Identifikation bzw. Identifizierung



Identifikation in Familienaufstellungen nach Hellinger

Die Identifizierung (der Prozess) ist die unbewusste Wiederholung eines fremden Schicksals.

Eine betroffene Person vertritt oft ein ausgeschlossenes oder missachtetes Systemmitglied.

Die Identifikation (der Zustand) ist eine Art von Verstrickung. Die Hauptquellen für unbewusste Identifizierungsprozesse sind früh verstorbene Eltern oder Geschwister der Eltern und frühere Partner eines Elternteiles, zu denen dieser eine intensive emotionale Bindung hatte. Eine Identifikation ist mit einem Gefühl des »Außerhalb-von-sich-selbst-Seins« verbunden: Jemand im System zeigt intensive Gefühle oder führt Handlungen aus, die aus der gegenwärtigen Situation heraus nicht nachzuvollziehen sind. Dies kann sich z. B. in einer grundlosen Trauer äußern, obwohl im Leben alles in Ordnung ist, oder man neigt zu Aggressionen, obwohl man im Grunde ein friedliebender Mensch ist. Wenn jemand sehr energisch und verbissen um etwas kämpft, so handelt es sich dabei auch oft um einen »Stellvertreterkrieg«. Identifizierte Menschen führen ein Leben, das im Grunde nicht ihren Vorstellungen entspricht, und sie treffen Entscheidungen oder tun Dinge, die sie

im Nachhinein nicht erklären können.

Jedes Mitglied eines Familiensystems verfügt über eine lange Liste mit Systemmitgliedern, mit denen es sich identifizieren könnte. Dazu zählen z. B. die Ausgeschlossenen, die nicht Gewürdigten, diejenigen, die etwas geopfert oder auf etwas verzichtet haben, Personen mit einem schweren Schicksal und die früheren Partner der Eltern oder Großeltern. Unbewusst glaubt die betroffene Person dann, sie wäre dieses Familienmitglied und verhält sich dementsprechend, indem sie sich selbst Lebensfreude, Gesundheit, beruflichen Erfolg oder eine glückliche Partnerschaft versagt. Im Hintergrund scheint eine Art Schattenwesen zu stehen, das in bestimmten Situationen ihr Verhalten und ihre Gefühle bestimmt. Eine Identifikation kann sich auch in psychischen Störungen, wie z. B. in Panikattacken oder psychosomatischen Erkrankungen bemerkbar machen. Ein Beispiel: Bei einer jungen, an Asthma erkrankten Frau stellte sich in der Familienaufstellung heraus, dass ihre Tante schon früh einer Lungenerkrankung erlegen war.


Konsequenzen im System

Aus Sicht Bert Hellingers besteht das Grundproblem einer Identifikation darin, dass das Recht, das dem Früheren nachträglich widerfährt, ein Unrecht für den Späteren darstellt. Dieser lebt nicht nur sein eigenes Leben nicht, sondern verlässt durch die Nachahmung eines früheren Familienmitglieds seinen eigenen Platz im System. Dadurch stört er die Ordnung, was zu weiteren Verwicklungen führt.


Gegengeschlechtliche Identifizierung und Homosexualität

Normalerweise übernimmt ein Kind desselben Geschlechts die Vertretung eines früheren Familienmitglieds. Fehlt aber in der Familie ein solches, so kann auch ein Kind des anderen

Geschlechts als Vertreter einsteigen. Wenn z. B. ein Paar nur Söhne hat, steht für eine Identifizierung kein Mädchen zur Verfügung, wenn der Vater beispielsweise eine bedeutende Bindung zu seiner ersten großen Liebe hatte. Möglicherweise identifiziert sich dann einer der Söhne mit der früheren Partnerin des Vaters. Je nach Intensität der Identifikation kann dies laut Bert Hellinger dazu führen, dass das betroffene Kind homosexuell wird. Bei Familienaufstellungen fällt tatsächlich häufig auf, dass Homosexuelle (Männern wie Frauen) mit jemandem aus der Familie identifiziert sind, der aber dem anderen Geschlecht angehört.

Wenn Eltern für ihre Kinder aufstellen und beispielsweise als Stellvertreter für einen Sohn

spontan ein Frau statt einen Mann auswählen – oder umgekehrt – deutet dies fast immer auf ein mögliches Problem mit der Geschlechterrolle hin. Umgekehrt gilt aber nicht, dass alle Homosexuellen mit jemandem aus dem anderen Geschlecht identifiziert sind.


Mögliches Aufstellungsbild und Aufstellungstechnik

Ein Systemmitglied steht nicht an seinem systemischen Platz. Der Sohn steht z. B. nicht neben seiner Mutter und die Mutter neben ihrem Mann, sondern er steht zwischen seinen Eltern. Wenn sich zwei Stellvertreter gegenüberstehen und kein Konflikt vorhanden ist, kann diese Position auf eine Identifikation hindeuten (siehe dazu »Anordnungsprinzipien und Deutung von Aufstellungsbildern«). Um zu testen, ob eine Identifikation vorliegt,

stellt der Aufstellungsleiter die beiden Betroffenen einander gegenüber. Die möglicherweise

identifizierte Person sagt dann zur anderen: »Ich bin ich, und du bist du. Wir beide sind zwei völlig verschiedene Personen.« Klingt dieser Satz nicht wirklich überzeugend, liegt wahrscheinlich eine Identifikation vor. Eine andere Möglichkeit ist ein Platztausch der möglicherweise von einer Identifikation Betroffenen. Fühlt sich z. B. der Ratsuchenden auf seinem neuen Platz besser oder genauso wie zuvor, liegt wahrscheinlich eine Identifizierung vor.


