als »Ritual« bezeichnet. Für viele Aufsteller klingt das Wort jedoch zu starr und zu religiös. Es wird jedoch in der Psychologie und Verhaltensforschung als Fachausdruck für genormte, typisierte und rituell ablaufende Verhaltensweisen benutzt.

Diese Rituale dienen entweder einer Trennung, z. B. von einem fremden Schicksal oder von einer Verbindung z. B. zu den Eltern. Es geht in der Regel darum, eine Richtung hin zu einer

Musterunterbrechung vorzugeben (siehe dazu auch »Lösende Sätze«). Bei Familienaufstellungen wird zwischen verschiedenen Typen von Ritualen unterschieden, z. B.:

  • Verwendung von Ritualsätzen zur Richtigstellung von Beziehungen und Ordnungen: klärende bzw. lösende Sätze werden vorgegeben und von den Stellvertretern ausgesprochen,

  • Rückgaberituale: symbolische Rückgaben von übernommenen Gefühlen oder Aufträgen,

  • Rituale zum Gewinnen von Energie,

  • Rituale zur Würdigung, wie z. B. eine Verneigung,

  • Trauerrituale,

  • Rituale zur Kontaktaufnahme, etwa eine Umarmung als Geste des Annehmens


Beispiel: Rückgabe mithilfe eines symbolischen Gegenstands

Oft übernehmen Nachkommen Gefühle, Aufträge oder Schuld von anderen Systemmitgliedern. Die Lösung in Familienaufstellungen besteht darin, eine ritualisierte Rückgabe vorzunehmen und das Übernommene dorthin zurückzugeben, wo es hingehört. Um die Gefühle, Aufträge usw. zu symbolisieren, werden Objekte wie z. B. Steine benutzt.

Das Ritual war dann erfolgreich, wenn der Stellvertreter sich erleichtert fühlt und spontan

aufatmen kann. Wenn die Rückgabe nicht wirklich »gelungen« ist, muss sie wiederholt werden. Die begleitenden Sätze dazu können z. B. sein: »Das hier habe ich von dir übernommen. Aber das ist nicht meins. Ich will es nicht, und ich brauche es nicht. Ich gebe es dir zurück.« Oder auch: »Ich gebe die Last dir zurück, sodass du sie an die Stelle weitergeben kannst, an die sie gehört.« Dieses Ritual ist auch ein Akt der Würdigung. Damit

wird anerkannt, dass die Person stark genug ist, ihr Schicksal allein tragen zu können.


Beispiel: Stärkung der weiblichen oder der männlichen Linie durch die Ahnenreihe

Manchmal fehlt es den Ratsuchenden in Aufstellungen an Kraft. Sie stehen wackelig und unsicher auf ihrem Platz. Um den Ratsuchenden zu stärken, holt der der Aufstellungsleiter »Rückendeckung « aus der Herkunftsfamilie. Dazu stellt er einen Elternteil (oder manchmal eine ganze Ahnenreihe) hinter dem Ratsuchenden auf. In der Regel wird die männliche Linie für einen Mann, und die weibliche Linie für eine Frau gestellt. Dies kann beispielsweise auch in einer Organisationsaufstellung angewandt werden, wenn es einer Führungskraft an Unterstützung fehlt. Auf diese Weise kann häufig die Verbindung zu Kraftquellen gestärkt werden, die jemand zur Bewältigung einer Aufgabe oder zur Einnahme einer bestimmten Position benötigt. Eine Kräftigung durch die Ahnenreihe kann nur geschehen, wenn nichts mehr zwischen dem Ratsuchenden und seinen Ahnen steht. Gibt es in der Reihe eine Unterbrechung, sodass die Kraft oder die Liebe nicht durch die Reihe fließen kann, versucht der Aufstellungsleiter, diese aufzuheben. In der Ahnenreihe kommt nicht nur das Gefühl

auf, dass man von seinen Ahnen gehalten und getragen wird, sondern es entsteht auch das

Wissen und daraus wiederum die Kraft, dass man jetzt erwachsen ist.


