Mehrgenerationale Psychotraumatologie (MPT)



Der Theorieansatz der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie wird seit 1998 vom Psychotherapeuten und Psychologieprofessor Franz Ruppert weiterentwickelt. Die Grundannahmen dieser Theorie lauten:

  • Der für das Verstehen von psychischen Krankheiten notwendige Teilbereich der menschlichen Psyche ist die Bindung.

  • Die Bindungsprozesse werden insbesondere durch Ereignisse in ihrer Entwicklung gehindert, die als Traumata zu bezeichnen sind. Traumata können z. B. durch Gewalt, Kriegserlebnisse oder Naturkatastrophen, Unfälle, schwere Krankheiten, plötzliche Verlusterlebnisse, emotionale Vernachlässigungen, gravierende medizinische Eingriffe, schwierige Geburten, Adoption und durch starke Stresserlebnisse während der Entwicklungszeit im Mutterleib entstehen.

  • Traumatisierungen können über drei oder vier Generationen hinweg wirksam bleiben. Das wird in der klassischen Psychotraumatologie meistens nicht betrachtet bzw. anerkannt.

  • Die Symptome psychischer Krankheiten weisen auf einen dahinterliegenden tieferen Sinn hin. Ziel sollte es sein, den verborgenen Sinn hinter den oft rätselhaft erscheinenden Symptomen zu entschlüsseln.

  • Aufstellungen sind die beste Möglichkeit, den Zusammenhängen von Bindung und Trauma über viele Generationen hinweg auf die Spur zu kommen. Franz Ruppert benutzt dafür eine von ihm weiterentwickelte Form des Aufstellens: Das »Aufstellen des Anliegens«, eine Folgeentwicklung seiner Methode »Traumaaufstellung«.


Konsequenzen von Traumata und das Modell der gespaltenen Persönlichkeit

In einer Traumasituation überlebt die betroffene Person nur durch Dissoziation und Spaltung. Dissoziation bedeutet, dass Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Erinnern und Handeln keine Einheit mehr bilden. Sie zerfallen in isolierte psychische Vorgänge. So gibt es z. B. zu einer Wahrnehmung keine Gefühle mehr. Spaltung bedeutet, dass sich nach dem Erleben eines Traumas die Persönlichkeitsstruktur der betroffenen Personen aufspaltet und der Mensch künftig mit unterschiedlichen Persönlichkeitsanteilen weiterlebt:

  • mit gesunden Persönlichkeitsanteilen,

  • mit traumatisierten Persönlichkeitsanteilen, den psychischen Aufbewahrungsorten für die schlimmen Erfahrungen,

  • mit Überlebensanteilen, die Schutzmechanismen und Strategien entwickeln, um zu vermeiden, dass die Erinnerungen an das traumatische Erlebnis wieder ins Bewusstsein kommen.


Transgenerationale Folgen von Traumatisierungen

Franz Ruppert folgt Bert Hellingers Grundannahme, dass die Ursachen für bestimmte individuelle Probleme in der Verstrickung eines Menschen mit seinem familiären Herkunftssystem zu orten sin. Er setzt allerdings nicht wie Bert Hellinger die Existenz eines Familiengewissens voraus, das eine blinde Nachfolge verlangt, um die Ordnung des Systems über Generationen hinweg sicherzustellen. Er geht davon aus, dass Traumata und insbesondere symbiotische Verstrickungen sich in den Eltern-Kind-Beziehungen fortsetzen, weil die nicht verarbeiteten Traumagefühle in der nachfolgenden Generation so wirken, als wären sie die eigenen. Das folgende Beispiel einer häufig zu beobachtenden Mehrgenerationen-Abfolge im Umgang mit schweren Traumata – in diesem Fall ein

Selbstmord im Familiensystem – zeigt, welche transgenerationalen Konsequenzen Traumatisierungen im Familiensystem haben:

  • Ein Vertreter der ersten Generation verübt einen Selbstmord.

  • Die Kinder – Vertreter der zweiten Generation – spalten den Traumaanteil ab und verdrängen die Erinnerung daran. Sie können weiterleben, indem sie ihre Bindungsgefühle reduzieren und diesbezüglich »auf Sparflamme« leben oder ihre Gefühle verdrängen oder betäuben (z. B. mit Arbeit oder durch Alkohol). Wenn diese Kinder selbst Eltern werden, stehen sie als traumatisierte Väter oder Mütter ihren eigenen Kindern nur noch mit ihren Überlebensanteilen zur Verfügung. Dieser Überlebensanteil funktioniert jeweils größtenteils und wirkt auch versorgend für die Kinder, aber er darf nicht wirklich fühlen. Der traumatisierte Anteil bleibt in seiner Welt eingeschlossen und ist damit beschäftigt, die Erinnerung an das Trauma auszuhalten. Häufig erleben traumatisierte Eltern die Lebendigkeit und Gefühlsintensität ihrer Kinder sogar unbewusst als Bedrohung. Sie können dann keine »gesunde« Bindung zu ihren Kindern aufbauen.

