Krieg


Krieg in den Familienaufstellungen »nach Hellinger«


Gerade im Kontext der Weltkriege wird in Familienaufstellungen eine unglaublich starke

Verbundenheit zwischen Tätern und Opfern beobachtet. Oft werden Verbrechen oder Taten

aus dieser Zeit verheimlicht: Die Täter schweigen in erster Linie aus Gründen des

Selbstschutzes und zum Schutz ihrer Familie vor sozialer Ächtung. Die Opfer schweigen aus

Scham.


Konsequenzen im System

Die heimgekehrten Soldaten fühlen sich ihren toten Kameraden auf besondere Weise verbunden – und auf die gleiche Weise auch den von ihnen getöteten Feinden. Oft verhindert dieser Sog zu den Toten die gesunde Entwicklung einer Vater-Kind-Beziehung. Das Kind fühlt sich von seinem Vater »nicht gesehen«. Es erlebt seinen Vater als gefühlstot und ist durch seine intensiven, jähen Traumagefühle verunsichert. Die betroffenen Kinder selbst erfahren dadurch eine andauernde Existenz- und Identitätsunsicherheit, die sich manchmal in unkontrollierbaren Ängsten äußert. Nachkommen der überlebenden

Soldaten wenden sich manchmal den toten Kameraden und Feinden ihrer Väter oder

Großväter zu, um sich zu ihnen zu stellen. Dies äußert sich z. B. in einer vordergründig erstaunlichen Todessehnsucht.

Wenn eine Familie durch einen Krieg Vorteile erzielt hat, hat dies auch systemische Konsequenzen. Alle, auf deren Kosten das System, die Familie, einen Vorteil hatte, gehören zum System. Wenn z. B. eine Familie in der Zeit des Nationalsozialismus ein Haus zugesprochen bekommen hat, das ursprünglich Juden gehörte, sind diese Teil des Systems, weil die Familie aus dem Unglück der jüdischen Familie einen Vorteil gewann. Wenn diese Systemmitglieder nicht angeschaut werden, vertritt sie später häufig ein Kind.


Lösungsansatz

Die Lösung besteht oft darin, die – meist schon toten – Täter zu ihren toten Kameraden oder

Feinden legen zu lassen. Das Benennen des Geschehens, ein An-den-Tag-Bringen, ein Gegenüberstellen mit den Opfern löst oftmals aus dieser emotionalen oder tatsächlichen Starre und führt ins Leben zurück, wenn vielleicht nicht mehr für die Großväter- und Vätergeneration, so doch für die Enkel. Oft entsteht bei einer Aufstellung eine bewegende Verbrüderung zwischen Menschen, die sich entweder im Dienste oder als Opfer von Mächten fühlen, die größer sind, als es unsere vordergründigen Vorstellungen oder Urteile erlauben.


Lösende Sätze

Siehe »Täter-Opfer-Bindung«.


Lösendes Aufstellungsbild oder Rituale

Siehe »Täter-Opfer-Bindung«.


Kritische Stimmen

Laut Bert Hellinger steht uns – den Nachgeborenen – in Bezug auf die Nazizeit keinerlei

Urteil zu. Täter und Opfer standen alle unter der Führung einer höheren Macht: »Gehen wir

über die Ebene des Gewissens und über die Unterscheidung von Täter und Opfer hinaus in die Ferne, wo alles gleich ist. Am Ende sind alle aufgehoben bei der gleichen Kraft.« Und: »Für die Deutschen und für die Österreicher war es unentrinnbar. Keiner hätte es stoppen können. Auch für das jüdische Volk war es unentrinnbar. Keiner hätte es aufhalten oder stoppen können. Alle waren einer größeren Macht ausgeliefert. Solange man nicht auf diese größere Macht schaut und sie in ihrer Schrecklichkeit anerkennt, sich vor ihr verneigt und sich ihr unterwirft, gibt es keine Lösung«. Diese Sichtweise ist natürlich sehr umstritten und hat heftige Kritik gegen Bert Hellinger und die Familienaufstellungen hervorgebracht.

Krieg in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Durch Krieg entstehen aus Sicht der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie viele Existenz- und Verlusttraumata – z. B. durch Angst vor Bombenanschlägen, durch Vergewaltigungen oder durch Verlust der Heimat. Aufgrund dieser schweren Vorfälle sind die traumatisierten Eltern nicht in der Lage, eine sichere Bindung zu ihren Kindern aufzubauen. Daraus resultieren dann Bindungstraumata bei den nachfolgenden Generationen (siehe dazu »Mehrgenerationale Psychotraumatologie«).


Quellen: 99, 100, 101

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