Kontextüberlagerung



Bei Systemischen Strukturaufstellungen wird nicht von Verstrickung oder Identifikation gesprochen, sondern von Kontextüberlagerungen. Der im klassischen Familienstellen benutzte Begriff der »Identifikation« wird von Strukturaufstellern als problematisch und irreführend betrachtet, weil er keine graduellen Unterschiede in der Intensität erlaubt (Kann jemand nur »partiell« identifiziert sein?) und weil in der Regel mehrere Prozesse dieser Art zugleich stattfinden (Ist eine Identifikation mit mehreren Personen möglich?). Insa

Sparrer und Matthias Varga von Kibéd verallgemeinern daher den Begriff und formulieren ihn abstrakt als »Kontextüberlagerung«, das heißt, die Überlagerung von zwei Verhaltensmustern, Situationen oder Personen, die in Zusammenhang gebracht werden und sich überlagern, obwohl sie zu verschiedenen Kontexten gehören.


Von Kontextüberlagerung wird z. B. gesprochen, wenn …

  • jemand so agiert, als ob er sich in einem jüngeren Alter befände (Kontextüberlagerung mit einer früheren Alterstufe),

  • jemand eine gegenwärtige Situation so erlebt, als befände er sich in einer vergangenen z. B. einer traumatischen Situation (Kontextüberlagerung zwischen Situationen),

  • jemand einer Person gegenüber so reagiert, als sei sie jemand anders (Kontextüberlagerung zwischen Personen, siehe dazu auch »Doppelbelichtung«),

  • jemand ein Person meidet, die ihn in einer schwierigen Situation unterstützt hat (Kontextüberlagerung von Person und vergangener Situation),

  • jemand auf ein Objekt, z. B. ein Haus oder einen Gegenstand, so reagiert, als erinnere ihn das Objekt an eine belastende Situation (Kontextüberlagerung von Objekt und vergangener Situation und damit verbundenen Person).

Im Gegensatz zum klassischen Aufstellen »nach Hellinger« umschreibt der Begriff »Kontextüberlagerung « der Systemischen Strukturaufstellungen nicht nur, dass ein Nachkomme von einem früheren Systemmitglied überlagert sein kann, sondern erklärt auch den umgekehrten Fall.


Aufstellungstechnik

Ein Platztausch dient als Test, ob eine Kontextüberlagerung vorliegt. Wenn jemand sich in der Aufstellung an einem fremden Platz wohler fühlt als auf seinem Platz, ist dies ein Hinweis

auf eine Überlagerung.


Lösungsansatz und Rituale

Zur Aufhebung von Kontextüberlagerungen werden bei Strukturaufstellungen folgende Rituale genutzt:


»Sich-Abwenden«-Bewegung: Der Ratsuchende geht langsam zu der Person hin, mit der er verstrickt ist, hält dabei intensiven Blickkontakt, der Mund ist geöffnet, und der Ratsuchende atmet tief ein. Kurz vor dem Ziel dreht er sich plötzlich um (oder wird vom Aufstellungsleiter umgedreht), um eine Verwirrung zu erzeugen, und geht dann zurück zu seinem ursprünglichen Platz. Anschließend wird häufig die Frage gestellt: »Was ist jetzt anders?«


Kontexttrennung mit der kataleptischen Hand:

Dieses Ritual wird für schwächere Formen von Kontextüberlagerungen angewandt. Es verwendet die sogenannten »Fünf Vs«:

  • Die Verschleierung: Eine Verschleierung ist eine schwache Überlagerung. Nur wenig wird überlagert, die Person oder die Situation wird vom Fokus wie durch einen Schleier gesehen. Häufig genügt es, wenn der Gastgeber vor dem Repräsentanten mit der kataleptischen Hand langsam einen Schleier wegzieht und Sätze ausspricht wie z. B.: »Und angenommen, etwas, was wie ein Schleier bisher vor der Liebe war, zieht sich langsam zurück.«


  • Die Verstellung: Hier wird dem Fokus die Sicht zu einer Person oder einem anderen Systemelement verstellt. Der Blick wird wieder freigemacht durch Sätze wie z. B.: »Jetzt sehe ich dich.« Häufig ist das auch für das Element, das die Sicht versperrt, eine Erleichterung.


  • Die Vermischung: Durch ein Systemelement hindurch scheint für den Fokus etwas Unklares, etwas, was das Starke und Klare des Elements beeinträchtigt. Es ist in etwa vergleichbar mit einer fremden Qualität, die sich mit dem Element vermischt hat. Der Gastgeber lässt die Hand etwas seitlich hinter dem Element auftauchen. Ein Beispiel für rituelle Sätze ist: »Du bist die Arbeitsstelle, die ich unter meinem ehemaligen Chef hatte. Das, was an dir gut war, nehme ich mit, und das, was jetzt schon zur Vergangenheit gehört und auch dort bleiben soll, lasse ich bei dir.«


  • Die Verwechslung: Bei dieser Kontextüberlagerung ist die »echte« Person oder Kraftquelle in dem repräsentierten System noch nicht vorhanden. Stattdessen steht nur die Überlagerung im System. Die »echte« Person muss eingeführt werden. Mit der kataleptischen Hand wird getestet, ob eine Verwechslung besteht. Der Leiter hält die kataleptische Hand hinter den Repräsentanten der Überlagerung, lässt sie langsam hervorkommen und fragt, ob dies einen Unterschied macht. Wenn dies der Fall ist, wird ein Repräsentant für die »echte« Person aufgestellt. Der rituelle Satz dazu ist: »Jetzt sehe ich dich klar.« (Siehe dazu auch »Doppelbelichtung«.)


  • Der Verlust: Verlust ist die stärkste Überlagerung, weil das benannte Element überhaupt nicht vorhanden ist. Stattdessen steht nur noch die Überlagerung im System. Das Ritual verläuft wie bei der Verwechslung, allerdings wird die kataleptische Hand seitlich vom Stellvertreter der Überlagerung gehalten.

Quellen: 89, 90

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