Lösende Sätze/ Rituelle Sätze



Zu den Lösungsbewegungen gehört oft, dass Systemmitglieder und insbesondere der Ratsuchende, bestimmte neue und ungewohnte innere Bewegungen vollziehen und alte gewohnheitsmäßige Vorstellungen und Verhaltensweisen loslassen müssen. Lösende Sätze werden verwendet, um diese innere Bewegungen anzustoßen, und sie besitzen oft eine stark befreiende Wirkung. Bert Hellinger hat eine Reihe von Sätzen ausformuliert, die sehr kraftvoll sind. Sie öffnen einen neuen Raum und geben eine Richtung vor. Die Sprache Hellingers ist dabei oft fast archaisch: »Liebe Mutter, bitte segne mich, dass ich bleibe« oder »Ich achte deinen Tod und dein Schicksal«. Solche Sätze haben eine unmittelbare Kraft, mit ihnen wird eine Schicht berührt, die tief im Inneren in fast jedem von uns noch lebendig ist.

Aufstellungsleiter schlagen den Stellvertretern oder auch dem im Bild stehenden Ratsuchenden vor, bestimmte Sätze an andere Repräsentanten zu adressieren. Diese stärken, lösen und versöhnen. Allerdings verflachen sie, wenn sie automatisch oder mechanisch benutzt werden. Die Sätze entfalten ihre Wirkung nur, wenn sie als stimmig empfunden werden. Die Stellvertreter wirken hier als Korrektiv, denn sie spüren am besten, ob ein vorgeschlagener Satz richtig und angebracht ist. Wenn der Satz »stimmt«, dann ist die Wirkung für alle sofort sicht- und spürbar.

Die Hauptfunktion von lösenden Sätzen besteht aus Sicht der Aufsteller »nach Hellinger« darin, Verletzungen der Ordnungen der Liebe oder der Macht zu ändern und wieder »Ordnung zu schaffen«, z. B.:


Bei Verletzungen der Rangordnung:

  • Verzicht auf eine anmaßende Position, z. B. sagt …

  • ein Mann zur ersten Liebe seiner Frau (siehe dazu »Rangordnung in der Familie«): »Du bist der Erste, ich bin der Zweite.«

  • ein Kind zum Vater: »Du bist der Große, ich bin der Kleine. Ich gebe dir die Ehre.«

  • die neue Führungskraft zu einem dienstälteren Mitarbeiter (siehe dazu auch »Ordnungen der Macht«): »Du warst vor mir da, mein Platz ist hier, und ich nehme ihn jetzt ein. Ich achte dich als den, der vor mir da war und die älteren Rechte hat.«

  • ein Mitarbeiter, der Führungsaufgaben seines Chefs übernommen hatte: »Ich kann die Verantwortung nicht für Sie tragen. Sie gehört zu Ihnen und ich geben Sie Ihnen zurück.«

  • Integration von bisher nicht Vereinbarem, z. B. sagt …

  • das Kind zu den geschiedenen Eltern: »Ich nehme von euch beiden.«


Bei Verletzungen des Rechts auf Zugehörigkeit: Sich verabschieden, statt wortlos zu verschwinden, z. B. sagt ein Mitarbeiter, der die Firma verlässt: »Ein wichtiger Lebensabschnitt geht für mich zu Ende. Ich habe gerne hier gearbeitet und danke euch allen für die gemeinsame Zeit und werde euch in guter Erinnerung halten. Und jetzt gehe ich.«


Bei einem Nicht-Tragen des eigenen Schicksals bzw. der eigenen Schuld oder bei einer Verstrickung mit anderen Schicksalen:

  • Anerkennung von eigener Schuld und von Unrecht, statt Verleugnung und Verschiebung der Schuld, z. B. sagt …

  • eine Frau zu ihrem Exmann (oder ein Mitarbeiter zu seinem Kollegen): »Ich nehme jetzt meinen Teil der Verantwortung für das Geschehene, und dir gebe ich deinen.« (Siehe dazu auch »Trennung«.) oder: »Diese Schuld ist meine, und ich trage sie.«

