Ordnungen des Helfens



Bert Hellinger sieht Helfen als eine Kunst, die einerseits dem Überleben, andererseits der

Entwicklung und dem Wachstum des Einzelnen dient. Er hat für Aufstellungsleiter, die diese

Kunst ausführen, sechs Prinzipien bzw. Ordnungen definiert – die Ordnungen des Helfens.

Diese sind:


Erste Ordnung des Helfens: nur geben, was man hat, und nur nehmen, was man

braucht

Helfen setzt voraus, dass der Helfer zuerst das empfangen und genommen hat, was er weitergeben möchte. Nur dann hat er die Kraft zu helfen. Helfen setzt auch voraus, dass die Ratsuchenden etwas möchten und brauchen, was der Helfer willig und fähig ist, zu geben. Geben und Nehmen sind daher nur innerhalb bestimmter Grenzen möglich. Es gehört zur Kunst des Helfens, diese Grenzen wahrzunehmen und sich ihnen zu fügen. Wenn der Helfer die Grenzen des Helfens achtet, dann muss er ungerechtfertigte Erwartungen zurückweisen und häufig auch auf das Helfen verzichten.


Zweite Ordnung des Helfens: nur so weit eingreifen, wie es die Umstände gestatten

Was beim Helfen möglich ist, hängt von den besonderen äußeren und inneren Umständen ab. Viele äußere Umstände sind vorgegeben und nicht veränderbar, wie z. B. eine Erbkrankheit oder die Folgen von eigener oder von fremder Schuld. Vielen Helfern mag das Schicksal des anderen schwer erscheinen, und sie möchten es ändern, oft aber nicht, weil der andere dies braucht oder will, sondern weil sie selbst dieses Schicksal schwer ertragen können. Wenn der Helfer aus diesem Mitleid heraus handelt, bietet er nichts an, was der Ratsuchende braucht, sondern etwas, was ihm, dem Helfer, ein ruhiges persönliches Gewissen macht. Gegen die Umstände helfen zu wollen, schwächt allerdings sowohl den Helfer als auch den, der die Hilfe zu erwarten hat oder dem sie sogar aufgedrängt wird. Nur das Helfen, das sich den Umständen fügt und das nur so weit unterstützend eingreift, wie es die Umstände gestatten, ist angemessen und hat Kraft.


Dritte Ordnung des Helfens: helfen von gleich zu gleich

Der Helfer, der einem Erwachsenen hilft, sollte ihn als Erwachsenen behandeln und nicht

als Kind. Das Urbild des Helfens ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, in der

die Eltern geben und die Kinder nehmen. Die Eltern sind groß und überlegen, die Kinder

sind klein und bedürftig. Viele Helfer helfen Erwachsenen wie Eltern ihren kleinen Kindern

helfen würden. Umgekehrt erwarten viele, die Hilfe suchen, dass die Helfer sich ihnen wie Eltern ihren Kindern zuwenden. Das unbewusste Ziel davon ist, nachträglich das zu bekommen, was sie von ihren Eltern noch erwarten und fordern. Viele Helfer bleiben in der Übertragung – also darin, dass der Ratsuchende z. B. im Aufstellungsleiter plötzlich seinen Vater sieht – und Gegenübertragung gefangen. Damit erschwert der Aufstellungsleiter/Helfer dem Klienten den Abschied. Den Ratsuchenden als Erwachsenen zu behandeln, wird von vielen als Härte oder sogar Anmaßung kritisiert, und das obwohl der Helfer in einer Kind-Eltern-Übertragung um vieles anmaßender ist. Eine solche Übertragung kann in der Regel vermieden werden, wenn der Aufstellungsleiter den Eltern des Ratsuchenden einen ehrenvollen Platz in seinem Herzen gibt.


Vierte Ordnung des Helfens: der ganzen Familie zugewandt bleiben

Unter dem Einfluss der klassischen Psychotherapie begegnen viele Helfer dem Ratsuchenden oft als isoliertem Einzelnen. Aber nur wenn der Helfer den Ratsuchenden als Teil seiner Familie wahrnimmt, erkennt er auch, was er braucht und wem er vielleicht etwas schuldet. Sobald der Helfer ihn zusammen mit seinen Eltern und Ahnen und vielleicht auch mit seinem Partner und seinen Kindern sieht, nimmt er ihn wirklich wahr. Er erfasst, wer in dieser Familie seine Achtung und Hilfe braucht und wem sich der Ratsuchende zuwenden muss, um die entscheidende Schritte zu erkennen und sie zu machen. Das heißt, dass das Einfühlen des Helfers weniger persönlich, sondern vor allem systemisch sein muss. Er sollte also mit dem Ratsuchenden keine persönliche Beziehung eingehen.


Fünfte Ordnung des Helfens: helfen ohne Urteil, jenseits von Gut und Böse

Familienstellen ist vor allem Versöhnungsarbeit. Der Helfer muss allen Systemmitgliedern sein Herz öffnen, ohne Urteil, um die Versöhnung im Familiensystem des Ratsuchenden einzuleiten. Es geht dabei um die Liebe zu jedem Menschen, so wie er ist. Der andere darf anders sein, auch wenn er ein Täter ist. Es geht auch darum, keine Partei zu ergreifen. Sobald der Helfer Partei ergreift, kann er nicht mehr helfen. Es gibt aber Situationen, in denen Menschen instinktiv Partei ergreifen z. B. bei Inzest oder Vergewaltigung. Aber nur wenn alle gleichermaßen geachtet werden, und nur was sich im Herzen des Helfers versöhnt, kann sich auch im System des Ratsuchenden versöhnen. Hellinger sagt dazu: »Helfen im Dienst der Versöhnung kann nur der, der dem, über das der Klient sich beschwert, sofort einen Platz in seiner Seele gibt. Auf diese Weise nimmt er in der eigenen Seele vorweg, was der

Klient noch leisten muss.«


Sechste Ordnung des Helfens: helfen ohne Bedauern

Der Helfer darf mit dem Ratsuchenden kein Mitleid haben, weil er sich sonst wünscht, dass

dieser anders gewesen ist, als er ist. Damit ist er aber von der Wirklichkeit abgeschnitten. Wenn ein Mensch etwas Schlimmes erlebt hat, kann der Helfer mit ihm mitfühlen, aber er muss auch erkennen und dem zustimmen, was war. Viele Helfer halten aber die Wirklichkeit des Ratsuchenden nicht aus, z. B. dass dessen Tod nahe ist. Statt sich der Wirklichkeit zu stellen, versuchen sie, den Ratsuchenden zu trösten. Sobald aber der Helfer innerlich mit der Wirklichkeit im Einklang ist, gewinnt er Kraft. Helfen in diesem Sinn bleibt im Einklang mit der Größe des Lebens und seiner Fülle. Der Helfer ist dabei auch im Einklang mit der Herausforderung und seiner Härte. Im Familienstellen wird davon gesprochen, dass man dem Ratsuchenden sein Schicksal zumuten muss und darf.

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