Missbrauch und Misshandlung von Kindern



Allgemein

Kindesmissbrauch und sexueller Missbrauch kommen in unterschiedlichen Varianten vor:

Beobachten des nackten Kindes (Voyeurismus), das Zeigen der Genitalien vor dem Kind (Exhibitionismus), Anfassen des Kindes bis hin zur Penetration. Sexueller Missbrauch geschieht teilweise durch Verführung und Überreden des Kindes, teils durch Drohungen und Anwendung roher Gewalt. Sexueller Missbrauch ist häufig keine einmalige Handlung, sondern eine bewusst vom Täter geplante und oft wiederholt herbeigeführte Situation. Oft sind die Täter Familienmitglieder. Daher kommt es relativ häufig vor, dass das betroffene Kind das Gefühl hat, es dürfe zu dem Missbrauch nicht Nein sagen, weil es damit die Familie zerstören würde. Daraus resultieren Beschämung und ein Gefühl der Mitschuld bei dem Missbrauchsopfer: Das Kind hat nicht Nein gesagt und den Täter nicht verraten.

Daraus weiß ein Kind meist keinen Ausweg. In der klassischen Psychologie wird als Ursache

von sexuellem Missbrauch häufig das Bedürfnis des Täters nach Wärme, nach Zärtlichkeit,

Körperkontakt und Nähe angeführt. Solche symbiotischen Gefühle hat der Täter in seiner

Beziehung zur Mutter nicht erfahren. Sexuell missbrauchte Frauen wählen manchmal unbewusst Partner, die ebenfalls an einer solchen »Mutterentbehrung« leiden.

Sexueller Missbrauch eines Kindes in der Familie wird insbesondere begünstigt durch:

  • längere Abwesenheit der Mutter,

  • lieblose Beziehung zwischen Eltern und Kind,

  • soziale Isolation der Familie,

  • Drogenkonsum der Eltern,

  • Aufwachsen des Kindes in Heimen, bei Stief-, Adoptiv- oder Pflegeeltern,

  • Missbrauchserfahrungen der Eltern in deren Kindheit.

Kindesmissbrauch in Familienaufstellungen »nach Hellinger«


Kindesmissbrauch stellt einen besonderen Fall von Täter-Opfer-Bindung dar. Kommt es in einer Familie zu Kindesmissbrauch, so gibt es aus systemischer Sicht ein unausgeglichenes

Verhältnis von Geben und Nehmen. Bert Hellinger sagt dazu: »Den Tätern, seien es Väter,

Großväter, Onkel oder Stiefväter, wurde etwas vorenthalten, oder es wird etwas nicht gewürdigt, und der Inzest ist dann ein Versuch, dieses Gefälle auszugleichen … kommt hinzu, dass es auch noch einen Mangel an Austausch und Ausgleich bei den Partnern gibt, z. B. in der sexuellen Beziehung, entsteht in diesem System ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Ausgleich, das sich wie eine Triebkraft durchsetzt und der naheliegende Ausgleich ist, dass die Tochter sich anbietet oder die Frau dem Mann die Tochter überlässt oder anbietet«. Wenn der Mann gewalttätig ist, liegt oft eine andere Form von Dynamik vor. Dann beherrscht ihn meist eine große Wut auf die Frau.


Konsequenzen im System

Sexueller Missbrauch stellt eine der schlimmsten Traumaerfahrungen für ein Kind dar und

hat weitreichende Folgen für sein gesamtes Leben. Die traumatisierenden Folgen von Missbrauch sind deshalb so gravierend, weil sie in der Mehrzahl von solchen Personen ausgeübt und dann oft verleugnet werden, die das Kind liebt und zu denen es Vertrauen hat. Eine wichtige Bindung des Kindes wird so in ihren Grundfesten erschüttert.

Die Folgen eines Kindesmissbrauchs können in vier Kategorien eingeteilt werden:

  • Traumatisierung des Kindes in Bezug auf seine Sexualität mit den Folgen: falsche Vorstellung von Sexualität und Moral, Ekel vor Sexualität, Distanz- und Schamlosigkeit, zwanghaftes sexuelles Verhalten, Prostitution und Sexualisierung von Beziehungen. Aus systemischer Sicht entsteht zwischen Opfer und Täter bei vorliegendem Inzest eine besonders intensive Bindung. Das Opfer kann später keinen neuen Partner haben, wenn es diesen ersten nicht würdigt.

