Reinszenierung/ Neuinszenierung des Familiensystems



Organisationsaufstellungen zeigen oft, dass die Ursachen eines Problems nicht notwendigerweise auf der Ebene liegen, auf der sich das Problem zeigt (siehe dazu auch »Strukturebenenwechsel«). Ein Konflikt mit dem Chef hat nicht selten seine tiefsten Ursachen in einem Konflikt mit dem eigenen Vater. Viele Störungen in Unternehmen sind auf Kommunikations- und Handlungsmuster sowie Gefühle aus der Herkunftsfamilie zurückzuführen. Diese Muster und Gefühle bestimmen oft, wie jemand mit Kollegen und Chefs umgeht und wie er auf Probleme reagiert. Das Einbeziehen von Dynamiken aus dem Familiensystem in das Arbeitsumfeld wird »Reinszenierung« oder »Neuinszenierung« genannt. Als Mitglied eines gestörten Systems trägt der Ratsuchende oft – meist unbewusst – diese Störungen in ein anderes System. Solche Reinszenierungen sind keine Ausnahmeerscheinungen. Viele Konflikte in Teams, zwischen Kollegen oder zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten sind Wiederholungen von Mustern aus der Familie.

Manche Menschen reinszenieren z. B. am Arbeitsplatz Situationen, in denen sie schwächende Gefühle wiederholen, die sie schon seit ihrer Kindheit kennen, und die dann vor allem dazu dienen, anderen die Verantwortung zuzuschieben und eigenes Handeln zu vermeiden. Immer wenn Mitarbeiter intensive Gefühle zeigen, die im realen Kontext nicht verständlich oder übertrieben sind, sollte der Gedanke an eine Reinszenierung naheliegen. Es kann sich auch durchaus in Positivem zeigen, wie z. B. in Überengagement oder bei Gerechtigkeitsfanatikern.


Konsequenzen im System

Wie familiäre Muster und Verstrickungen im Arbeitsumfeld wirken, ist sehr unterschiedlich. Einige typische Reinszenierungsthemen sind:

  • Autoritätskonflikte, anmaßendes Verhalten: Anmaßung in diesem Kontext bedeutet, dass sich ein Mensch so benimmt, wie es ihm eigentlich aufgrund seiner Position nicht zusteht, z. B. kritisiert ein Mitarbeiter ständig und vor allen anderen Mitarbeitern seinen Vorgesetzten. Dies kann vorkommen, wenn ein Mitarbeiter in seiner Herkunftsfamilie für seine Eltern etwas mitgetragen hat, bzw. in deren Konflikte hineingezogen wurde (Triangulierung) oder sich seinen Eltern gegenüber gar in einer Elternrolle befunden hat (Parentifizierung). Dadurch entsteht so im Erwachsenenalter eine Verachtung für Autoritäten und anmaßendes Verhalten gegenüber Vorgesetzten. Damit dieses Muster allerdings voll ausgelebt werden kann, muss beim Vorgesetzten ein entsprechendes Komplementärprogramm vorhanden sein.

  • Doppelbelichtung: Unter einer Doppelbelichtung versteht man, wenn eine Person, zu der man in engem Kontakt steht, unbewusst mit einer (meistens gleichgeschlechtlichen) Person aus der eigenen Herkunftsfamilie verwechselt wird. Diese Menschen werden – vergleichbar mit dem doppelt belichteten Foto zweier Menschen – nicht als eigenständige, völlig verschiedene Wesen wahrgenommen. Eine solche Verwechslungsgefahr besteht vor allem bei Partnern und Vorgesetzten.

  • Keine Annahme der Führungsfunktion: Nicht selten gibt es in Organisationen Vorgesetzte, die ihre Position als Chef nicht wirklich wahrnehmen. Sie treffen keine Entscheidungen oder delegieren diese und ziehen sich zurück, wenn es darum geht, ihre Mannschaft führen zu müssen. Manchmal versuchen sie es auch, werden allerdings dann von ihren Mitarbeitern nicht wirklich als Chefs anerkannt. Solche Dynamiken treten oft bei Personen auf, die ihren Vater nicht angenommen haben (siehe dazu »Eltern-Kind-Bindung«). Damit können sie die Männlichkeit ihrer Ahnenreihe nicht annehmen und treten als »Chef ohne Rückgrat« auf. Manchmal ist die Ursache auch in der Geschwisterreihe zu finden. Jemand, der in der Familie das dritte Kind ist und der diesen Platz angenommen hat, kann Schwierigkeiten haben, beruflich an erster Stelle zu stehen.

  • Sühne, Erfolgverhinderung: Häufig geht es bei Organisationsaufstellungen darum herauszubekommen, warum ein Unternehmen nicht den Erfolg hat, der realistisch betrachtet möglich wäre. Hier finden wir in der Regel organisatorische Verstrickungen und Übertragungen von familiensystemischen Verstrickungen in den Arbeitskontext. So zeigte sich z. B. bei einem Ratsuchenden, dass er nicht wagte, den durchaus möglichen Erfolg zu haben, weil er sich angesichts des schweren Schicksals seines behinderten Bruders nicht traute, den Erfolg zu anzunehmen.


Mögliches Aufstellungsbild

Hinweise auf einen eher familiären Hintergrund zeigen z. B. intensive Gefühle, die nicht in

den Kontext passen, außergewöhnliches Engagement und alle Tendenzen, die einen gewissen Fanatismus aufzeigen. Auch die Beschreibung des Anliegens gibt oft durch Schlüsselworte, wie z. B. »Sehnsucht«, »sich verlassen fühlen«, »Einsamkeit« usw. gute Hinweise.


Lösungsansatz

Die Überlagerung zweier Kontexte sollte durch die Aufstellung ans Licht kommen und gelöst

werden.

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