Mehrgenerationenperspektive



Familientherapeuten haben sehr früh bemerkt, dass Ereignisse wie Selbstmord, Gewalterfahrungen oder Krankheiten wie Schizophrenie über mehrere Generationen in einer Familie zu beobachten sind. Die Wiederholung von Beziehungsmustern ließ sich im Bereich der Entwicklungspsychologie in der Bindungsforschung mit zahlreichen Studien empirisch belegen. Aus diesen Beobachtungen hat sich die Mehrgenerationenperspektive entwickelt.

Murray Bowen, der erste Psychiater, der schizophrene Patienten gemeinsam mit ihren Familienangehörigen stationär aufnahm, stellte 1960 die These vor, dass sich Schizophrenie in einem Prozess über mindestens drei Generationen entwickelt. Im Zuge weiterer Forschungen desselben Teams wurde in den 70er-Jahren das Genogramm entwickelt. 1973 beschreiben Iván Böszörményi-Nagy und Geraldine Spark, die 4 000 Familien über 20 Jahre hinweg untersucht hatten, ihre These vom familiären Determinismus, die sie mit der Annahme von »unsichtbaren Bindungen« begründen.

In der Mehrgenerationenperspektive wird davon ausgegangen, dass die in der Kernfamilie beobachtbaren Störungen und Konflikte oft schon in den Herkunftsfamilien der Eltern angelegt und vorgeformt worden sind. Als generationenübergreifendes Bindeglied dient das Familiengefühl.

Die individuelle Entwicklung eines Familiengefühls geht mit dem Herausbilden eines inneren

Bildes der Familie als Ganzes einher. Mit diesem identifiziert sich das Kind nach und nach aktiv und zwar über seine primären Bezugspersonen.


Konzepte der Mehrgenerationenperspektive

Viele Konzepte der Mehrgenerationenperspektive finden sich auch bei Familienaufstellungen wieder, wie z. B.:

  • Delegation von Aufträgen: Der Begriff »Delegation« umschreibt, wie einzelne Familienmitglieder durch »Aufträge« in eine generationenübergreifende Entwicklung einbezogen werden. Unerledigte Aufgaben in der Familiengeschichte können an die nachfolgend Generation delegiert werden, die diese Aufträge dann entweder in enger Bindung an die Ursprungsfamilie oder als Ausgestoßene erfüllt. Parentifizierung wird dabei als eine besondere Form der Delegationen betrachtet.

  • Ausgleich von Geben und Nehmen: Ebenso existiert in der Mehrgenerationenperspektive eine Art »Buchführung« über die gegenseitigen Dienste und Schulden der Familienmitglieder, in der das registriert wird, was sie füreinander getan haben oder noch tun sollten. Andauerndes Ungleichgewicht im Wechselspiel von Geben und Empfangen gefährdet das Vertrauen in diese Beziehungen grundlegend. Böszörményi-Nagy sieht dies als Hauptursache für alle Störungen im menschlichen Leben.

  • Loyalität zum System und Ehren der Eltern: Die Anerkennung und Liebe der Eltern sind für Kinder existenziell. Es fällt ihnen schwer, Selbstwert und Zutrauen zu entwickeln, wenn sie nicht selbst geschätzt werden. Als Loyalitätsbeweis erfüllen Kinder die Botschaften der Eltern, wie z. B. »Aus dir wird nichts«, »Du kannst nichts«, »Du bist nicht viel wert« etc. Familienloyalität ist die Voraussetzung, um in der Familie aufgenommen zu werden und um Anerkennung zu erlangen.

Ansätze der Mehrgenerationenperspektive

Das Aufdecken und Durcharbeiten von lang bestehenden Familienkonflikten und von familiären Interaktionsmustern – auch über mehrere Generationen hinweg – soll zu einer schrittweisen Veränderung der Familienbeziehungen führen. Durch die Erfassung der Familienhistorie über mindestens drei Generationen hinweg, werden die gegenwärtigen Strukturen und Konflikte seit ihrer Entwicklung erfasst. Die sich unbewusst wiederholenden Muster werden deutlich und in Beziehung zueinander gesetzt.

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