  • ein Chef zu seinem Exmitarbeiter: »Es tut mir jetzt leid, dass ich Ihnen Unrecht zugefügt habe. Ich nehme meinen Teil der Verantwortung für das Geschehene und gebe Ihnen Ihren Teil, und jetzt lasse ich los.«

Das Einmischen in die Angelegenheiten anderer beenden und Fremdes zurückgeben,

statt Identifizierung und Übernahme einer Last, z. B. sagt …

  • eine Tochter, die krank wurde, als die Mutter sich vom Vater getrennt hat: »Was zwischen euch, liebe Mama und lieber Papa passiert ist, geht mich nichts an.«

  • ein Neffe, der sich mit seinem Onkel identifizierte: »Ich achte dein Schicksal und nehme meines.«


Rückgabe und Loslassen von Übernommenem, statt Festhalten aus Treue zum System, z. B. sagt …

  • eine Nichte, die die Gefühle der ausgeschlossenen Tante übernommen hatte: »Ich habe diese Last lange getragen. Aber sie gehört nicht mir. Nun gebe ich sie dir zurück.«

  • »Ich habe diese Last aus Liebe getragen. Sie ist aber nicht meine. Bitte nimm du sie, und gib sie dort hin, wohin sie gehört.«


Bei fehlender Anerkennung und Würdigung der Realität:

  • Würdigung, statt Abwendung und Abwertung, z. B. …

  • von Lebenden zu den Toten: »Ich achte dich und deinen Tod.«

  • der Sohn zu seinen Vater: »Ich achte dich jetzt als meinen Vater.«


Anerkennen, was ist, statt zu haften oder zu hadern, z. B. sagt …

  • die Schwester zu ihrer Halbschwester, die lange verleugnet wurde: »Du bist meine Schwester, und ich bin deine Schwester.«

  • ein Mitarbeiter, dem gekündigt wurde: »Ich stimme dem allem jetzt zu, wie es geschehen ist, und schaue in die Zukunft.«

Würdigung der eigenen Verantwortung und der Vergangenheit bei einer Trennung, statt alles als »schlecht« zu bezeichnen, z. B. sagt die Frau zum Mann: »Es ist vorbei. Ich nehme

das Gute daraus gerne mit.« Oder auch: »Für meinen Teil an dem, was schwer war,

trage ich die Verantwortung und übernehme sie jetzt.«


Segen

Bert Hellinger lässt die Kinder oft vom Vater segnen, z. B. bei einer Betroffenheit mit der Dynamik der »Nachfolge« durch den Satz: »Wenn ich bleibe, segne mich bitte.« Wenn der Sohn vom Vater gesegnet ist, kann er den Vater in Ruhe lassen, und auch der Vater hat seinen Frieden. Mit dem Segen und der wohlwollenden Einstellung von Personen aus dem Herkunftssystem kann der Ratsuchende die eigenen Aufgaben angehen und das Vergangene voller Demut und Respekt bei den Ahnen lassen.


Aufstellungstechnik

Auch wenn durch die Sätze eine Art Dialog stattfindet, sollte daraus kein Gespräch entstehen. Es besteht sonst die Gefahr, dass die konzentrierte Wahrnehmung der Repräsentanten zurückgedrängt wird.



Familienstellen »nach Hellinger« vs. Systemische Strukturaufstellungen


Im Prinzip sind Sätze und Rituale im Familienstellen »nach Hellinger« vom Aufstellungsleiter

vorgegeben und müssen von den Stellvertretern ausgeführt bzw. ausgesprochen werden. Bei den Systemischen Strukturaufstellungen sind solche Sätze und Rituale nur Angebote, die übernommen werden können, aber nicht müssen. In der Praxis betrachten aber auch viele Familienaufsteller »nach Hellinger« lösende Sätze nur als Angebote und zwingen nie jemanden, sie auszusprechen. Für Strukturaufsteller helfen rituelle Sätze, eine Konstruktion der Realität, die sich der Ratsuchende errichtet hat, zu verändern (siehe dazu

»(Systemische) Strukturaufstellungen«). Strukturaufsteller glauben nicht an feste Ordnungen,

die wiederhergstellt werden müssen. Siehe dazu auch »Sprache bei Aufstellungen« und »Klärende Sätze«.

Quellen: 105

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