Liebe



In Familienaufstellungen ist Liebe mehr als ein Gefühl: Sie ist eine innere Haltung von positiver, inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person. Bert Hellinger sagt dazu: »Liebe kommt aus dem Tun und aus der Erfahrung von eigenen Grenzen. Diese Liebe ist im Grunde nur ein Anerkennen, dass es in den Unterschieden bei allen eine tiefe Gemeinsamkeit gibt. Als tiefste Liebe wird erlebt, wenn jemand so, wie er ist, anerkannt wird. Er kann gar nicht anders sein. So ist er richtig. Obwohl er anders ist als ich und ich anders bin als er, erkennen wir uns beide als richtig an. Das ist die eigentliche Liebe. Nicht,

dass ich jemanden umarme oder so. Das wäre sehr vordergründig.«102 Diese absichtslose Liebe nennt Hellinger »Liebe höherer Ordnung«. Die Liebe ist die Grundqualität des menschlichen Lebens und der Seele. Liebe schafft in einem Familiensystem Bindung und Loyalität. Aus diesem Grund nannte Bert Hellinger die Prinzipien, die ein Familiensystem zusammenhalten, »Ordnungen der Liebe«. Die Liebe sieht Hellinger allerdings als einen Teil der Ordnung, wobei die Ordnung der Liebe vorausgeht und die Liebe sich nur im Rahmen der vorgegebenen Ordnung entfalten kann. Die Ordnung gibt den Rahmen, die Liebe füllt ihn aus. Liebe ohne Ordnung endet aus Sicht Hellingers oft tragisch.

Insbesondere Kinder leiden unter der Not derer, die sie lieben. Kinder tragen in einer Familie aus Liebe Energien und Verstrickungen anderer mit. Die kindliche Liebe, die ein Kind mit seiner Familie verbindet, ist immens und blind. Um Verbindungen zu erhalten, gehen Kinder oft bis an die Grenzen ihrer Liebe, ihrer Angst und ihres Schmerzes. Sie gehen bis an die Grenze der Selbstverleugnung und sind bereit, körperlich krank zu werden oder sogar zu sterben, wenn es für die Familie erforderlich ist. Deshalb teilen sie die Schicksale anderer Familienmitglieder und tragen deren Leid mit. Verstrickungen in die Schicksale von Eltern, Großeltern, Tanten usw. geschehen aus kindlicher Liebe heraus und bleiben möglicherweise bis ins hohe Alter erhalten. Die blinde, kindliche Liebe ist eine mächtige Kraft. Sie ist allerdings auch beseelt von einer Illusion magischer Macht, die sie nicht besitzt: Die Bereitschaft, das schwere Schicksal einer Großmutter mit zu tragen oder den frühen Tod eines Bruders zu kompensieren, kann weder jenes Schicksal noch diesen Tod korrigieren.

Der (unbewusste) Glauben daran hat jedoch die Macht, das Leben des liebenden, aber unbewussten Stellvertreters fatal einzuschränken.


Ohne Liebe keine Lösung

In der systemischen Verstrickung entsteht das Leiden aus Liebe heraus und kann nur durch Liebe wieder geheilt werden, wenn die Wirklichkeit erkannt und die Verstrickung gelöst wird. Hellinger sagt, »dass auch hinter den Symptomen, die einer hat, immer Liebe wirkt. Daher ist entscheidend, dass man in der Therapie den Punkt findet, an dem die Liebe sich sammelt. Dann ist man an der Wurzel und findet auch den Weg zur Lösung.

Denn auch die Lösung führt immer über die Liebe. Er fügt hinzu: »Ich arbeite nicht mit den

Gefühlen, die der Klient schildert, sondern ich sehe den Gesamtvorgang und gehe an das allererste Gefühl, auf das es ankam. Das ist immer Liebe. Da gibt es nach meiner Erfahrung keine Ausnahme.«Man kann deswegen die Aufstellungsarbeit als einen Prozess »von der blinden Liebe zur sehenden Liebe« beschreiben. Diese sehende Liebe muss in den Aufstellungen und in den inneren Prozessen des Ratsuchenden nach der Aufstellung, mit konkreten Auswirkungen im Alltag zum Zuge kommen, wenn Aufstellung als gelungen angesehen werden soll. Bei Aufstellern wird man keine Aussagen wie beispielsweise »Liebe heilt« finden. Die Lösung geschieht nicht durch die Liebe oder aus der Liebe heraus, aber ohne Liebe geht es auch nicht. Liebe ist nicht mit Heilung gleichzusetzen. Bert Hellinger gibt bereits in dem Titel seines Buches »Wo Schicksal wirkt und Demut heilt« einen Hinweis darauf, was er als die heilenden Kräfte ansieht. Die Liebe scheint die Energie für die Heilung, aber auch für die Erkrankung zu liefern. Am Ende geht es in Familienaufstellungen oft darum, dass Liebe wieder fließt, dass gegenseitige Achtung vorhanden ist, dass Ausgeklammerte ihren Platz zurückbekommen und dass diejenigen, die man nicht ziehen ließ, gehen dürfen. Nur was wir lieben, gibt uns frei.


Die Kehrseite der Liebe

Mehrere Gefühle können als die Kehrseite der Liebe betrachtet werden:

  • Hass beispielsweise entsteht meistens, wenn jemand in seiner Liebe zu einer anderen Person verletzt wurde. Wenn man jedoch seinen Hass zum Ausdruck bringt, verbaut man sich den Zugang zur Liebe. Wer stattdessen sagt: »Ich habe dich sehr geliebt, und jetzt tut es mir sehr weh«, gibt dem Hass keinen Platz und öffnet sich für das Ursprungsgefühl: die Liebe.

  • Gleichgültigkeit ist ebenso ein Gegensatz zur Liebe. Gleichgültigkeit ist bei einer Paarbindung der Tod der Beziehung. Wenn der Gedanke an Trennung beiden noch wehtut, dann ist auch hier noch Platz für die Zukunft. In dem Moment, in dem der Gedanke an Trennung nicht mehr wehtut, herrscht Gleichgültigkeit. Oft sagen Kinder, die einen Elternteil nicht kennengelernt haben, weil z. B. der Vater die Beziehung zur Mutter sehr früh beendet hat, dass sie ihrem Vater gegenüber »gleichgültig« oder »neutral« sind. Damit sagen sie auch aus, dass sie sich selbst nicht lieben können, und dass sie sich selbst »gleichgültig« sind (siehe dazu »Eltern-Kind-Bindung«).

Quellen: 103, 104

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