Eltern-Kind-Bindung



Eltern-Kind-Bindung in Familienaufstellungen nach Hellinger

Viele Aufsteller »nach Hellinger« betrachten die Eltern-Kind-Bindung als die wichtigste über-

haupt und sehen sogar das ultimative Ziel der Aufstellungsarbeit in der Versöhnung mit den eigenen Eltern. Bestimmte Merkmale der Eltern-Kind-Bindung sind dabei von großer Bedeutung:

  • Die Eltern haben dem Kind das Leben und somit alles gegeben, was sie haben: Sie können dem nichts hinzufügen, und sie können auch nichts davon weglassen. Zu den Ordnun­gen der Liebe gehört daher, dass das Kind das Leben so nimmt, wie die Eltern es geben. Das Kind kann davon weder etwas weglassen noch kann es dem etwas hinzufügen.

  • Die Eltern eines Kindes bleiben seine Eltern: Dies ist eine Tatsache, egal was sie getan oder unterlassen haben, wie auch immer sie zueinander gekommen sind und wie die Umstände der Zeugung waren und unabhängig davon, was danach geschehen ist. Diese Tatsache muss vom Kind anerkannt werden.

  • Tatsache ist auch, dass das Kind seine Eltern »ist«: Es entsteht aus dem Spermatozoid des Vaters und einer Eizelle der Mutter, somit ist es biologisch – aber auch systemisch – gesehen, 50 Prozent sein Vater und 50 Prozent seine Mutter. Wenn das Kind ein Elternteil ablehnt oder gar verachtet, lehnt es sich selbst ab. Deswegen sind seine Eltern, so, wie sie sind, genau die richtigen. Wenn es davon nicht überzeugt ist, bedeutet das für das Kind, dass es selbst nicht »richtig« ist.


Kinder müssen ihre Eltern ehren

Nach einem der Kernprinzipien des Familienstellens »nach Hellinger« ist ein Mensch dann

mit sich im Reinen, wenn er mit seinen Eltern im Reinen ist. Wenn ein Kind einen Elternteil

ablehnt, lehnt es 50 Prozent von sich selbst ab und kann somit nicht glücklich werden. Wer

seine Eltern verachtet, lehnt sich selbst ab. Das gilt auch für Kinder, die sich darüber beklagen, dass sie von ihren Eltern zu wenig bekommen hätten, und die meinen, noch Anrecht auf mehr zu haben. Elternschaft ist keine Dienstleistung, von deren Qualität es abhängt, ob das Kind ein zufriedener Kunde ist und bleibt. Eltern schulden ihren Kindern nichts. Sie haben ihnen schon alles gegeben, nämlich das Leben. Wenn Klagen in der genannten Art und Weise aufrechterhalten werden, kann das Kind von den Eltern weder

nehmen noch kann es sich von ihnen trennen.

Wer seine Eltern auf massive Weise verachtet, dem fehlt etwas Entscheidendes. Er fühlt sich

leer. Die Weigerung, von den Eltern zu nehmen bzw. die Eltern anzunehmen, ist – systemisch

gesehen – häufig der Auslöser späterer Depres­sionen. Die einzige Lösung besteht aus Sicht Bert Hellingers darin, dass das Kind seine Eltern so annimmt, wie sie sind, und die Liebe wieder fließen lässt. Dies geschieht durch Anerkennung dessen, was ist. Es gibt keine anderen Eltern als die, die man hat. Und sie sind mit allen ihren Stärken und Schwächen, wie sie sind. Eine »Beurteilung« der Eltern steht dem Kind nicht zu. Ein Kind kann aber seinen Vater als Vater anerkennen, ohne dass es für dessen Handlungen verantwortlich ist und deren Folgen tragen oder den Vater wegen dessen Handlungen ablehnen muss: »Ich achte

