Gefühle




Innerhalb des Familienstellens »nach Hellinger« wird zwischen verschiedenen Arten von

Gefühlen unterschieden: primäre, sekundäre, übernommene und Metagefühle.


Primäre oder ursprüngliche Gefühle

Primäre Gefühle sind das erste Gefühl, der erste Impuls, der entsteht, wenn wir mit einem

bestimmten Ereignis konfrontiert werden. Es ist eine unverfälschte, spontane Antwort auf das, was gerade geschieht. Diese Gefühle sind meist heftig und kurz, kommen unvermittelt und sind klar. Die Auslöser dafür sind meistens äußere Reize. Primärgefühle sind authentisch. Werden sie unverfälscht ausgedrückt, so hat dies eine starke Wirkung auf andere Menschen.

Ein primäres Gefühl hat vor allem den Zweck, eine Handlung einzuleiten. Beispielsweise

entsteht ein ursprüngliches Wutgefühl, wenn man angegriffen wird. Dieses Gefühl gibt dann

Kraft zur Gegenwehr.


Sekundäre (oder abgeleitete oder dramatische oder Ersatz-) Gefühle

Ein Großteil der Gefühle, die Menschen zeigen, gehört zur Kategorie der abgeleiteten Gefühle. Es sind »Stattdessen«-Reaktionen, die oft ein wahres Gefühl verdecken, das man jedoch für unangemessen oder für nicht akzeptabel hält. Die größte Wut entsteht durch die bloße Vorstellung einer bestimmten Situation, beispielsweise wenn man sich Umstände vorstellt, in denen man sagt oder denkt: »Was sind das für Leute und was führen sie gegen mich im Schilde?« Die dann aufsteigenden Wutgefühle stellen jedoch keine echte Wut dar. Die dahintersteckenden Gefühle sind falsch. Die Wut wurde ausschließlich durch ein inneres Bild ausgelöst. Hinter auf diese Weise ausgelösten Gefühlen verstecken sich oft Schmerz und Liebe. In gewisser Weise stellen Sekundärgefühle einen fehlgeleiteten Schutzmechanismus dar, weil sie den direkten Kontakt zum Primärgefühl verhindern.

Sekundäre Gefühle dienen auch als Ersatz für tatsächliches Handeln. Sie bezwecken, Eindruck auf andere zu machen und andere zum Handeln zu animieren, anstatt das eigene Handeln anzuregen. Die sekundären Gefühle werden deswegen häufig übertrieben oder dramatisch ausgedrückt in der Hoffnung, Glaubwürdigkeit zu erzielen. Daher wirken sie nicht nur kraftlos, sondern manchmal auch manipulativ.

Sekundärgefühle erkennt man als Außenstehender an folgenden Kriterien:

  • Das Gefühl ist nicht situationsangemessen.

  • Man fühlt sich aufgefordert, etwas zu tun (weiß aber nicht, was).

  • Man fühlt sich schuldig.

  • Anstatt angemessene Handlungen durchzuführen, wird das Gefühl weitschweifig und teils extrem detailliert beschrieben.

  • Das Gefühl ist nicht altersgemäß bzw. passt nicht zur Persönlichkeit.

  • Der Zuhörer fühlt sich zunehmend beunruhigt, irritiert, unaufmerksam, verwirrt und sucht nach Ablenkung.

  • Das Verhalten der Person wechselt ständig zwischen innerer Einkehr, dem Erzählen und dem Beobachten der Wirkung des Berichteten.

Bei sekundären Gefühlen hält die Person oft die Augen geschlossen, denn diese Gefühle

stehen nicht in Verbindung mit der sichtbaren Wirklichkeit. Sie werden durch ein inneres Bild

erzeugt, deswegen müssen die Augen geschlossen sein. Um jemandem aus einem sekundären Gefühl herauszuhelfen, bringt man ihn dazu, die Augen zu öffnen.

Familienaufstellungen zeigen die Motive für Sekundärgefühle auf, lösen das dahinterliegende Muster und machen sie damit überflüssig.


Übernommene oder Fremdgefühle

Fremdgefühle sind von anderen Menschen übernommene Gefühle. Sie beruhen also nicht

auf persönlichem Erleben und sind daher aus der persönlichen Biografie dieses Menschen

heraus nicht erklärbar. Meist sind es Gefühle von Vorfahren, die die Nachkommen unbewusst

übernommen haben. Vor allem solche Gefühle, die von den ursprünglichen Besitzern nicht zugelassen bzw. gebremst wurden, werden so teils über viele Generationen hinweg weitergereicht. Das können Gefühle nicht ausgelebter Trauer, von Heimatlosigkeit, Schuld, Hilflosigkeit, Ausgeschlossen sein, fehlender Achtung, Ohnmacht, Resignation usw. sein, die dann als Grundstimmung vorherrschen. Aus Liebe übernimmt ein Nachgeborener diese Gefühle und lebt sie anstelle des eigentlichen »Besitzers« aus. Die Übernahme eines fremden Gefühls findet durch Verstrickung statt. Speziell die Identifikation, also die unbewusste Übernahme des fremden Schicksals einer zum Familiensystem gehörenden Person, gilt als Hauptursache von Fremdgefühlen.

Im Unterschied zu Primär- oder Sekundärgefühlen wirken Fremdgefühle nicht anrührend, künstlich oder übertrieben, sondern eher lähmend, sie machen rat- und hilflos. Obwohl Kinder aus einem Gefühl tiefer Liebe heraus von ihren Eltern, Großeltern oder anderen Systemmitgliedern Gefühle, Aufträge oder Schicksale übernehmen, sind sie damit doch hoffnungslos überfordert. Als Erwachsene haben sie oft den Eindruck, nicht das eigene Leben leben zu dürfen. Fremdgefühle sind ständig präsent. Dadurch wird das Lebensgrundgefühl des Trägers entscheidend mitgeprägt.

Eine wirkungsvolle Art, mit Fremdgefühlen umzugehen, besteht darin, durch eine Aufstellung die ihnen zugrunde liegenden Störungen zu identifizieren und zu lösen. Das Übernommene muss dorthin zurückzugeben werden, woher es gekommen ist. Siehe dazu auch »Übernahme von fremden Gefühlen« bzw. »Kontextüberlagerung«.


Metagefühle

Metagefühle sind von Emotionen losgelöste Gefühle. Zu solchen Gefühlen, die nicht als

dramatisch empfunden werden, sondern vielmehr als schlicht und rein, gehören z. B. Mut

und Weisheit, aber auch beispielsweise die Demut, die man empfindet, wenn man seinen Platz im großen Zusammenhang erkannt hat. Metagefühle zeigen sich in geballter Form, wenn sie in bestimmten Situationen dafür sorgen, die zum Handeln erforderliche Kraft aufzubringen. Solche Metagefühle empfinden die Ratsuchenden dann, wenn es ihnen gelungen ist, sich aus ihren eigenen Verstrickungen zu lösen. Der Aufstellungsleiter bedient sich solcher Metagefühle bei der Aufstellungsarbeit.

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