  • Diese fehlende Bindung zu den Eltern nennt Franz Ruppert Symbiose- oder Bindungstrauma. Um den Eltern nahe zu sein, suchen Kinder – Vertreter der dritten Generation – instinktiv nach der Person, auf die die Emotionen des Elternteils fixiert sind. Bei dieser Person findet das Kind die Bindungsgefühle des Elternteils, die es selbst erleben möchte. Es identifiziert sich auf diese Weise mit der Person, die den Selbstmord verübt hat. Seine unbewusste Strategie lautet: »Wenn ich so bin wie der Tote, den meine Mutter oder mein Vater so sehr lieben, dann lieben sie auch mich.« Die unverarbeiteten Traumagefühle der vorangegangenen Generationen wirken damit in dem identifizierten Kind weiter, als hätte dieses das traumaauslösende Ereignis selbst erlebt (siehe dazu auch »Identifikation«). Vertreter der dritten Generation »saugen« also unbewusst die abgespaltenen Gefühle der Eltern auf und leben mit fremden Gefühlen, deren Intensität sie oft hilflos ausgeliefert sind.

  • Werden solche bindungstraumatisierten Kinder ihrerseits zu Eltern, steigern sich die Bindungs- und Beziehungsprobleme zwischen diesen Eltern und ihren Kindern oft noch weiter, und es gelingt zuweilen gar nicht mehr, stabile familiäre Beziehungsmuster zu etablieren. Die Väter sind z. B. innerlich oder tatsächlich abwesend, die Mütter oft alleine und mit den Kindern überfordert. Persönliche und Beziehungsprobleme setzen sich auf diese Weise fort und steigern sich unter Umständen von Generation zu Generation, sodass nur wenig Raum für die Entwicklung gesunder Persönlichkeitsanteile in den nachfolgenden Generationen bleibt.

Für Franz Ruppert scheitert die klassische Psychotraumatologie daran, psychiatrische Störungsbilder wie schwere Depressionen, Schizophrenien und Psychosen zu erklären, weil die traumatische Situation scheinbar nicht gegeben ist. Nur wenn die mehrgenerationalen Dynamiken betrachtet und analysiert werden – das heißt die Übertragung von Traumata im Prozess der Eltern-Kind-Bindung – werden diese Störungen verstehbar und traumatherapeutisch behandelbar.


Die innere Heilung

Franz Ruppert bezeichnet mit »innerer Heilung« den Heilungsprozess durch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Persönlichkeitsanteilen. Für ihn berücksichtigen weder das klassische Familienstellen noch die anderen Therapieformen, dass traumatisierte Menschen mit Abspaltungen leben, ohne die sie nicht hätten überleben können, die aber trotzdem wieder integriert werden müssen, um wirklich lebendig zu sein. Für die therapeutische Arbeit gilt:

  • Abgespaltene eigene Traumaanteile müssen integriert werden.

  • Die Bindungen durch von anderen Personen übernommene Traumagefühle müssen aufgelöst werden.

»Innere Heilung« bedeutet das Erkennen und Aufgeben von Überlebensstrategien, die Entwicklung von gesunden psychischen Strukturen sowie die Verbindung zwischen gesunden und traumatisierten Anteilen. Erst wenn die Überlebensstrategien, die aus einem Trauma heraus entwickelt wurden, aufgegeben werden, ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Trauma möglich, und der Zugang zu den ursprünglich eigenen Gefühlen wird geöffnet. Das Kernziel der therapeutischen Arbeit im Sinne der MPT ist in den meisten Fällen die Klärung und Heilung gestörter Mutter-Kind-Bindungen in der Psyche eines Patienten. Dadurch können andere Traumatisierungen und Beziehungskonflikte leichter bewältigt werden.

Mehrgenerationale Psychotraumatologie und das Familienstellen »nach Hellinger«


Für Franz Ruppert sind Einsichten in das Wesen und die Entwicklung von Traumatisierungen und Bindungsprozessen notwendige Voraussetzungen für eine effektive Psychotherapie. Aus seiner Sicht ist die Methode des Familienstellens – insbesondere in der Form der Bewegung der Seele, in der die Stellvertreter sich frei bewegen dürfen – zwar in der Lage, Traumata ans Licht zu bringen, reicht aber bei Weitem nicht aus, um Traumata zu heilen. Seiner Ansicht nach versucht die Aufstellungsarbeit »nach Hellinger«, das familiäre Bindungssystem als seelische Ressource für den Ratsuchenden zu funktionalisieren, um seine unerfüllten symbiotischen Bedürfnisse zu befriedigen. Familienaufstellungen erzeugen »Heile-Welt«-Bilder, die die Illusion erzeugen, dass Liebe und gegenseitiger Respekt wiederhergestellt

werden können. Franz Ruppert betrachtet diesen Ansatz zwar als gut gemeint, jedoch

im schlimmsten Fall als keineswegs hilfreich und realitätsfern, wie z. B. im Fall von Kindesmissbrauch, wenn bei der Methode »nach Hellinger« die von den Eltern angewandte Gewalt ausgeblendet werden soll, und der Ratsuchende aufgefordert wird, die Eltern (und somit auch deren Traumastörungen) anzunehmen.

Quellen: 111, 112, 113

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