  • Stigmatisierung des Kindes und Schuldzuweisung an das Kind mit den Folgen: Schuld und Schamgefühle, beschädigtes Selbstwertgefühl, Selbstisolation, das Gefühl, verrückt zu sein, selbstschädigendes Verhalten, Delinquenz und Drogenkonsum. Das Kind hat beim Täter Liebe, Vertrauen, Zuneigung und Zugewandtheit gesucht und seiner eigenen Meinung nach zu wenig Widerstand geleistet. Um die Bindung zur Bezugsperson aufrechtzuerhalten, idealisiert das Opfer häufig den Täter und sucht die Verantwortung und Schuld bei sich selbst. Ein Verlassen der Situation ist nicht möglich. Das Opfer schämt sich nicht nur für sich selbst, sondern für die ganze Familie und den Täter. Mit dieser Scham geht die Ahnung bzw. das Wissen einher, dass etwas Tabuisiertes geschieht. Einige Kinder versuchen sogar, die Schuldigen zu entlasten, indem sie sich prostituieren oder zahlreiche Sexualpartner haben, um damit etwas zu signalisieren wie: »Ihr braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, ich bin ja wirklich eine Hure.«

  • Ohnmachtserfahrung mit den Folgen: Abspaltung der Erfahrungen, dissoziative Amnesie, Albträume, Phobien, Ess- und Schlafstörungen, Schulschwänzen, aggressives Verhalten und Somatisierung psychischer Konflikte.

  • Verlust des kindlichen Vertrauens mit den Folgen: Depression, extreme Abhängigkeit, Unfähigkeit zur Einschätzung anderer Menschen, frühe Ehe aufgrund des unbefriedigten Wunsches nach einer heilen Familie usw.


Mögliches Aufstellungsbild

Oft empfindet der Stellvertreter des Opfers Wut und er bringt seine Aggression und seinen Hass gegenüber dem Täter zum Ausdruck, oder er zeigt Angst, zittert und ist völlig durcheinander. Manchmal kann der Täter dem Opfer nicht ins Gesicht sehen.


Lösungsansatz

Die Lösung liegt aus Sicht Hellingers in der Zustimmung zum eigenen Schicksal. Nur wenn das Opfer seinen Frieden mit dem Täter gemacht hat, kann es wieder frei sein. Die Eltern bleiben Vater und Mutter, und das Kind bleibt ihr Kind. Andere Eltern hat es nicht. Ein Kind muss das Geschehen jedoch nicht vergessen oder verzeihen, um Vater und Mutter wieder als Eltern annehmen zu können. Es geht auch darum, Schuld und Verantwortung wieder dort hinzubringen, wohin sie gehören, das heißt, zu dem misshandelnden Erwachsenen. Wie immer bei Familienaufstellungen »nach Hellinger« stimmt nur die Lösung, die jedem Beteiligten seine Würde lässt.

Das Kind kann sexuellen Missbrauch als leidvoll oder als lustvoll empfinden. In letzterem Fall

traut es dieser Wahrnehmung jedoch nicht, weil ihm tief in seinem Gewissen etwas sagt, dass es nicht richtig ist. Dann ist es vollständig verwirrt. Das Kind muss zugeben dürfen, dass es lustvoll war, wenn es so war. Gleichzeitig benötigt es dann aber die Zusicherung: Auch wenn es lustvoll war, ist das Kind immer unschuldig. Das Kind hat immer das Recht, auf den Täter böse zu sein, denn Unrecht geschieht ihm in jedem Fall.


Lösende Sätze

  • Das Kind zur Mutter: »Liebe Mama, für dich tue ich es gern, zum Ausgleich«.

  • Das Kind zum Vater: Ich tue es für die Mama, als Ausgleich.«, »Du hast mir Unrecht getan, und ich werde dir das nie verzeihen.«, »Es war schlimm für mich, und jetzt lasse ich die Schuld und die Verantwortung bei dir.« Oder: »Du bleibst immer mein Vater und ich immer deine Tochter. Und jetzt mache ich etwas Gutes aus meinem Leben.« Verzeihung ist in jedem Fall verboten, weil dies ein Akt der Anmaßung wäre, der keinem zusteht.

  • Um die Täter-Opfer-Bindung zu lösen, muss der Täter sagen: »Ich lasse dich gehen und nehme die Schuld auf mich.«

  • Der Täter kann dem Kind auch bei der Auflösung seines Schuldgefühls helfen – z. B. wenn das Kind es als lustvoll gefunden hat –, indem er sagt: »Wie auch immer es für dich war, du bist unschuldig.«

  • Die Mutter sollte auch ihre Schuld bekennen: »Es tut mir leid, dass ich dich deinem Vater ausgeliefert habe. Ich wusste es nicht. Ich übernehme meinen Platz als Ehefrau. Du bist frei.«


Lösungsbild und Entlassungsritual

Das Kind sollte sich vor dem Vater/der Mutter verneigen. Wenn das nicht möglich ist, dann ist es angemessen, wenn das Kind sagt: »Du bleibst mein Vater, und ich bleibe dein Kind. Und jetzt ziehe ich mich zurück und mache etwas Gutes aus meinem Leben.« Danach geht es langsam zurück, bis ein gebührender Abstand zwischen ihnen besteht.


Kritische Stimmen

Für viele Personen stellt die Sichtweise von Hellinger eine unannehmbare Rollenverteilung

dar: Der Mann ist nur »Blitzableiter«, er ist in der Dynamik verstrickt, weil alle gegen ihn zusammenwirken. Er ist sozusagen »das arme Schwein«, die Mutter wird hingegen die »graue Eminenz des Inzests« und die Tochter ein williges Opfer. Die Sichtweise, dass das Kind den Vater (oder den Täter) ehren soll, steht im krassen Gegensatz zu den akzeptierten moralischen Vorstellungen und wird deswegen sehr scharf kritisiert.

