Nachfolge/ Sog zu den Toten (»Ich folge dir nach«)



Nachfolge in Familienaufstellungen »nach Hellinger«

Die Nachfolge ist eine Art Verstrickung. Zu schweren Schicksalen in einer Familie gehören

frühe Todesfälle von Eltern, Kindern und Geschwistern. Jeder Tod verursacht bei den Angehörigen Schmerz und Trauer. Diese Gefühle sind manchmal so stark, dass sie unüberwindbar scheinen. Wenn ein Familienmitglied in jungen Jahren – bis zum Alter von circa 20 Jahre – stirbt, hat dieses Ereignis eine Wirkung auf das ganze Familiensystem. Oft bleibt der Tod ein Tabu, weil er mit so viel Schmerz verbunden ist. Insbesondere für Kinder ist der Verlust eines Elternteils oder eines Geschwisters ein extrem traumatisches Ereignis. Die tiefe Bindung eines Kindes an seine Familie führt dazu, dass sich das Kind verzweifelt nach dem Menschen sehnt, der nicht mehr da ist. Der Tod unterbricht die Bindung nicht, auch wenn er sie im Äußeren verhindert. Das Kind fühlt sich zu dem Toten ebenso hingezogen wie zu den Lebenden, und es möchte zu diesem Menschen. Diese Bindung

ist selbst stärker als die Angst vor dem Tod. Aus diesem Gefühl heraus entstehen eine Neigung zum Tod, verbunden mit Gedanken wie: »Ich folge dir nach«, oder genauer: »Ich folge dir in deiner Krankheit nach«, bzw. »Ich folge dir in den Tod nach«.

Wenn Vater, Mutter oder Geschwister sterben und das Kind jünger als etwa 15 Jahre alt ist, zeigen Aufstellungen oft diese Bewegung hin zum Tod. »Ich folge dir nach«, entsteht wie von selbst als Gedanke im Innern des Kindes. Gelingt es den Eltern, bzw. dem überlebenden Elternteil nicht, den Toten in der Familie lebendig zu halten, zieht es das Kind (auch wenn es mittlerweile erwachsen ist) ungebremst dort hin. Eine tiefe Sehnsucht nach dem Verstorbenen bleibt oft ein Leben lang bestehen.


Konsequenzen im System

Das Kind, und später der Erwachsene, kann versuchen, sich bewusst oder unbewusst das

Leben zu nehmen. Nicht selten haben schwere Krankheiten in jungen Jahren solche Ursachen: Der Wille zum Leben ist geschwächt, und der Körper reagiert mit Krankheiten. Andere Menschen gehen in Richtung Tod, indem sie den Weg über Exzesse und Drogen nehmen, schwere Unfälle erleben oder suizidgefährdet werden. In jeden Fall verbleibt ein Teil der Lebensenergie bei dem Toten. Als Vater oder Mutter kann der Betroffene sich nicht ausreichend um die eigenen Kinder kümmern, weil sein Fokus bei dem Toten bleibt.

Die Dynamik der Nachfolge ist in der Regel direkt, das heißt, die Kinder folgen den Eltern

und jüngere Geschwister den älteren. Der Sog zu den Toten ist aber auch bei Kriegsüberlebenden oft sehr ausgeprägt. Der überlebende Soldat sehnt sich nach seinen toten Kameraden (siehe dazu »Krieg«).


Mögliches Aufstellungsbild

Es gibt in Aufstellungen eine Reihe von Anzeichen, dass es jemanden zum Tod zieht. Der

Stellvertreter schaut oft in die Ferne, zum Fenster oder zum Tür und spürt, dass es ihn dort hinzieht – symbolisch zu den Toten der Familie. Wenn er in diese Richtung gehen darf, fühlt er sich mit jedem Schritt, den er weitergeht, entspannter. Manchmal schaut der Stellvertreter

des Ratsuchenden auf eine Stelle am Boden. Es bietet sich an, den Stellvertreter des Toten

an die Stelle hinzustellen, zu der der Stellvertreter hin will oder in die er schaut. Ein anderes

Zeichen für den Sog zum Tod ist es, wenn der Repräsentant fasziniert nach oben oder in die

Ferne blickt und sich dabei leicht und frei fühlt. Es ist vielen Aufstellungsleitern aufgefallen,

dass Menschen, die von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet sind, oft einen Sog hin zu den Toten verspüren.


