Patchworkfamilien



Der traditionelle Familienbegriff wandelt sich immer mehr. Knapp ein Drittel der Neugeborenen in Deutschland hat Eltern, die nicht miteinander verheiratet sind. Sehr viele Kinder haben Eltern, die sich später scheiden lassen. Wenn die Erwachsenen neue Partnerschaften eingehen und dann auch noch Kinder bekommen, entstehen Flickenteppich-Gemeinschaften, die als Patchworkfamilien (oder Stieffamilien) bezeichnet werden. Die Patchworkfamilie ist in Deutschland der dritthäufigste Familientyp, nach der Kernfamilie und den Alleinerziehenden, mit einem Anteil von circa 14 Prozent der Familien mit Kindern unter 18 Jahren (circa 2,3 Millionen Familien).

Wenn eine Patchworkfamilie gegründet wird, haben alle Beteiligten zunächst einmal viele

Aufgaben zu bewältigen. Viele Probleme stehen dabei in Verbindung mit den Kindern: Angst der Kinder, dass ein Kind bevorzugt wird, Rebellion gegen den »neuen« Vater oder die »neue« Mutter, Loyalitätsprobleme, Schuldgefühle der biologischen Mutter oder dem biologischen Vater gegenüber, Eifersucht oder Trauer etc. Die Position des Kindes verändert sich in einer Patchworkfamilie drastisch. War es vorher z. B. Einzelkind, muss es nun plötzlich teilen, war es bisher das älteste Kind, kann es nun zum jüngeren werden, war es das einzige Mädchen, muss es nun mit jemandem teilen usw. Natürlich ist die Beziehung zum eigenen Kind für einen Elternteil enger als zu den Kindern des Partners. Gerade deshalb erfordert diese Situation sehr viel Fingerspitzengefühl. Oft glauben Kinder, dass sie schuld an der

Trennung der Eltern sind. Diese Schuldgefühle werden in einer Patchworkfamilie nicht selten

auf den neuen Partner übertragen und die Kinder reagieren mit Wut, Zorn und Eifersucht. Der neue Partner sollte versuchen, diese Reaktionen nicht persönlich zu nehmen. Hinzu kommen persönliche Konflikte und Probleme der Eltern wie verletzte Ex-Ehepartner, Mütter, die zwischen den eigenen Kindern und dem neuen Partner stehen, Väter, die im neuen Partner der Exfrau einen Konkurrenten um die Gunst der eigenen Kinder sehen, Scheidungsprobleme usw. Oftmals kommt deswegen in Patchworkfamilien die Partnerschaft zu kurz. Hatte der neue Partner bisher keine Kinder, wird er plötzlich mit einem oder mehreren Kindern konfrontiert und fühlt sich schnell als »zu kurz kommend«. Wenn das Kind ihn zudem noch ablehnt, kann sich dies wiederum negativ auf seine Gefühle dem Partner gegenüber auswirken. Bringen beide Partner Kinder mit in die Beziehung ein, können sich daran schnell Konflikte entzünden, z. B. wenn die Kinder eifersüchtig aufeinander sind oder die Erwachsenen die Kinder unterschiedlich behandeln.


Konsequenzen im System

Wenn nur einer der Partner Kinder mit in die Beziehung bringt, ist oft der Ausgleich von Geben und Nehmen gefährdet. Der kinderlose Partner muss viel mehr in die Familie hineingeben, als er zurückbekommt.

Wenn die Rangordnung der Partner und der Kinder nicht beachtet wird, kann die neue Beziehung gefährdet werden. Durch eine Trennung ändert sich die Rangordnung im System teilweise. Normalerweise hat die Paarbindung Vorrang vor den Kindern. Wenn ein Kind aus einer ersten Partnerschaft vorhanden ist, so hat die Liebe zum eigenen Kind dann Vorrang vor der Liebe zum neuen Partner (Siehe zu den Konsequenzen für die Kinder »Trennung der Eltern«). Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren haben es am schwersten. Da sie den nun getrennt lebenden Elternteil nach wie vor lieben und nun in der Patchworkfamilie einen »Ersatzpapa« oder eine »Ersatzmama« bekommen, befinden sie sich in einem Loyalitätskonflikt. Verstehen sie sich gut mit dem neuen Partner, fühlen sie sich als Verräter an der Liebe zur Mutter oder zum Vater. Jugendliche verstehen zwar meist die Beweggründe für eine Trennung, haben aber Probleme, den neuen Partner als Autoritätsperson zu akzeptieren. Systemisch gesehen ist es schlimm, wenn man versucht, die leibliche Mutter

oder den leiblichen Vater durch den neuen Partner zu »ersetzen«. Das Kind spürt immer

– auch unbewusst und selbst, wenn es den neuen Partner liebt – zu wem es gehört. Der neue

Partner sollte daher nicht versuchen, den Vater oder die Mutter zu ersetzen.

Negative Folgen hat es auch, wenn z. B. Kindern ein Mitspracherecht bei der Frage zugemutet wird, ob und wann die Mutter den neuen Partner heiraten soll oder darf. Die Paarebene geht die Kinder nichts an. Wer hier mitreden darf, leidet unter dieser Bürde und bestraft sich später dafür.


Lösungsansatz

Wenn der Ausgleich von Geben und Nehmen nicht gelingt, wie z. B. bei kinderlosen Partnern, ist es zumindest wichtig, den Einsatz und das Geben des kinderlosen Partners besonders zu würdigen.

Die Reihenfolge sowie die Verantwortung für die Kinder muss beachtet werden. Patchworkfamilien funktionieren am besten, wenn ein Kernprinzip beachtet wird: Frühere Partner wirken immer noch, müssen gewürdigt werden und haben ihr Recht als Eltern. Systemisch gesehen herrscht der Idealfall, wenn die leiblichen Eltern weiterhin gemeinsam die Verantwortung für ihre Kinder tragen, gleichgültig in welchem Haushalt diese leben. Die neuen Lebenspartner haben kein Recht, sich in die Erziehung von Kindern einzumischen, die nicht ihre eigenen sind. Ein klares Bild der Zugehörigkeiten und der Reihenfolge von früheren Partnern und jeweiligen Kinder bringt oft Klarheit und Ordnung.


Lösungsbild

In der Regel haben frühere Partner im offenen Kreis ihren Platz jeweils an der Seite ihres ehemaligen Partners, wenn auch mit einem deutlichen Abstand. Bei mehreren früheren Partnern steht der erste ganz außen, der nächste Partner folgt in einem angemessenen Abstand. Die Kinder der früheren Beziehungen stehen zwischen ihren Eltern, die Kinder aus der gegenwärtigen Beziehung jedoch eröffnen eine neue Ebene: Sie stehen ihren Eltern in der Reihenfolge ihrer Geburt gegenüber, wobei immer das älteste rechts steht und das jüngste links.

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