Feldwahrnehmung/ nonlokaler Effekt



Allgemein

Ein äußerst faszinierendes Phänomen während einer Aufstellung besteht darin, dass die Stellvertreter nach und nach Empfindungen und Wahrnehmungen haben, die denen der Systemmitglieder, für die sie stehen, verblüffend ähnlich sind, ohne dass sie diese Person kennen und ohne dass vorher im Gespräch Ähnliches erwähnt wurde. Die Stellvertreter denken sich also nicht irgendetwas »Passendes« aus, sondern sie folgen nur intuitiv ihrer Wahrnehmung, z. B. wie sich ihr Körper anfühlt (warm, kalt, schwer, schmerzhaft usw.) oder welche Gefühle und Empfindungen aus dem Inneren aufsteigen.

Selbst wenn man diese Erfahrung noch nie gemacht hat und es sich ungewöhnlich anhört, so

ist doch jeder dazu imstande. Dieses Phänomen wird oft als »Feldwahrnehmung« bezeichnet. Durch sie entsteht eine bestimmte Dynamik zwischen den einzelnen Stellvertretern. Mithilfe der Feldwahrnehmung können bislang unbewusste Beziehungsgefüge erfasst werden. Dadurch zeigen sich neue Möglichkeiten zur Lösung der bearbeiteten Problematiken auf und können spürbar gemacht werden.


Die Erfahrung ist reproduzierbar und verifizierbar

An der Universität Witten/Herdecke wurde eine Dissertation geschrieben mit dem Ziel, die

Reproduzierbarkeit von Feldwahrnehmungen zu untersuchen. Dabei wurde zunächst eine

Konstellation aufgestellt und an die verschiedenen Positionen wurden lebensgroße Puppen

gestellt. Danach wurden Hunderte unterschiedlicher Stellvertreter in derselben Konstellation

aufgestellt, das heißt, unterschiedliche Personen wurden an denselben Platz gestellt und dieselben Personen an unterschiedliche Plätze. Auf den anderen Positionen standen dann jeweils die lebensgroßen Puppen. Die Wahrnehmungen der Teilnehmer wurden protokolliert, und sie mussten Fragebögen ausfüllen. Im Ergebnis zeigte sich, dass es abhängig von der Position und unabhängig von der Person große Übereinstimmungen bei dem Erlebten und den Wahrnehmungen gab. Die Feldwahrnehmung ist damit reproduzierbar und verifizierbar.

In einer anderen empirischen Studie über die Wirkung von Familienaufstellungen hat Gert

Höppner für seine Doktorarbeit 86 Teilnehmer von Familienaufstellungsseminaren befragt:

84 Prozent fanden die Reaktionen der Stellvertreter in ihrer Aufstellung »überzeugend«.

Eine Evaluationsstudie zur Eignung der Organisationsaufstellung für die Beratung von

Familienunternehmen kommt zu den gleichen Ergebnissen. Drei Teams – Aufsteller, Familien- und Organisationsforscher – haben unabhängig voneinander fünf Familienunternehmen erforscht. Innerhalb kürzester Zeit gelang es Gunthard Weber als Leiter des Aufstellerteams, Verstrickungen innerhalb der Familien und dem Unternehmen herauszuarbeiten. Um dasselbe Ergebnis zu erreichen, benötigten die Familienforscher um Bruno Hildenbrand (Universität Jena) und die Organisationsforscher um Fritz B. Simon (Universität Witten/Herdecke) zeitaufwendige Interviews mit mehreren Personen.


Stellen Feldwahrnehmungen die »Wahrheit« dar?

Manche Aufsteller arbeiten mit der Gewissheit die Feldwahrnehmungen ließen eindeutige

Rückschlüsse auf das dargestellte System zu. Viele sind sogar überzeugt, es kämen bisher

unbekannte Wahrheiten über das dargestellte System hinaus ans Licht. Dafür spricht ein Phänomenen, das relativ häufig zu beobachten ist: Z. B. berichtet ein Stellvertreter von plötzlichen Taubheitsgefühlen im rechten Ohr und bei der anschließenden Befragung des Ratsuchenden stellt sich heraus, dass der Großvater nach einer schweren Kriegsverletzung auf diesem Ohr taub war. Oft »enthüllen« Reaktionen der Stellvertreter unbekannte Dynamiken wie frühere, nicht gewürdigte Partnerschaften oder inzestuöse Beziehungen, die sich später als korrekt erwiesen. Andere Aufsteller bestreiten dagegen, dass die Aufstellung das reale System »originalgetreu« wiedergibt. Sie vertreten eine konstruktivistische Ansicht: Erkenntnisse, die durch Aufstellungen gewonnen werden können sind nicht die »Wahrheit« oder »objektive« Tatsachen, sondern nur innere Bilder und sich bietende Möglichkeiten des Ratsuchenden. Es geht also um eine »konstruierte « Wahrheit des Ratsuchenden. Drehbuchaufstellungen z. B. können genauso intensiv, lebendig und anrührend ablaufen wie Aufstellungen für »echte« Familien. Das heißt, die Intensität von Gefühlen und Bildern in solchen Aufstellungen sind eigentlich kein Nachweis für die Existenz der betreffenden Personen und der Ereignisse in der Außenwelt. Insbesondere Strukturaufsteller vertreten diese konstruktivistische Sicht. Matthias Varga von Kibéd sagt dazu »eine Aufstellung ist kein Vaterschaftest«. Der Aufsteller Klaus Grochowiak hat sogar mehrere seinen Kunden aufgefordert, eine solche Frage durch einen DNS-Test klären zu lassen. Die Ergebnisse: Einige Male bestätigte sich der Verdacht aus der Aufstellung und einige Male nicht.