und erkenne dich als meinen Vater an.« Es geht um die Anerkennung der Eltern als seine Eltern: »Du bist mein Vater, du bist meine Mutter« – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Eltern anzunehmen, wie sie sind, setzt vor allem Demut voraus. Demut bedeutet nicht Unterwürfigkeit oder Selbsterniedrigung, sondern ist eine innere Haltung, die dem zustimmt, was ist. Es ist die Demut vor der Größe des Lebensgeschenks. Das demütige Ehren der Eltern bedeutet auch die Zustimmung zum Leben und zum Schicksal, wie es die Eltern vorgeben. Negative Folgen hat es, wenn z. B. ein Kind seine Eltern anzeigt oder wegen Forderungen verklagt. Das Kind wird für diese Anmaßung sühnen müssen. So muss auch ein misshandeltes oder missbrauchtes Kind seine Eltern nehmen, wie sie sind, um dann frei und in Frieden seinen eigenen Weg gehen zu können. Hass und Rache haben eine stark bindende Wirkung. Doch erst wenn das Kind seine Eltern annimmt, ist es laut Bert Hellinger frei. Es gibt einen einfachen Test, um zu prüfen, ob man seine Eltern vollständig annimmt. Man sollte sich beide Eltern vorstellen und sich innerlich sagen: »Wie schön, dass ich euch beide bin!« Wenn das nicht mit Überzeugung gelingt, ist die Bindung nicht in Ordnung.


Rangordnung im Familiensystem:

Eltern sind groß, und Kinder sind klein. Systemisch gesehen besteht ein riesiges Gefälle

zwischen Eltern und Kindern. Die Eltern sind demnach immer die »Großen«, die Kinder sind

immer die »Kleinen«. Damit das Familiensystem störungsfrei funktionieren kann, muss diese systemische Ordnung eingehalten werden. Ganz besonders wichtig ist dabei, dass die Eltern El­tern und die Kinder Kinder sind.

  • Triangulierung: Dies heißt zum einen, dass es nicht gut ist, wenn die Kinder für die Eltern Unerledigtes tragen. Das heißt zum anderen: Wenn z. B. zwischen dem Paar Spannungen bestehen und die Tochter vom Vater als »Bundesgenossin« oder der Sohn von der Mutter als emotionale Stütze gebraucht wird, verstößt das gegen die Ordnung (siehe dazu »Triangulierung«). Kinder geraten damit »zwischen die Fronten« und bekommen dadurch eine Wichtigkeit, die ihnen als Kindern in keiner Weise zusteht. Sie blähen sich auf, werden regelrecht anmaßend und verlieren die Achtung vor ihren Eltern. Sie fühlen sich ihnen gleichrangig, wenn nicht sogar überlegen. Damit können sie aber nicht mehr von ihren Eltern nehmen. Kinder, die in Konflikte zwischen den Eltern verwickelt wurden, haben auch in ihrem späteren Leben Probleme, sich gegenüber fremden Konflikten abzugrenzen und sich nicht in Konflikte anderer einzumischen. Aus den in der Familie gemachten Erfahrungen leiten sie ihr Lebenskonzept ab nach dem Motto: »Ich bin da, um Streit zu schlichten, ohne mich geht es nicht.«

  • Parentifizierung: Ein unangemessener Platz des Kindes kann auch das Ergebnis einer Pa­rentifizierung sein. Parentifizierung beschreibt die Rollenumkehr zwischen Eltern und Kind. Dabei erfüllen die Eltern ihre Elternfunktion unzureichend und weisen dem Kind eine nicht kindgerechte, überfordernde »Eltern-Rolle« zu. Solche Eltern können aufgrund einer Eigenproblematik selbst kein sicheres Bindungsobjekt für das Kind sein, weil sie überlastet oder selbst »bedürftig« sind.

  • Partnerersatz: Stellvertreter in einer Aufstellung äußern oft sehr massiv und direkt, dass sie an einem falschen Platz stehen, wenn sie sich in einer Partnerposition vorfinden, z.B. als Stütze und Partnerersatz neben der Mutter. Für diese Störung der Ordnung wird sich das Kind später in irgendeiner Form selbst bestrafen, etwa durch Krankheit, weil es tief in seinem Herzen diese falsche Position als Anmaßung empfindet – auch wenn es sie aus Liebe zu Vater oder Mutter eingenommen hatte.

  • Vorrang des Intimen: Das Kind darf sich auch nicht in Privatangelegenheiten der Eltern einmischen. Alles, was zur Intimbeziehung der Eltern oder zur Schuld der Eltern gehört, geht Kinder nichts an. Kinder dürfen beispielsweise nicht nachforschen, was die Eltern »angestellt« haben. Wenn ein Elternteil einem Kind etwas anvertraut, muss das Kind das vergessen und sich völlig zurückziehen. Bert Hellinger nennt dies »spirituelles Vergessen«.


