Entwicklung des Familienstellens bzw. des systemischen Aufstellens



Entwicklung und methodische Veränderungen bei Bert Hellinger


Bert Hellinger entwickelte seine Methodik der Familienaufstellung in den 1980er-Jahren. Seit dem Jahr 1993, in dem Gunthard Weber – systemischer Familientherapeut und Mitbegründer des Heidelberger Instituts für systemische Forschung – mit dem Buch »Zweierlei Glück« Bert Hellingers Arbeitsweise vorstellte, verbreitete sich das Angebot zu Familienaufstellungsseminaren recht schnell.

1996 gründete Gunthard Weber die »Internationale Arbeitsgemeinschaft für Systemische

Lösungen nach Bert Hellinger e.V.« mit dem Ziel, die Ausbreitung und Weiterentwicklung

des Hellinger-Ansatzes zu fördern. Diese Zielsetzung wurde inzwischen erreicht. Heute findet

Hellingers Methode des Aufstellens weltweit Beachtung. Nach Schätzungen sind circa 2 300

Aufsteller dieser Methode in Deutschland tätig. Hellinger hat die Methodik des Familienstellens ständig weiterentwickelt. Nach dem »klassischen Familienstellen« führte er 1998 die Bewegung der Seele ein. Während die Aufstellungen früher überwiegend statisch abliefen, das heißt, die aufgestellten Stellvertreter blieben auf ihren Positionen stehen, wurden vom Aufstellungsleiter nach ihrem Empfinden, ihren Wahrnehmungen und

Gefühlen befragt und dann gegebenenfalls an eine andere Stelle geführt, bis für jeden ein Platz gefunden war, an dem er sich wohlfühlte, können die Stellvertreter bei der Bewegung der Seele frei ihren Impulsen folgen und sich bewegen. Auch wurde der Einsatz von Sprache stark reduziert. Bei der Weiterentwicklung der Aufstellungstechnik »nach Hellinger« stellte die Bewegung der Seele nur einen Zwischenschritt dar. Diese Arbeitsmethode hatte nicht die Wirkung, die Bert Hellinger zunächst erwartet hatte, und er verwendet den Begriff und die Technik nicht mehr. Seit circa 2006 gebraucht er ausschließlich den Begriff »Bewegung des Geistes« oder synonym dazu »geistiges Aufstellen« oder »neues Aufstellen«.

Der Unterschied zwischen der Bewegung der Seele und der Bewegung des Geistes ist äußerlich kaum erkennbar. In beiden Methoden fordert der Aufstellungsleiter die Stellvertreter auf, sich gemäß ihren inneren Impulsen zu bewegen. Die Stellvertreter verhalten sich in beiden Fällen wie in Trance, so, als wären sie von einer geistigen Kraft außerhalb ihrer selbst geleitet. In der Bezeichnung »Bewegung der Seele« verweist das

Wort »Seele« auf die Gruppen- oder Familienseele, jene Kraft, die hinter dem kollektiven Ge­wissen wirkt. Diese Kraft führt die Bewegungen der Stellvertreter in ihrem Sinne, also mit dem Ziel einer Wiederherstellung der systemischen Ordnung. Das Wort »Geist« in dem Begriff »Bewegung des Geistes« umschreibt laut Bert Hellinger die Urkraft, die alle Existenz in Bewegung gesetzt hat und noch in Bewegung hält. Jene Urkraft, »die allem zustimmt, wie es ist«. Sie sind beide immer Bewegungen der Liebe.

Bert Hellinger selbst praktiziert eine ganz besondere Form des geistigen Aufstellens, die er

in seinem Buch »Die Liebe des Geistes« als »inneres Familienstellen« oder als »geistiges Familienstellen in einem Satz« bezeichnet. Bei dieser Art der Aufstellungsarbeit wird die ganze Aufstellung ins Innere verlegt. Es wird kein System mehr räumlich mit Stellvertretern aufgestellt, sondern ein Ratsuchender schildert nur noch kurz sein Anliegen. Aufgestellt wird nur noch virtuell – im Geiste.


Die verschiedenen Aufstellungsschulen

Mittlerweile hat sich die Aufstellerwelt in verschiedene »Schulen« aufgespalten, die sich in

sehr unterschiedliche Richtungen weiterentwickeln. Dabei kristallisieren sich verschiedene Li-

nien heraus. Während Fachverbände versuchen, professionelle Standards zu etablieren, rückt

Bert Hellinger mit seinem Verfahren des geis­tigen Familienstellens immer weiter in Richtung

