Rangordnung in der Familie



Damit ein Familiensystem störungsfrei funktionieren kann, müssen laut Bert Hellinger systemische Ordnungen eingehalten werden (siehe dazu auch »Ordnungen der Liebe«). Eine diese Ordnungen ist eine Rangfolge innerhalb der Familie, die durch zahlreiche Aufstellungen festgestellt wurde. Diese Rangfolge richtet sich nach dem Eintrittszeitpunkt der Mitglieder ins System: Wer früher da war, hat Vorrang vor dem, der später dazu gekommen ist. Wer früher kommt, hat mehr Verantwortung und muss mehr geben, und wer später kommt, muss von früheren nehmen. Das Geben und Nehmen fließt von oben nach unten, genau wie die Zeit von früher nach später fließt. Die Rangordnung sagt nichts über den Wert oder die Würde einer Person aus. Es geht um Rechte, Pflichten und gegenseitige Achtung. Bert Hellinger sagt dazu: »Die Rangordnung ist eine Ordnung des Friedens.

Sie steht im Dienst des Friedens in der Familie und in einer Gruppe. Sie steht letztlich im

Dienst der Liebe und des Lebens.« Diese Rangordnung folgt folgenden Prinzipien:

  • Die Großelterngeneration hat Vorrang vor der Elterngeneration und diese vor der der Kinder.

  • Frühere Partner in der Rangfolge kommen vor den späteren. Die erste Frau z. B. hat Vorrang vor der zweiten Frau, unabhängig von der Qualität der Beziehung. Die Tiefe der Bindung nimmt von Beziehung zu Beziehung ab. Die zweite Bindung bindet weniger als die erste. Bindung ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Liebe. So kann in einer zweiten Beziehung die Liebe größer sein, die Bindung jedoch geringer.

  • In Paarbeziehungen gibt es keine Rangfolge: Beide Partner sind gleichrangig und damit ebenbürtig, weil sie zeitgleich in die Beziehung eintreten. Es kann allerdings eine Rangordnung in Bezug auf ihre Funktion geben. Die Sorge um die Sicherheit der Familie ist z. B. ein wichtiges Kriterium.

  • Die Paarbeziehung hat Vorrang vor dem Elternsein, das heißt vor der Beziehung zu den Kindern, denn sie existierte zeitlich vorher. Kinder sind systemisch gesehen die Fortsetzung und der Höhepunkt einer Paarbeziehung. Wird dies gelebt, können die Kinder sich sicher fühlen, denn die Basis ihres Lebens, die Beziehung der Eltern, ist stabil. Ein Kind darf niemals wissen, was zur Paarbeziehung der Eltern gehört. Das geht das Kind nichts an.

  • Die Reihenfolge bei den Kindern folgt den Geburtsdaten. Das älteste Kind hat Vorrang vor seinen jüngeren Geschwistern. Auch Kinder, die nicht lebensfähig waren, haben ein Recht, Teil dieser Rangfolge zu sein.

  • Für Systeme gilt der Vorrang des Früheren vor dem Späteren nicht. Die Gegenwartsfamilie hat Vorrang vor der Ursprungsfamilie. Gründet z. B. ein Mann eine Familie, fühlt sich aber weiterhin primär seinen Eltern verpflichtet, dann gefährdet er damit seine Ehe. Wenn durch die Geburt eines Kindes ein neues System gegründet wird, so hat das neue System immer Vorrang vor dem alten.

Jeder in der Gruppe muss seinen Platz je nach Rang der Zugehörigkeit zum System und in Bezug zu allen anderen Mitgliedern einnehmen. Wenn die natürliche Rangfolge im Verhalten

und in der Kommunikation der Familie für alle sichtbar und erlebbar gestaltet ist, ist laut Bert

Hellinger die Familie systemisch in Ordnung. Problematisch wird es, wenn ein Mitglied des

Systems seinen Platz nicht akzeptiert. Wer z. B. als späterer Partner so tut, als sei er der erste,

stört die Ordnung.


Konsequenzen im System

Wenn es in Familien Konflikte oder sogar tragische Schicksale gibt, so hat oft ein Nachgeordneter gegen die Ursprungsordnung verstoßen. Das heißt, er hat sich etwas angemaßt, was Vorgeordneten vorbehalten bleiben muss. Viele Konflikte entstehen aufgrund von Verstößen gegen die Rangordnungen. Dies geschieht in der Gegenwartsfamilie häufig, wenn eine Rolle – z. B. in einer Ehe – nicht ausgefüllt wird. Eine

für das System wichtige Person füllt ihren Platz innerlich nicht aus, und die mit dieser Rolle

verbundenen Aufgaben, Pflichten und Verantwortungen sind nicht vergeben. Diese Rolle

übernimmt meistens ein Kind, das mit dieser Herausforderung hoffnungslos überfordert ist.