Geben und Nehmen: Eltern geben und Kinder nehmen

Entsprechend der Rangordnung verläuft in Familien auch ein natürliches Gefälle von Geben

und Nehmen. Wer in der Rangfolge vorne steht, gibt mehr als diejenigen, die hinten stehen. Die Regel des Ausgleichs von Geben und Nehmen im Familiensystem gilt deswegen nicht zwischen Eltern und Kindern. Kinder können Eltern nichts so Gleichwertiges wie das Geschenk des Lebens zurückgeben. Es herrscht ein nicht aufhebbares Gefälle von Nehmen und Geben. Den Eltern gegenüber bleiben die Kinder immer in der Schuld. Der Ausweg besteht darin, dass Kinder das, was sie von Eltern bekommen haben, würdigen und weitergeben, und zwar in erster Linie an die eigenen Kinder oder in einem Engagement für andere.

Zu der systemischen Ordnung von Eltern und Kindern gehört auch, dass die Kinder die er-

haltene Gabe zu schätzen und den Eltern gegenüber zu würdigen wissen. Dieses Ehren des

Gebers kann nur gelingen, wenn es ohne Bedingungen und Vorbehalte geschieht. Das Kind

steht im Einklang mit der Ordnung, wenn es sein Leben als Ganzes annimmt, so wie die Eltern es geben und wenn es den Eltern zustimmt, so wie sie sind. Ein solches Nehmen wird von Hellinger ein »demütiges Nehmen« genannt.


Sorge für die Eltern im Alter:

Es war früher selbstverständlich, dass die alt gewordenen Eltern ihren Platz in der Groß-

familie hatten. Heutzutage jedoch gibt es fast nur noch Klein- oder unvollständige Familien.

Aus Sicht Hellingers sollten die Kinder sich um ihre alten Eltern kümmern. Häufig fällt

diese Aufgabe dem jüngsten Kind zu. Schlimm ist es, wenn die Eltern abgeschoben werden.

Manchmal allerdings verlangen älter gewordene Eltern auch sehr viel von ihren Kindern,

was dann dem neuen Familiensystem des Kindes schaden kann. Die Lösung besteht darin,

den Eltern zu sagen: »Wenn ihr mich braucht, werde ich für euch sorgen, wie es richtig ist.«


Partner sein hat Vorrang vor dem Eltern sein

Die Ordnung verlangt auch, dass die Paarbeziehung Vorrang vor der Beziehung zu den Kindern hat. Die Liebe der Eltern zueinander ist der gemeinsame Nährboden für die Liebe zu ihren Kindern. Geht die Liebe zu den Kindern den Weg über den Partner, ist die Familie intakt und die Ordnung stimmt. Das Zauberwort der Eltern, das Kinder glücklich macht ist »Ja!« Dieses »Ja!« der Eltern zueinander gibt dem Kind das Gefühl, dass sie auch zu ihm »Ja!« sagen. Wer das Kind an die erste Stelle vor den Partner setzt, schadet seinem Partner und dem Kind. Wenn die Liebesenergie hauptsächlich zu den Kindern fließt und die Paarbeziehung in den Hintergrund rückt, hat dies immer weitreichende Folgen, denn die Eltern suchen bei ihren Kindern das, was sie beim Partner nicht mehr finden: Das Kind wird zum Partnerersatz.

Diese Rangfolge ändert sich allerdings nach einer Trennung, wenn ein neuer Partner kommt.

Die Liebe zum eigenen Kind hat dann Vorrang vor der Liebe zum neuen Partner.

Wenn die Hinbewegung des Kindes zu den Eltern unterbrochen wurde. Am Anfang des Lebens steht das überlebensnotwendige Bedürfnis des Babys nach Bindung an die Eltern, hauptsächlich an die Mutter. Wird der Aufbau der Bindung zwischen Mutter und Kind im ersten Lebensjahr durch eine frühe Trennung gestört und wird das Kind für eine Zeit lang anderen Bezugspersonen überlassen, entsteht eine unterbrochene Hinbewegung. Unterbrochen wird die Hinbewegung z. B. aber auch, wenn das Kind Abweisung, Verletzung,

fehlende Fürsorge und Zärtlichkeit oder Gewalt durch die Eltern erlebt.

