Hellinger, Bert



Bert Hellinger ist der anerkannte und auch sehr umstrittene »Vater« der Methode des Familienstellens. Er entwickelte sie in den 1980er-Jahren in München.


Biographie


Bert Hellinger, geboren 1925 als Anton Hellinger in Leimen, besuchte zuerst ein katholisches

Internat. Als 16-jähriger Gymnasiast wurde er Mitglied einer katholischen Jugendgruppe, die

damals schon seit mehreren Jahren von den Nazis verboten war und observiert wurde. In der

Folgezeit wurde er als 17-jähriger im Arbeitsdienst von einem Gestapomann in ein Gespräch

über Hegel verwickelt. Dieses Gespräch brachte ihm später in seinem Führungszeugnis den Vermerk »Potenzieller Volksschädling« ein. Seine Einziehung zur Wehrmacht an die Westfront in Frankreich rettete ihn vor der Gestapo.

Gegen Ende des Krieges geriet er in amerikanische Gefangenschaft und wurde in Belgien interniert. Nach einem Jahr gelang ihm die Flucht aus dem Gefangenenlager. Ein Jahr nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft trat er in Würzburg bei den Marianhiller Missionaren ein und erhielt den Namen Suitbert. Er studierte dort Philosophie, Pädagogik und Theologie und wurde 1952 zum Priester geweiht.

1953 wurde er in die Mission nach Südafrika entsandt. Als Gemeindepfarrer und Schulleiter lebte er 16 Jahre bei den Zulus in der südafrikanischen Provinz Kwazulu-Natal.

1964 lernte er dort während seiner Arbeit die Gruppendynamik kennen.

1968 wurde er in ein völlig verändertes Deutschland zurückberufen, in dem er sich nur schwer zurechtfand. Er wurde als Hausoberer in Würzburg eingesetzt, geriet aber zunehmend in eine Krise. Also begann er eine Psychoanalyse und besuchte psychologische Vorlesungen. Bei einem Gestalttherapieseminar von Ruth Cohn mit dem »heißen Stuhl« traf er die Entscheidung, sein Priesteramt aufzugeben und den Orden zu verlassen. Seinen Namen behielt er bei – und so wurde aus Pater Suitbert, Bert Hellinger.


Bald lernte er seine Frau kennen und heiratete sie. Sie zogen gemeinsam nach Wien, wo er eine Ausbildung als Psychoanalytiker machte. Gegen Ende seiner Ausbildung ging er nach Amerika, um bei Arthur Janov die Primärtherapie (Urschreitherapie) zu studieren.


Anschließend kam er nach Wien zurück und versuchte, die körperorientierte Therapie in die Psychoanalyse zu integrieren. Seine Weiterbildung zum nichtärztlichen Psychotherapeuten mit der Fachrichtung Psychoanalyse wurde 1982 von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns im Zuge einer Übergangslösung anerkannt, nachdem ihm dies von der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung verweigert worden war.


In den folgenden Jahren beschäftigte sich Hellinger im In- und Ausland mit den unterschiedlichsten Therapiemethoden wie der Transaktionsanalyse, der Hypnotherapie nach Erickson, der Bioenergetik, NLP (Neurolinguistische Programmierung), der systemischen Familientherapie und integrierte diese in seine Arbeit.


Die Methode des Aufstellens entdeckte Hellinger in den frühen 1980er-Jahren bei der Familienskulpturarbeit nach Virginia Satir. Ihm fiel weiter auf, dass Gefühle von Klienten nicht

immer ihre eigenen, sondern oft von anderen Mitgliedern des Familiensystems übernommene Gefühle waren, die häufig die Urliebe zu Vater oder Mutter ausdrückten. Die Lektüre des Buches »Unsichtbare Bindungen« von Iván Böszörményi- Nagy brachte ihn dazu, sich intensiver mit der Idee des Ausgleichs in Familiensystemen zu beschäftigen (siehe dazu »Mehrgenerationenperspektive«).


Nach seiner Scheidung heiratete Hellinger seine langjährige Schülerin Marie Sophie Erdödy.

Gemeinsam mit ihr, die u. a. auch einen Heilstollen am Fuß des Obersalzbergs bei Berchtesgaden leitet, zog Hellinger nach Bischofswiesen bei Berchtesgaden. Dort betreiben beide noch heute gemeinsam das Büro Hellinger International und die Hellinger Sciencia Schule. Hellingers neuer Wohnsitz ist in der Öffentlichkeit sehr umstritten, weil er eine Zeit lang – bis sein neues Haus einzugsfertig war – in Hitlers ehemaliger »kleiner Reichskanzlei« wohnte. Seine Kritiker, die ihm seine konservative Einstellung vorwerfen, sahen sich in Hellingers gedanklicher Nähe zu Hitler bestätigt.