Das System gerät in Unordnung, denn nun nehmen mindestens zwei Menschen nicht mehr den ihnen angemessenen Platz ein (siehe dazu »Triangulierung« und »Parentifizierung«).

Die Frage »Wo ist mein Platz?« beschäftigt manche Menschen ihr ganzes Leben und durch alle Systeme, seien es Unternehmen, Vereine oder Freundeskreise. In den meisten dieser Fälle war der eigene Platz schon in der Kindheit unklar definiert.


Mögliches Aufstellungsbild

Ein Systemmitglied steht nicht an seinem systemischen Platz, z. B. der Repräsentant des ersten, also des ältesten Kindes, stellt sich nicht an seinem Platz in der Geschwisterreihe auf. Stattdessen steht eine jüngere Schwester vor ihm in der Reihe.


Lösungsansatz

Eine systemische Ordnung ist laut Bert Hellinger nur dann gegeben, wenn jedes Systemmitglied seine Ursprungsposition im System Rangordnung in der Familie

einschließlich der dazugehörenden Rolle annimmt. Dafür müssen meist andere Themen

zunächst gelöst werden: z. B. den Vater durch die Lösung seiner eigenen Verstrickungen in

die Lage versetzen, seine Rolle als Vater übernehmen zu können. Die Aufstellung ist dann

erfolgreich, wenn sich alle an ihrem Platz wohlfühlen, ihn innerlich einnehmen können und

spüren, dass sie auch dort hingehören. Damit die Rangfolge tatsächlich anerkannt werden kann, sind oft Zwischenschritte notwendig, z. B. die Rückgabe von übertragenen Gefühlen oder das Zurücknehmen von bisher nicht übernommenen Verantwortungen und Zuständigkeiten.


Lösende Sätze

Die folgenden lösenden Sätze betonen die Ordnung:

  • »Du bist die/der erste, ich bin die/der zweite (Ehemann/Bruder/…).«

  • »Ich achte dich als die/den Erste(n).«

  • Das Kind zum Vater: »Du bist der Große, ich bin die/der Kleine.«

  • Das Kind zu den Eltern: »Dafür bin ich viel zu klein, ich bin nur das Kind.«


Lösungsbild und Entlassungsrituale

Die Familie wird gemäß der Ursprungsordnung aufgestellt. Die Eltern stehen den Kindern gegenüber oder am Anfang eines offenen Kreises. Die Kinder stehen wiederum von rechts nach links ihrem Alter nach geordnet in einer Reihe. Abgetriebene Kinder gehören jedoch nicht in die Geschwisterreihe, sondern sitzen vor ihren Eltern. Da es in Liebesbeziehungen keine Rangordnung gibt, können die Mutter oder der Vater am Anfang des offenen Kreises stehen. In der Regel steht derjenige, der für die finanzielle Sicherheit der Familie sorgt, vorne. Die Kinder stehen neben dem Elternteil, bei dem sie am besten aufgehoben sind (siehe dazu auch »Paarbindung« und »Eltern-Kind-Bindung«).

Hat sich das Paar getrennt, stehen die gemeinsamen Kinder meist zwischen den Eltern. Das

zeigt die unauflösliche Bindung als Eltern und ihre gemeinsame Verantwortung für die Kinder an. Bei Kindern aus früheren Beziehungen zeigt sich ein anderes Aufstellungsbild: Die Kinder der früheren Beziehungen stehen zwischen ihren Eltern, die Kinder aus der gegenwärtigen Beziehung eröffnen jedoch eine neue Ebene: Sie stehen ihren Eltern gemäß der Reihenfolge ihrer Geburt gegenüber – das älteste rechts und das jüngste links.

In der Regel haben frühere Partner im offenen Kreis ihren Platz jeweils an der Seite ihres

ehemaligen Partners, wenn auch mit deutlichem Abstand. Das zeigt, dass sie zwar nicht

zur Paarbeziehung dazugehören, aber dennoch einen wichtigen Anteil an ihr haben. Bei mehreren früheren Partnern steht der erste ganz außen, der nächste Partner folgt in einem angemessenen Abstand.


Kritische Stimmen

Diese Rangfolge wird oft als patriarchalische, undemokratische und frauenfeindliche Sichtweise bezeichnet. Bert Hellinger sagt dazu, dass seine Aussagen über Ordnungen in Familiensystemen kein theoretisches Postulat sind, sondern dass er über die Erfahrung aus unzähligen Familienaufstellungen durch die Rückmeldungen der Stellvertreter auf diese Aussagen gekommen ist.

Quellen: 1

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