Lösungsansatz

Erlöschen kann der Sog erst dann, wenn die Kinder sich entscheiden, das Schicksal ganz bei

dem Toten lassen, das heißt, wenn sie sich beispielsweise entschließen zu sagen: »Auch wenn du gehst, ich bleibe!« Die Dynamik Sog zu den Toten sollte dafür zunächst aufgedeckt werden, und der Betroffene sollte akzeptieren, dass er am Leben bleibt. Manchmal ist es für diejenigen, die den Sog in sich spüren, heilsam, in der Aufstellung zu dem Toten zu gehen und sich neben ihn zu legen. Oft kommt dann von dem Toten ein Hinweis oder eine unbestimmte Kraft, die sie wieder ins Leben zurückschickt. Wenn der Ratsuchende seine tiefe Liebe für die Person, der er folgen möchte, anerkennt, so ist er mit dieser Person auf viel tiefere Weise verbunden, als wenn er ihr nachfolgt. Hilfreich ist es auch, den Betroffenen darauf aufmerksam zu machen, dass er aus dem Schicksal des Toten die Kraft nehmen kann, etwas aus seinem eigenen Leben zu machen. Dann hat der Tod eine gute Wirkung bis in die Gegenwart hinein. Dies stellt dann nochmals einen versöhnenden Ausgleich dar.


Aufstellungstechnik

Der Ratsuchende sollte den Satz »Ich folge dir nach« ins Angesicht des Stellvertreters der

Person sagen, der er nachfolgen will. Wenn er diesem dabei in die Augen blickt, kann er

den Satz in der Regel nicht mehr aussprechen. Denn er erkennt, dass auch diese Person liebt, und dass sie ein solches Angebot ablehnen würde.


Lösende Sätze

  • »Lieber Papa/Bruder/Mama/Schwester, du bist tot, ich bleibe noch ein bisschen.«

  • »In meinem Herzen hast du einen Platz. Ich verneige mich vor deinem Schicksal, wie immer es war, und ich stehe zu meinem Schicksal, wie es mir bestimmt ist.«

  • »Ich mache das Beste aus meinem Leben.«

  • »Bitte schaue freundlich auf mich, wenn ich am Leben bleibe und es mir gut gehen lasse.«

  • »Du bist groß, und ich bin klein. Ich verneige mich vor deinem Schicksal, und ich nehme meines, wie es mir geschenkt ist. Bitte segne mich, wenn ich bleibe und dich gehen lasse, mit Liebe.«

In den letzten Jahren benutzt Bert Hellinger bei geistigen Aufstellungen immer wieder eine bestimmte, ganz einfache Formulierung, mit dem einem Abschied gelingt: »Ich hier, du dort.« Dieser Satz wird aus einer tiefen Achtung und Ehrfurcht heraus gesprochen, sowohl für die Person als auch für das Schicksal. Manchmal ist es auch hilfreich, wenn der Verstorbene sagt: »Es ist mein Tod und mein Schicksal, und ich trage es. Du achtest mich, wenn du es mir lässt.«


Lösungsbild und Entlassungsritual

Der Satz muss dem Stellvertreter des Toten von der betroffenen Person ins Angesicht gesagt

werden. Wichtig ist dabei, den Satz so oft zu wiederholen, bis die geliebte verstorbene

Person als Gegenüber gesehen und trotz aller Liebe als vom eigenen Ich getrennt wahrgenommen und anerkannt wird.


Nachfolge in Organisationsaufstellungen


In Organisationen können Mitarbeiter die Tendenz entwickeln, gekündigten oder ehemaligen Mitarbeitern nachzufolgen und auch zu kündigen (siehe dazu »Entlassungen«). Der Lösungsansatz dafür ist ähnlich.

Nachfolge in der Mehrgenerationalen Systemischen Psychotraumatologie


Für Franz Ruppert stellt die Dynamik der Nachfolge die Konsequenz eines Verlusttraumas dar: Wenn sich das Trauma-Ich die Vereinigung mit dem verlorenen Menschen im Tod herbeisehnt, um den Verlust nicht als endgültig akzeptieren zu müssen, kann eine Neigung zum Selbstmord entstehen.

Quellen: 133, 134

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