Beispiel: Verbeugung und Verneigung

Der Ratsuchende verbeugt sich meist vor seinen Eltern, um sich von einer anmaßenden Haltung zu lösen. Das Ritual der Verbeugung wird in einer Aufstellung oft eingesetzt, wenn jemand die Hinbewegung zu den Eltern verweigert, sie hochmütig behandelt oder ihnen Vorwürfe macht, aber auch, wenn jemand versucht hat, ihnen zu helfen oder sie zu retten und dadurch anmaßend geworden ist. Die Verbeugung ist ein Ritual, das die Ordnung in der Familie wiederherstellen soll. Sie macht den Ratsuchenden vor den Großen im Familiensystem wieder klein. Bert Hellinger sagt: »Wer sich vor den Eltern verneigt, ist frei.« Folgendes ist für viele moralisch schwer zu akzeptieren: Auch Kinder, die von ihren Eltern

sexuell missbraucht wurden, sollten das tun. Die Verbeugung ist der tiefste Ausdruck der

Achtung und eine Demutshaltung. Je schwerer dem Ratsuchenden die Zustimmung bzw. die

Anerkennung fällt, desto tiefer und länger muss er sich in der Aufstellung vor den betroffenen Stellvertreter verneigen. Die Verneigung ist umfassender als die Verbeugung.

Sie gilt weniger den eigenen Eltern z. B. aufgrund einer Anmaßung, sondern dem in der

Familie wirkenden Schicksal und der Person, die dieses Schicksal trägt. Eine Verneigung ist ein Vorgang der Achtung und der Ehrerbietung: Man beugt sich den größeren, überindividuell wirkenden Kräften und ihren schicksalhaften Wirkungen.

Es wird zwischen vier Stufen der Verbeugung bzw. der Verneigung unterschieden, je nach

Schwere der Anmaßung bzw. des Schicksals:

  • das Neigen des Kopfes,

  • das Verneigen mit dem gebeugten Oberkörper,

  • knien mit gebeugtem Oberkörper, wobei die Handflächen als Ausdruck des Loslassens nach oben geöffnet sind,

  • liegen auf dem Boden, die Handflächen nach oben geöffnet.

Der begleitende Satz ist meistens: »Ich gebe dir die Ehre.« Die große Mehrheit der Aufsteller benutzt solche Rituale nicht, wenn der Ratsuchende dafür nicht bereit ist. Aus Sicht vieler Aufsteller erhöht allerdings eine stimmige Verbeugung die Würde aller Beteiligten, gibt Kraft, befreit und lässt die Liebe wieder fließen.


Beispiel: Auflösung einer Verstrickung durch eine körperliche

»Sich-Abwenden«-Bewegung

Um eine Verstrickung zu lösen, nutzen Aufsteller manchmal folgende Bewegung: Der Ratsuchende geht langsam zu der mit ihm verstrickten Person hin, hält währenddessen intensiven Blickkontakt, der Mund ist geöffnet, und der Ratsuchende atmet tief ein. Kurz vor dem Ziel dreht er sich plötzlich um (oder wird vom Aufstellungsleiter umgedreht), um eine Verwirrung zu erzeugen, und geht dann zurück zu seinem ursprünglichen Platz. Anschließend wird häufig die Frage gestellt: »Was ist jetzt anders?«


Familienstellen »nach Hellinger« vs. Systemische

Strukturaufstellungen

Im Prinzip sind Sätze und Rituale im Familienstellen »nach Hellinger« vom Aufstellungsleiter

vorgegeben und müssen von den Stellvertretern durchgeführt werden. Bei den Systemischen Strukturaufstellungen sind Sätze und Rituale nur Angebote, die in Anspruch genommen werden können. In der Praxis betrachten aber viele Familienaufsteller »nach Hellinger« Rituale auch nur als Angebote und zwingen niemanden, sie auszuführen.


Kritische Stimmen

Besonders die Verbeugung wird von Kritikern der Familienaufstellungen als eine unzumutbare Demütigung des Ratsuchenden betrachtet. Oft wird eine Verbeugung mit Unterwerfung verglichen. Auch unter Aufstellern ist es umstritten, ob eine Verbeugung überhaupt sinnvoll ist.

Quellen: 159, 160

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