Dieses Kind wird später als Erwachsener noch unbewusst diese Gefühle der Trennung in sich

tragen. Im tiefen Innern sehnen sich das Kind, der Jugendliche, der erwachsene Mensch auch weiterhin nach Mutter und Vater, nach ihrer Anerkennung und Liebe. Diese Sehnsucht wird umgewandelt in Angst, Trauer, Schmerz, Wut und Frustration.

Die Lösung liegt darin, die unterbrochene Liebe an ihr wahres Ziel zu Mutter und/oder Vater zu bringen. Das kann in einer Familienaufstellung geschehen, in deren Verlauf dem Drang hin zu den Eltern schließlich nachgegeben wird.


Kinder sind ihren Eltern treu

Kinder lieben ihre Eltern mit bedingungsloser Liebe und sind ihnen deswegen treu. Ihr ganzes Leben bleiben sie Eltern und ihrer Familie tief verbunden – unabhängig von aktuellen Kontakten und bestehenden Gefühlen. Diese unbewusste Liebe und die daraus resultierende Treue sind archaisch. Aus reiner Treue wiederholen Kinder ähnliche Schicksale und ähnliches Unglück. Sie gehen sogar so weit, ihr Leben für ihre Eltern hinzugeben, was sehr deutlich in den Dynamiken »Lieber ich als du« oder »Ich folge dir nach« zu erkennen ist. Diese Dynamiken basieren auf dem magischen Glauben, es sei möglich, einem anderen Menschen sein Schicksal abzunehmen oder mit ihm zu teilen. Eltern jedoch wollen das Beste

für ihre Kinder. Sie wünschen sich nichts weniger als ein Kind, das ihnen ins Unglück nachfolgt oder Schlimmes für sie übernimmt und weiterträgt.


Lösende Sätze

Bert Hellinger hat die drei wichtigsten Worte für ein Kind definiert: »Ja!«, »Bitte!«, »Danke!«

  • »Ja, ich stimme zu, dass ihr meine Eltern seid und ich euer Kind bin.«

  • »Bitte stimmt auch ihr zu, dass ich euer Kind bin.«

  • »Danke, ich nehme das Leben so wie ich es bekommen habe in Dankbarkeit an.«

Viele Aufsteller benutzen allerdings andere Kombinationen dieser drei Wörter, z. B. wenn

das Kind seine Eltern nicht annehmen kann:

  • »Du wurdest mir geschenkt, genau so, wie du bist. So nehme ich dich, wie du bist, in mein Herz auf, und ich nehme alles an, was du mir über so viele Jahre geschenkt hast. Danke.«

  • »So, wie du bist, bist du der Richtige für mich – für mich bestimmt. So nehme ich dich und nehme all das, was du mir geschenkt hast, zum vollen Preis, den es dich gekostet hat und den es mich kostet.«

  • »Ich gebe dir die Ehre.«

  • »Du bist der Große, ich bin der Kleine.«

  • »Bitte, schaue freundlich auf mich, wenn ich eine gute Beziehung habe.«

  • Die Mutter zum Kind: »Was es zwischen deinem Vater und mir gibt, geht dich nichts an.«


Lösungsbild und Entlassungsritual

Aufstellen der Familie: In der Regel stehen die Eltern am Anfang eines offenen Kreises. Dann

stehen ihnen die Kinder in der Reihenfolge ihrer Geburt gegenüber, wobei immer das älteste rechts steht und das jüngste links. In spontan aufgestellten Anordnungen steht in der Regel der berufstätige Teil der Familie am Beginn des offenen Kreises – häufig der Vater. Ein Grund für diese Konstellation ist, dass die Kinder eine bessere Bindung zur Mutter haben und sich neben ihr besser fühlen. Es gibt aber Aufstellungsbilder, in denen die Frau am Anfang des offenen Kreises steht, z. B. wenn das System stark belastet ist, weil eine wichtige Person, etwa der Vater, ausgeklammert wurde, oder auch weil jemand aus der Familie ein schweres Schicksal hatte. In diesen Fall spüren die Kinder neben dem Vater größere Sicherheit.