Daraus ergibt sich aus seiner Sicht, dass die Aufstellung nicht die Wahrheit über das System

ans Licht bringt. In den Fällen, in denen sich der Verdacht nicht bestätigte, wurde dieser Frage in einer weiteren Aufstellung nachgegangen. Es zeigte sich, dass die Mutter sich gewünscht hätte, dass der Sohn von ihrem Geliebten gewesen wäre, und/oder dass der Vater befürchtete, dass der Sohn von einem anderen hätte sein könnte. Insofern zeigte sich also etwas, was durchaus eine reale Basis hatte – aber in einer verzerrten Form. In jeden Fall sollte man mit Informationen aus der Aufstellung sehr sorgfältig umgehen. Aussagen wie »Du bist nicht mein Vater«, oder »Du hast dies oder das angestellt« müssen in der Aufstellung sofort relativiert werden, indem man sie umformuliert, z. B. in »Ich habe das

Gefühl, als seist du nicht mein Vater«, oder »Ich bin wütend auf dich«.

Viele Aufsteller interessieren sich bei ihrer Arbeit weniger für die Wahrheit, sondern eher für

die »WIRK-lichkeit«, also für das, was wirkt. In der Aufstellung werden die Dinge so angenommen, wie sie sich darstellen – mit allem Ernst, aber dennoch ohne Gewissheit, eine absolute Wahrheit zu erhalten.


Die Positionen der verschiedenen »Aufstellungsschulen«

Für Bert Hellinger kommt in einer Aufstellung eine eigene Welt zum Vorschein, über die sich

der Aufstellungsleiter nicht erheben darf, weil er in ihre Gesetzmäßigkeiten eingebunden ist.

Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer vertreten mit ihren Systemischen Strukturaufstellungen eine konstruktivistische Sichtweise: Eine Strukturaufstellung zeigt nur die Konstruktion eines Problems aus Sicht des Ratsuchenden und nicht die Realität.

Für Franz Ruppert zeigt eine Aufstellung die Repräsentation der psychischen Wirklichkeit des Ratsuchenden – mit seinen psychischen Spaltungen und symbiotischen Verstrickungen und nicht (unbedingt) die Realität.


Keine wissenschaftlichen Erklärungen

Aufstellungsleiter sehen und benennen das Phänomen, ohne es wissenschaftlich erklären

zu können. Sie nehmen es aufgrund vielfacher Erfahrung als Tatsache wahr, auf die man sich

verlassen und mit der man arbeiten kann. Für die Praxis genügt dies.

Im Folgenden werden mehrere Theorien erwähnt, die versuchen, die Kernfrage zu beantworten: »Liefern Aufstellungen ein Abbild der Realität oder sind sie ›nur‹ eine subjektive Betrachtungsweise?«

  • Morphogenetisches Feld: Bert Hellinger und manche Aufsteller verweisen auf die Erkenntnisse von Rupert Sheldrake und seine Theorie der morphogenetischen Felder. Für die Anhänger dieser Theorie ergeben Aufstellungen ein Abbild der Realität. Die Theorie ist aber wissenschaftlich sehr kontrovers und nicht bewiesen. Für viele ist sie auch eine Tautologie, denn sie beschreibt nur ein Phänomen, ohne dieses zu erklären.

  • Reine Raumwahrnehmung: Manche Beobachter meinen, dass man allein aufgrund der räumlichen Anordnung der Aufgestellten Aussagen über unbekannte Personen oder Systemteile treffen kann. Es bedarf keiner mysteriösen Verbindungen zwischen den Stellvertretern und den Mitgliedern des dargestellten Systems. Jeder, der öfter Aufstellungen erlebt hat, weiß, dass die Aussagen der Stellvertreter bei sehr ähnlichen Aufstellungsbilder sehr unterschiedlich sein können und vor allem bei erfahrenen Stellvertretern viel zu genau sein können.

  • Quantenphysik: Es wurde wissenschaftlich bewiesen, dass, wenn zwei korrelierende Elementarteilchen mit entgegengesetzten Spins (Eingendrehimpulsen) auseinanderfliegen, die Veränderung des Spins eines Partikels augenblicklich eine Änderung beim anderen Partikel bewirkt – auch wenn sich dieses Teilchen am anderen Ende der Welt befindet. Das ist der Beweis, dass Quanteninformation nicht auf den Körper ihres Erzeugers beschränkt ist. Die Physik kann allerdings nicht erklären, woher der eine Partikel vom Spin des anderen »weiß«.

Siehe auch »Repräsentierende Wahrnehmung«.

Quellen: 61, 62, 63, 64

22 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Zwangsstörungen