Lösungsansatz

Die systemische Lösung besteht darin, das vergessene, verachtete oder verdrängte Familienmitglied ausfindig zu machen und ihm seinen gebührenden Platz im System zu gewähren. Dies gilt auch für Verbrecher, Mörder, Vergewaltiger, usw. Dieser Platz muss ihnen eingeräumt werden ohne ihr Tun zu beurteilen. Dazu gehört auch, Unerledigtes aus früheren Generationen dort zu lassen und die Unausgewogenheiten der Schicksale als gegeben hinzunehmen. Der identifizierten Person muss auch klar gemacht werden, dass sie selbst und dieser Systemangehörige zwei völlig verschiedene Menschen mit jeweils eigenem Schicksal sind. Dies ist als Dissoziationsprozess zu verstehen: Der Ratsuchende hat ein fremdes Schicksal mit dem seinen assoziiert, die Lösungsarbeit in der Familienaufstellung

sorgt für die notwendige Trennung, und öffnet damit den Raum für neue Entwicklungsschritte und andere Gefühle. Siehe zur Identifikation in Zusammenhang mit

einem früheren Partner auch »Frühere Partner«.


Lösende Sätze

Zu einem ausgegrenzten oder verachteten Familienmitglied z. B.: »Liebe Tante, ich verneige

mich vor deinem Schicksal, wie immer es auch war, und ich stehe zu meinem Schicksal, wie es mir bestimmt ist. In meinem Herzen hast du einen Platz.«


Auflösung einer Identifikation

Identifikationen werden in Aufstellungen meistens mit einem lösenden Satz und/oder mit einem Ritual aufgelöst.

  • Lösender Satz: z.B. »Ich sehe/achte dich«, oder »Du gehörst dazu«. Die Wirkung eines solchen Satzes kann Blickkontakt oder Gesten verstärkt werden.

  • Ritual: z. B. die Verneigung vor einem fremden Schicksal. Ein von Strukturaufstellern häufig angewandtes Ritual ist die »Sich-Abwenden«- Bewegung: Der Ratsuchende geht langsam zu der Person hin, mit der er identifiziert ist, hält dabei intensiven Blickkontakt, der Mund ist geöffnet, und der Ratsuchende atmet tief ein. Kurz vor dem Ziel dreht er sich plötzlich um (oder wird vom Aufstellungsleiter umgedreht), um eine Verwirrung zu erzeugen, und geht dann zurück zu seinem ursprünglichen Platz. Anschließend wird häufig die Frage gestellt: »Was ist jetzt anders?«

Identifikation und Identifizierung in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Nach der Theorie der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie bedarf es keines kollektiven

Gewissens, um eine Identifikation zu entwickeln. Franz Ruppert beschreibt den Prozess der Identifikation eines Kinde wie folgt: Eine Identifikation des Kindes geschieht beispielsweise, wenn die Mutter immer noch auf ihren toten Bruder, den Onkel des Kindes, fixiert ist.

Identifikation und Identifizierung haben verschiedene Bedeutungen bzw. Wirkungsrichtungen: Identifikation aus Sicht des Kindes: Das Kind fühlt sich nur dann im Kontakt mit seiner Mutter, wenn diese in ihm wesentliche Züge des Onkels erkennen kann, zu dem sie bereits eine seelische Verbindung hat. Das Kind erreicht die Nähe zur Mutter quasi über den »Umweg Onkel«. Dabei übernimmt es die Gefühle von ihm, wegen derer die Mutter auf ihn fixiert ist. Identifizierung vom Standpunkt der Mutter: Die Mutter identifiziert das Kind mit dem Onkel, auf den sie stärker fixiert ist als auf ihr eigenes Kind. Sie versucht, über den Kontakt mit dem Kind die Gefühle, die sie für ihren Bruder empfunden hat, wieder zu erleben.

Sichtweise von Strukturaufstellern


Strukturaufsteller sind der Meinung, dass Bert Hellinger das Wort »Identifikation« zu leichtfertig benutzt, um die Übernahme eines fremden Schicksals oder Verhaltensmusters zu beschreiben. Sie empfinden diese Benennung als sehr stark problemfixiert und befürchten durch den häufigen Gebrauch ein erhöhtes Rückfallrisiko. Außerdem lässt diese Ausdrucksweise keine graduellen Unterscheidungen zu, also z. B. in »leichte« oder »partielle« Übernahme eines fremden Schicksals oder eines Verhaltensmusters. Deswegen ist es aus Sicht der Strukturaufsteller besser, ganz allgemein von Kontextüberlagerung zu sprechen.

Quellen: 82, 83

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