Wenn das Kind seine Eltern verachtet, muss es sich als Ausdruck für Achtung und Demut tief

vor ihnen verneigen. Wenn die Liebe nur »ins Stocken geraten« ist, weil das Kind beispielsweise mit einem anderem Systemmitglied verstrickt ist, reicht in der Regel eine Umarmung, um die Liebe wieder fließen zu lassen. Dabei ist es von großer Wichtigkeit, dass das Kind zu den Eltern geht und nicht umgekehrt. Bei der Umarmung ist es auch wichtig, dass das Kind die Arme unten und der Elternteil die Arme oben hat, sodass kein Zweifel darüber entsteht, wer der »Große« und wer der »Kleine« ist.


Kritische Stimmen

Die beschriebenen Prinzipien der Eltern-Kind-Beziehung werden oft als patriarchalische An-

sichten betrachtet. Hellinger sagt dazu, dass er zu seinen Aussagen über die Ordnungen in Familiensystemen durch die Erfahrungen aus unzähligen Familienaufstellungen und durch die Rückmeldungen der Stellvertreter gekommen ist.

Vor allem die Ehrung eines Elternteils, der etwas besonderes Schlimmes getan hat – z. B.

Kriegsverbrechen begangen oder ein Kind missbraucht –, stößt auf viel Kritik. Bert Hellinger sagt dazu: »Vaterschaft und Mutterschaft ist etwas jenseits allen anderen Tuns. Es ist ein Grundvollzug. Vater wird jemand, indem er das Kind erzeugt. Das ist seine Würde. Und Mutter wird eine Frau, wenn sie ein Kind empfängt und gebärt. Das ist ihre Würde. Es braucht nichts anderes dazu. Deswegen wird die Achtung, die dem Vater entgegengebracht wird, ihm als Vater entgegengebracht, nicht als das, was er sonst noch ist. Das andere spielt dabei gar keine Rolle.«

Eltern-Kind-Bindung in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Für Franz Ruppert ist die Eltern-Kind-Bindung – und vor allem die Mutter-Kind-Bindung – in

den ersten Lebensjahren eines Menschen die stärkste existierende Bindung. Sie prägt den

Menschen am intensivsten. Eine sichere Elternbindung ist die beste Grundlage, später zum eigenen Kind eine sichere Bindung aufzubauen. Alle Formen der unsicheren Bindung zu den

Eltern beeinflussen auch die Bindung zu den eigenen Kindern.


Die verschiedenen Arten von Eltern-Kind-Bindungen

Mutterbindung: Diese Urform der Bindung beginnt mit dem fortwährenden affektiven Aus-

tausch zwischen Mutter und Kind während der Schwangerschaft, unabhängig davon, ob das

Kind später abgetrieben wird, im Mutterleib verstirbt oder zur Adoption freigegeben wird.

Die Art der Bindung zur Mutter prägt die Psyche des Kindes und bestimmt alle Bindungs- und Beziehungsmuster in seinem späteren Leben.


Mutter-Tochter-Bindung: Nur ganz wenige Bindungen sind stärker als die zwischen Mutter und Tochter, weil Töchter in der Lage sind, sich ganz tief und empathisch in ihre Mütter einzufühlen.


Mutter-Sohn-Bindung: Söhnen muss es gelingen, vom Kind zum Mann zu werden ohne Ballast aus dieser starken Bindung mitzunehmen. Wenn die Mutter alleinerziehend ist und kein männliches Vorbild für den Jungen vorhanden ist, gestaltet sich diese Aufgabe sehr schwierig.


Vaterbindung: Vater und Mutter prägen ihre Kinder zu gleichen Teilen, wobei dem Vater normalerweise die Funktion des Rückhalts der Familie zufällt. Wenn kein Vater vorhanden ist, nimmt das Kind den Vater über die psychischen Strukturen der Mutter wahr. Je nachdem wie ihre emotionale Bindung an den Vater ist und wie die Gefühle sind, die sie für ihn empfindet, können dies Empfindungen sein wie z. B.:

  • das mit ihm während der Zeugung empfundenen Glück ,

  • der Trauer um ihn, wenn er früh gestorben ist,

  • ihre Enttäuschung, wenn der Mann sie verlassen hat,

  • ihre Panik, ihrer Wut und ihre Ohnmacht, wenn der Vater brutal und gewalttätig war.

Ebenso spürt ein Kind genau, wenn im Zusammenhang mit der Schwangerschaft Unklarheiten bestehen, wenn z. B. ein anderer Mann der biologische Vater ist. Das Kind hat in jedem Fall das Recht zu wissen, wer sein tatsächlicher Vater ist.