Spiritualität und entfernt sich damit immer mehr vom wissenschaftlichen Ansatz. Die beiden großen Fachverbände systemischer Familientherapeuten haben sich inzwischen von Hellingers Aufstellungsmethode distanziert. So heißt es in der 2004 erschienen »Potsdamer Erklärung« der Systemischen Gesellschaft: »Die Arbeit mit szenischen Darstellungen und Aufstellungen hat in der Familientherapie und der systemischen Therapie eine lange Tradition. Sie wurzelt u. a. in therapeutischen Techniken, wie sie in der Familienskulpturarbeit oder im Psychodrama entwickelt wurden. In der von Bert Hellinger praktizierten Form ist sie breiteren Kreisen als jemals zuvor bekannt geworden. Bedauerlicherweise hat sich Hellinger dabei immer mehr von der originär systemischen Arbeit entfernt. Sein Verdienst bleibt es, dazu beigetragen zu haben, die Aufstellungsarbeit zu verdichten. Vor allem was die mögliche Auflösung von Verstrickungsdynamiken anbetrifft, hat er neue und innovative Vorgehensweisen entwickelt. Heute sehen wir jedoch den Punkt gekommen, an dem nicht nur wesentliche Teile der Praxis von Bert Hellinger – und vieler seiner Anhänger –, sondern auch viele seiner Aussagen und Vorgehensweisen explizit als unvereinbar mit grundlegenden Prämissen systemischer Therapie anzusehen sind, etwa:

  • die Vernachlässigung jeder Form von Auftragsklärung und Anliegenorientierung

  • die Verwendung mystifizierender und selbstimmunisierender Beschreibungen (»etwas Größeres«, »in den Dienst genommen« u. Ä.)

  • die Nutzung uneingeschränkt generalisierter Formulierungen und dogmatischer Deutungen (»immer, wenn«, »schlimme Wirkung«, »mit dem Tode bestraft«, »der einzige Weg«, »das Recht verwirkt« u. Ä.).

  • der Einsatz potenziell demütigender Interventionen und Unterwerfungsrituale

  • die angeblich zwingende Verknüpfung der Interventionen mit bestimmten Formen des Menschen- und Weltbildes (etwa in Bezug auf Genderfragen, Elternschaft, Binationalität u. a.)

  • die Vorstellung, über eine Wahrheit verfügen zu können, an der eine Person mehr teilhaftig ist als eine andere. Dies führt zu der Verwendung verabsolutierender Beschreibungsformen und impliziert, dass keine partnerschaftliche Kooperationsbeziehung angestrebt wird.«

Insgesamt findet zurzeit eine kritische Auseinandersetzung der Aufsteller mit der eigenen Vergangenheit und mit den Denkmodellen von Bert Hellinger statt. Die Weiterentwicklung des Familienstellens oder genauer gesagt, des systemischen Aufstellens, basiert oft nicht mehr auf den Grundprinzipien, die von Hellinger definiert wurden, sondern viele Aufsteller bestreiten diese Prinzipien sogar, oder sie bieten neue Erklärungen und Lösungsansätze an. Das Aufstellen wird als eine Methode betrachtet, die verschiedenen Zielen dienen kann. Als Alternativen zu der Aufstellung »nach Hellinger« sind besonders zu erwähnen:

  • die seit Beginn der 1990er-Jahre entstandenen Systemischen Strukturaufstellungen von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd, deren besondere Kennzeichen u. a. die Verknüpfung mit anderen beraterischen und therapeutischen Methoden, wie z. B. der lösungsfokussierte Kurztherapie sind, sowie die Vielzahl an möglichen Aufstellungsvariationen. Ziel einer Aufstellung dieses Ansatzes ist es, die Ressourcen des Ratsuchenden zu aktivieren, sodass er sich im aufgestellten System dem gewünschten Ziel nähert.

  • die circa 1998 aus der psychotherapeutischen Arbeit mit psychischen Erkrankungen wie De­pressionen, Süchten, Psychosen oder Borderline-Störungen hervorgegangene und auf der Bindungs- und Traumaforschung basierende »Mehrgenerationale Psychotherapie« von Franz Ruppert. Ziel einer Aufstellung dieses Ansatzes ist es, die durch ein Trauma abgespaltenen Persönlichkeitsanteile des Ratsuchenden wieder zu integrieren. Dieser Ansatz sei stellvertretend für die sogenannten »klinischen« Ansätze genannt. Dazu zählen u. a. der Ansatz des Psychiaters Ernst Robert Langlotz, bei dem versucht wird, Erkenntnisse und Theorien aus der klinischen Psychologie bzw. der klassischen Psychotherapie in die Aufstellungsarbeit mit einzubeziehen.

Die Erweiterung zum Aufstellen von Organisa­tionen durch Gunthard Weber und Klaus Gro-

chowiak, die relativ früh stattfand, und weitere Abwandlungen wie die Teamaufstellung und

Systemaufstellungen stellen weitere Entwicklungen der ursprünglichen Methodik dar.


Quellen: 52, 53

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