Hellinger hat sich mehrmals zu diesen Interpretationen geäußert. Für ihn »trägt Schuld in

erster Linie der Mann. Er weiß ja, was er macht, auch wenn er die systemischen Hintergründe

nicht erfasst.« Darüber hinaus sagt er: »Was immer einer macht, und sei er noch so verstrickt:

Er muss die Folgen tragen. Ich würde daher den Mann nicht durch den Hinweis auf die Verstrickung entlasten«. Es ist und bleibt allerdings ein Tabu zu sagen, dass in solchen Fällen immer trotzdem eine tiefe Liebe zum Vater und zur Mutter mit im Spiel ist und dass die Mutter meist heimlich als Mitwisserin beteiligt ist. Systemisch gesehen ist es wichtig, eine gute Lösung für alle Betroffenen zu finden. Wenn jemandem die Rolle des Bösen zugewiesen wird, bewirkt das allein noch keine Lösung. Diese Haltung soll keinesfalls die Tat verharmlosen. Wer ein Kind sexuell oder physisch missbraucht oder den Missbrauch stillschweigend duldet, macht sich schuldig und muss sich seiner Tat und seiner Schuld stellen.

Auch Aufsteller sind gegenüber Hellingers Lösungsweg manchmal sehr kritisch eingestellt.

Der Psychiater und Aufsteller Robert Langlotz meint dazu: »Wenn der Ratsuchende einem ›ausgeklammerten‹ Familienmitglied, mit dem er unbewusst identifiziert ist, ›einen Platz im Herzen‹ geben soll, belastet dies den Ratsuchenden zusätzlich.« Langlotz schlägt vor, dass der Ratsuchende sich gegenüber dem Elternteil, der sich schuldig gemacht hat, zu schützen und sich von diesem Elternteil zu distanzieren hat. Dafür nutzt er den Satz: »Ich achte das Leben, das ich von dir habe, indem ich es vor dir schütze.«

Kindesmissbrauch in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Für Franz Ruppert ist ein Kindesmissbrauch immer die Konsequenz einer Traumatisierung

beider Elternteile. Zu Kindesmissbrauch in der Familie kann es beispielsweise folgendermaßen kommen: Die bindungstraumatisierte Mutter, die sich häufig an einen ebenfalls bindungstraumatisierten Mann bindet, ist unfähig, zu ihrem Kind eine sichere Bindung aufzubauen. Daher findet das Kind keinen Halt und wendet sich an jemand anderen: Vater, Stiefvater, Nachbar …Ist dann dieser Mutterersatz ebenfalls traumatisiert, fühlt sich das Kind in dessen psychische Befindlichkeit und seinen hilflosen Traumaanteil

hinein und empfindet Mitleid mit ihm. Das wird dann sehr häufig von dem Erwachsenen

für sexuelle Übergriffe auf das Kind ausgenutzt. Die Psyche des Kindes spaltet sich bei diesem Missbrauch in einen Mitleid empfindenden und die Person idealisierenden Anteil und in den Anteil, der Schmerzen und Ekel fühlt. (Siehe dazu »(Spaltung in) Persönlichkeitsanteile«.) Zu den Langzeitschäden für das Kind gehört u. a., dass es später seine Sexualität nicht gesund ausleben kann oder dass es sich mitschuldig am Geschehenen fühlt. Es kann auch vorkommen, dass es sich mit der Täterenergie des Vaters identifiziert, was zu einer Täter-Opfer-Spaltung seiner Persönlichkeit führt, die sich dann in sadistischen oder masochistischen Verhaltensweisen äußern kann – je nachdem, welcher Anteil dominiert.


Lösungsansatz

Franz Ruppert empfiehlt folgende Schritte:

  • An erster Stelle steht das Eingeständnis, dass der Missbrauch stattfand.

  • Das Missbrauchsopfer bleibt immer unschuldig. Seine Liebe und Loyalität zu seinen Eltern muss gesehen, seine Angst um den Erhalt des Familiensystems muss anerkannt werden.

  • Der einzig Schuldige ist der Täter, der nicht das Recht auf Entschuldigungen oder Ausreden hat. Das Kind sollte daher die Schuld nur beim Täter und den Mitverantwortlichen sehen.

Ruppert steht dem Lösungsansatz Bert Hellingers kritisch gegenüber: Wenn in einer Aufstellung versucht wird, den Ratsuchenden und seinen möglicherweise gewalttätigen Vater zu versöhnen, kann dies die Abspaltung von eigenen Selbstanteilen noch vergrößern und eine schwerwiegende Krise mit katastrophalem Ausgang – wie z. B. Psychose oder Suizid – verursachen.


Quellen: 115, 116, 117, 118, 119, 120, 121, 122

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