Vater-Tochter-Bindung: Wenn die Beziehung zwischen Vater und Tochter gesund und stabil ist, wird es der Tochter später leichter fallen, eine gesunde und funktionierende Partnerschaft mit einem Mann einzugehen. Eine ungesunde Vater-Tochter-Beziehung zieht oft eine spätere unglückliche Partnerbeziehung nach sich, und häufig geraten beispielsweise Töchter von suchtkranken Vätern später an Männer mit den gleichen Problemen. In solchen Beziehungen versuchen dann die Töchter gemeinsam mit dem Partner, das zu erreichen, was dem Vater nicht gelungen ist – die Abkehr von der Sucht.


Vater-Sohn-Bindung: Vom Vater kann der Sohn im besten Fall lernen, später zuverlässig, vertraut, männlich und ein Vorbild auch im Verhalten Frauen gegenüber zu sein.


Eltern-Kind-Bindung und Symbiosetrauma

Im ersten Stadium seines Lebens trifft das Baby keine Unterscheidung zwischen sich selbst und seiner Mutter. Erst mit zunehmendem Alter macht es durch seine Eltern erste Erfahrungen mit Gefühlen wie Sicherheit und Vertrauen. Dann beginnt es, auch ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Die Bindung zu den Eltern kann sowohl positiv als auch negativ sein. Wenn die Eltern ihrerseits in ihrer frühen Jugend keine liebevolle Zuwendung von ihren Eltern erfuhren oder Traumata erlebten, so werden sie wiederum auch Schwierigkeiten mit ihren eigenen Kindern haben, und es kommt zu einer Bin­dungsstörung. Die Eltern sind nicht in der Lage, sich ihren eigenen traumatisierten Anteilen zu stellen, und das Kind erleidet ein sogenanntes Symbiosetrauma. Dabei kann es nicht mehr differenzieren, ob es seine eigenen oder die übernommenen Gefühle spürt. Die betroffenen Kinder können keine eigene Identität aufbauen und sind zutiefst frustriert in einer das ganze Leben andauernden Verstrickung mit eben den Personen, von denen sie sich naturgemäß Unterstützung, Sicherheit und Halt versprechen dürfen.


Lösungsansatz

Im Unterschied zu Bert Hellinger, der in diesem Fall als Lösung rät, die Eltern zu ehren und sie anzunehmen, ist Franz Ruppert der Ansicht, dass die Betroffenen vielmehr Distanz zwischen sich und die Eltern bringen sollten. Es ist wichtig, dass die Kinder erkennen, dass die Eltern zu stark mit ihren eigenen Traumata beschäftigt waren, um sich ausreichend um sie kümmern zu können. Jedoch zeigen nicht wenige Ratsuchende sehr viel Verständnis und bringen entschuldigende Argumente für die Versäumnisse der Eltern oder deren negatives, vielleicht sogar stark schädigendes Verhalten vor. Kinder – auch wenn sie längst erwachsen sind – behalten, wenn sie nicht gezielt an dieser Thematik arbeiten, einen Persönlichkeitsanteil, der den Eltern loyal ist – egal was sie tun. Dies kann mit der menschlichen Urangst vor Verlassenheit und Nichtgeliebtwerden begründet werden. Vor diesem Hintergrund kann nach Ruppert eine Heilung u. a. dadurch geschehen, zu erkennen,

dass es die gewünschte gesunde Form der Liebe von den Eltern nicht gibt und nie geben wird, gleichgültig wie sehr man sich »verbiegt«. Wird die Traumatisierung eines Elternteils und das daraus resultierende Symbiosetrauma weder vom Aufsteller noch vom Ratsuchenden ernst genommen, bleibt der Ratsuchende in seiner Illusion gefangen, die Eltern könnten ihm Sicherheit und Halt geben. Wird dann in einer Aufstellung versucht, z. B. den Ratsuchenden und seinen gewalttätigen Vater zu versöhnen, könnte dies die Abspaltung der eigenen Selbstanteile noch weiter vergrößern und schwerwiegende psychische Krisen mit möglicherweise katastrophalem Ausgang (z. B. Suizid) verursachen.


Siehe weiterführend auch:

  • Abtreibung

  • AdoptionBindung

  • Frühere Partner

  • Kindesmissbrauch

  • Parentifizierung

  • Trennung

  • Triangulierung

  • Unterbrochene Hinbewegung

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