Einrollen und Entrollen der Stellvertreter




Einrollen

In der Regel fragt der Ratsuchende Seminarteilnehmer, ob sie bereit sind, für ihn als Stell­vertreter zu dienen. Jeder ist frei, diese Rolle zu akzeptieren. Manche Personen mögen es z. B. nicht, sehr belastete Rollen zu übernehmen. Rollen werden in dem Moment eingenommen, in dem die ausgewählte Person zustimmt. Der Ratsuchende berührt dann die Schulter des Stellvertreters und führt ihn an einen passenden Platz. In den ersten Jahren des Familienstellens waren die Aufsteller der festen Überzeugung, dass der Ratsuchende selbst auswählen und einrollen sollte. Dahinter liegt folgende Vorstellung: Der Stellvertreter sollte mit der Energie des Ratsuchenden »imprägniert werden«. Seit etwa dem Jahr 2001 wählen und rollen die Aufstellungsleiter »nach Hellinger« die Stellvertreter zunehmend selbst ein, ohne spürbaren »Qualitätsverlust« der Feldwahrnehmung. Diese Vorgehensweise wird von Strukturaufstellern strikt abgelehnt. Bei diesen ist es immer der Ratsuchende, der die Repräsentanten wählt und aufstellt. Manchmal dauert es eine Weile, bis ein Stellvertreter in seiner Rolle ankommt. Nur weil eventuell nichts gespürt wird, bedeutet dies nicht, dass der Stellvertreter seine Rolle nicht eingenommen hat. Üblicherweise passt dann das Zurückhalten von Gefühlen zu dieser Rolle.


Bei Strukturaufstellungen begleitet der Aufstel­lungsleiter (»Begleiter« oder »Gastgeber« ge-

nannt) den Prozess der Rollenvergabe mit einer hypnotherapeutischen Anleitung, die den Sinn hat, den Klienten auf andere Ebenen der Wahrnehmungsfähigkeit zu führen. Typische Sätze sind: »Du achtest auf deine Hände, deine Füße und deinen Atem, machst einen kleinen ersten Schritt nach vorne und folgst nun der Bewegung, in der du dich schon befindest.«


Entrollen

Zu jeder Rollenübernahme gehört es, nach dem Ende der Familienaufstellung, wieder aus seiner Rolle herauszuschlüpfen und in seine eigene »Lebensrolle« zurückzukehren. Im Normalfall bedankt sich der Aufstellungsleiter am Ende der Aufstellung bei den Stellvertretern und entlässt sie aus ihren Rollen mit den Worten: »Bitte entrollt euch jetzt und kehrt zu euch selbst zurück.« In der Regel ist es auch ausreichend, wenn ein Stellvertreter am Ende der Aufstellung die Arme kurz ausschüttelt, um aus seiner »Rolle« herauszukommen. Es gibt aber dafür viele verschiedene Methoden:

  • sich im Raum bewegen und dabei leise oder laut seinen eigenen Namen sprechen,

  • kräftig mit den Füßen aufstampfen,

  • sich selbst an Armen und Beinen abklopfen,

  • sich das Gesicht reiben,

  • die Hände und vielleicht auch das Gesicht mit kaltem Wasser waschen,

  • wenn das Entrollen schwerfällt, an die frische Luft gehen.

Die Stellvertreter brauchen oft eine »Schonzeit«, während der man sie mit der gemachten

Erfahrung allein lassen sollte. Manchmal allerdings, insbesondere bei sehr anstrengenden

Rollen, hat der Stellvertreter Schwierigkeiten, aus seiner Rolle zu gehen. Er braucht dann

Zeit und Unterstützung, um sich wieder zu entrollen. Eine sehr wirksame Methode besteht

darin, dass der Ratsuchende den Stellvertreter persönlich entrollt, indem er sagt: »Ich befreie

dich von deiner Rolle. Du bist wieder du selbst.« Strukturaufsteller wenden dafür manchmal ein Rückgaberitual an: Der Repräsentant gibt seine Rolle – symbolisiert durch einen Gegenstand – an das System zurück. Strukturaufsteller entrollen auch Gegenstände wie Stühle oder Kissen, die in der Aufstellung eine Rolle gespielt haben.

Es könnte aus ihrer Sicht sonst passieren, dass die dem Gegenstand zugewiesenen Bedeutungen auch nach der Aufstellung erhalten bleiben. Zu Gegenständen kann dann z. B. scherzhaft gesagt werden: »Du bist jetzt wieder eine ganz gewöhnliche Pflanze.«

Die Notwendigkeit des Entrollens wird manchmal infrage gestellt. Bert Hellinger sagte dazu:

»Ich habe das Gefühl, dass man dadurch den Repräsentanten etwas nimmt, wenn man sie

entrollt.«


Entrollen und Einrollen während einer Aufstellung

Es ist immer möglich, einen Stellvertreter auszutauschen, z. B. wenn sich die Person in der

Rolle unwohl fühlt oder weil sie ihre eigenen Probleme in die Aufstellung einbringt. Dies hat

kaum Konsequenzen für die Aufstellungsarbeit. Der neue Stellvertreter fühlt sich in der Regel

sehr schnell in seine Rolle ein und macht an der Stelle weiter, wo der erste aufgehört hat.

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