Bisher wurden über 500 000 Bücher und Videos Hellingers alleine in Deutschland verkauft. Seit einigen Jahren betreibt Hellinger einen eigenen Buch- und Videoverlag.



Der »harte« Hellinger


Allgemein auffällig ist, dass die Person Bert Hellinger noch öfter und schärfer kritisiert wird,

als seine Methode des Familienaufstellens. In die Kritik geriet er vor allem wegen seiner oft

sehr drastischen und konfrontierenden Arbeitsweise und der Darstellung seiner Sichtweise als absolute Wahrheit. Bertold Ulsamer, ein langjähriger Gefährte, sagt dazu: »Eine bestimmte Schroffheit, die manchmal verletzt, schien in den früheren Jahren ein Wesenszug Hellingers zu sein. Sie ließ ihn und seine Aussagen oft streng erscheinen. Er wirkte dann hart und unnachgiebig, fast gnadenlos.« Bert Hellinger hat für die innere Haltung des

Aufstellungsleiters im phänomenologischen Prozess drei Grundsätze definiert. Einer dieser

Grundsätze nennt sich »ohne Furcht«. Dies bedeutet, dass der Aufstellungsleiter nicht versuchen darf, das, was bei der Aufstellung herauskommt, in irgendeiner Weise abzumildern. Viele Aufsteller vertreten die Ansicht, dass sie für den Ratsuchenden eine gewisse Verantwortung tragen und ihm deshalb nicht immer die ganze Wahrheit oder ihre wirkliche Wahrnehmung mitteilen dürfen oder zumindest sehr sorgsam in ihrer Wortwahl sein müssen. Das bedeutet z. B., harte Einsichten »weich« zu verpacken. Hellinger sieht darin sowohl eine Unterschätzung und Missachtung der Eigenständigkeit und der Würde des Ratsuchenden als auch die persönliche Angst des Aufstellungsleiters vor der Wahrheit: Nicht der Ratsuchende, so Hellinger, hält die volle Wahrheit nicht aus, sondern der Aufstellungsleiter. Die Sorge um den Ratsuchenden sieht er lediglich als Vorwand (siehe dazu »Phänomenologische Grundhaltung des Aufstellungsleiters«).

Viele Ratsuchenden kommen bei Hellingers Entschiedenheit oder auch seiner Härte ins

Schleudern. Es wird ihm allerdings auch häufig vorgeworfen, bei seinen öffentlichen Familienaufstellungen gegen einfachste Regeln der Psychotherapie zu verstoßen. Besonders dramatisch erscheint dies anhand des Schicksals einer Frau, die 1997 in Leipzig zusammen mit ihrem Ehemann, von dem sie in Trennung lebte, auf die Bühne zu Hellinger kam. Das Paar wollte von ihm wissen, zu wem die Kinder nach der Scheidung kommen sollten. Hellinger sagte dazu, auf die Frau deutend: »Hier sitzt das kalte Herz. Die Kinder sind bei der Frau nicht sicher. Sie gehören zum Mann.« Die Frau verließ die Bühne im Schockzustand. Kurz danach folgte ihr Selbstmord. Es kam deswegen zu einer Anklage. Bert Hellinger wurde freigesprochen. Hellinger selbst sagt dazu: »Man hat mir ein paar Mal vorgeworfen, dass ich sehr gewagte Dinge sage und dass es einem Klienten auch schaden könnte. Ich habe hier einen sehr extremen Standpunkt. Kein Therapeut kann einem Klienten schaden. Wie soll er das denn machen, außer, wenn er ihn umbringt? […] Es ist doch jeder frei, zu tun, was er will. Wenn er will, dass es ihm schadet, genauer gesagt, wenn er etwas tut, das so aussieht, als hätte ihm etwas geschadet, dann will er es. […] Nun ist es aber so, wenn jemand so vorgeht, wie ich manchmal tue, muss er fürchten, dass einige sagen: ›Das darf man nicht, das ist unmöglich.‹ Sie klagen ihn dann an. Wenn ein Helfer dieser Furcht nachgibt, was passiert mit ihm? Er kann nicht mehr genau wahrnehmen, und man kann ihm nicht mehr vertrauen.«



Kritische Stimmen


Der zuweilen harte und oft provokative Stil von Bert Hellinger – er selbst sagt, dass dieser von der provokativen Therapie des Frank Farell angeregt wurde – hat der Methodik des Familienstellens viel Kritik eingebracht. Sein Stil ist jedoch nicht charakteristisch für die Methode an sich. In der »alltäglichen« Aufstellungsarbeit hat sich eher ein behutsamer und respektvoller Arbeitsmodus etabliert. Generell würde z. B. ein Aufsteller niemals einen Ratsuchenden in demütigender Weise bloßstellen – eine oft vorgebrachte Kritik an Familienaufstellungen.

Quellen: 76, 77, 78, 79

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