Geheimnis/Familiengeheimnis



Allgemein

Oft gibt es in einer Familie Geheimnisse, die verschwiegen werden, weil die Angst-, Schamund Schuldgefühle der beteiligten Personen sehr groß sind. Die Themen sind mit einem familienweiten Tabu belegt und dürfen nicht offen thematisiert werden, obwohl in den meisten Fällen viele Familienmitglieder von der Existenz dieses Geheimnisses wissen. Das können z. B. uneheliche Kinder sein, von denen niemand etwas wissen darf, Missbrauch, Erbschaftsangelegenheiten, Liebschaften, ein Selbstmord, der als Unfall dargestellt wird, eine Adoption, die beharrlich verneint wird, eine Abtreibung, die als kurze Krankheit getarnt wurde etc. Es gibt jedoch auch noch schwerere Geheimnisse wie Mord innerhalb der Familie, Kinder, die aus Inzestbeziehungen oder Vergewaltigungen stammen etc.



Geheimnis/ Familiengeheimnis in Familienaufstellungen nach Hellinger


Gerade Geheimnisse haben in Familiensystemen eine ungeheure Macht und beeinflussen das System bis weit in die nachfolgende Generation hinein: Manchmal bewahren die Hüter dieser Geheimnisse strengstes Stillschweigen bis zum Sterbebett. Hinter diesem Totschweigen kann durchaus eine gute Absicht oder ein einleuchtender Grund liegen: Scham, Verlegenheit, das Kind schützen, Schmerzen ersparen etc. Vor allem das Schamgefühl ist ein Garant dafür, dass sozial nicht akzeptable und peinliche Taten zum Tabuthema und schließlich zum Geheimnis werden. Nicht nur der Täter schweigt. Auch diejenigen, die etwas wissen oder zumindest ahnen, blicken weg, um nicht mit Schamgefühlen konfrontiert zu werden. Das Geheimhalten schadet jedoch nur. Durch Verdrängen wird die Problematik nicht aus der Welt geschafft, sondern es entsteht eine gegenteilige Wirkung: Andere Familienmitglieder, die nichts davon wissen sollen, spüren, dass irgendetwas nicht stimmt und übernehmen durch Verstrickungen fremde Schicksale.

Laut Bert Hellinger gibt es allerdings Familiengeheimnisse, die gehütet werden sollten, weil diese die Kinder nichts angehen. Alles, was zur Intimbeziehung der Eltern oder zur Schuld der Eltern gehört, sollten Kinder nicht wissen. Kinder dürfen beispielsweise auch nicht nachforschen, was die Eltern »angestellt« haben könnten. Auf jeden Fall hat jedoch ein Kind das Recht zu erfahren, wer sein Vater und seine Mutter sind. Dazu kann es von sich aus nachforschen (siehe dazu »Eltern-Kind-Bindung«).


Konsequenzen im System

Psychosen, aber auch Sprachstörungen wie Stottern haben als Ursache oft einen Mord in der

Familie, der geheim gehalten wurde.


Mögliches Aufstellungsbild

Oft geht die Aufstellung nicht mehr weiter und stockt. Keiner der Stellvertreter fühlt sich wohl an seinem Platz. Es scheint, als ob eine unsichtbare Last über der Familie schwebt.


Aufstellungstechnik

Bei Aufstellungen, in denen ein Geheimnis erkennbar wird, kann es bisweilen ein Schritt hin zu mehr Klarheit sein, wenn ein Stellvertreter für das Geheimnis aufgestellt wird.


Lösungsansatz

Die Verstrickungen müssen gelöst werden. Dies geschieht dadurch, dass die Nachkommen das Geheimnis und diejenigen Vorfahren, die es tragen, achten und es ihnen lassen. Dabei muss das Geheimnis nicht unbedingt aufgedeckt werden. Wenn es z. B. einen Stellvertreter offensichtlich zu einem Toten hinzieht, so muss nicht explizit ausgesprochen werden, um wen es sich bei dem Toten handelt. Geheimnisse werden nicht ans Licht gezerrt. Dennoch ist es in diesem Beispiel offensichtlich, dass in der Familie jemand fehlt und keinen Platz hat.

Geheimnis/Familiengeheimnis in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie

Laut Franz Ruppert verbergen Familiengeheimnisse tabuisierte Taten im Familiensystem, wie z. B.:

  • tödliche Bedrohungen durch einen anderen Menschen, an den man emotional gebunden ist,

  • sexueller Missbrauch innerhalb der Familie,

  • Taten, die nicht wiedergutzumachen sind, z. B. Mord an Systemangehörigen (insbesondere bei Schizophrenie).

Franz Ruppert spricht dabei von Bindungssystemtraumata, weil solche Verstöße moralisch

und ethisch nicht zu rechtfertigen sind und im Prinzip zu der Auflösung des Bindungssystems

führen sollten. Das Geschehene ist auf jeden Fall mit so hoher Angst und so extremen

Schuld- und Schamgefühlen besetzt, dass es innerhalb der Familie nicht offen kommuniziert

werden kann. Daher wird es tabuisiert und von denjenigen, die das Geheimnis kennen, geheim gehalten. Ruppert geht von einer Mehrgenerationenabfolge bei der Entstehung psychotischer Verwirrungen aus. Während die Generation, in der sich das Trauma ereignet hat, dieses bewusst und aktiv verdrängt und verschweigt, hat die nächste Generation nur noch das Bewusstsein, dass es etwas gibt, wonach man besser nicht fragt. Die darauffolgende Generation nimmt dann bei ihren Eltern merkwürdige blinde Flecken

in deren Psychen wahr und wird dadurch stark verunsichert. Bindungssystemtraumata

können zu schweren psychischen Störungen wie Psychosen führen (siehe dazu »Mehrgenerationale Psychotraumatologie«).


Lösungsansatz

Ziel der therapeutischen Arbeit sollte nicht sein, die Geheimnisse der Vorfahren zu lüften.

Die Bestätigung in einer Aufstellung, dass es ein Geheimnis gibt, ist ausreichend, um dem Ratsuchenden klarzumachen, dass etwas existiert, was sein schweres Symbiosetrauma verursacht hat.


Siehe dazu auch »Psychose«.

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