Bindung



Allgemein


Sichere und Halt gebende emotionale Bindungen aufzubauen, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Es sind vor allem die Bindungen, die einen Menschen für sein Leben prägen und die dafür sorgen, dass man selbstsicher oder ängstlich ist, innere Kraft oder Verwirrtheit verspürt.


Bindungen sind nicht mit Beziehungen zu verwechseln: Es gibt Beziehungen ohne Bindungen und Bindungen ohne Beziehungen, z. B. wenn ein Kind sich mit seinem verstorbenen Vater verbunden fühlt.

Bindungen in Familienaufstellungen nach Hellinger

Bindungen entstehen aus klassischer Familienstellen-Sicht immer durch ein sehr bedeutendes Ereignis, wie z. B.:

  • die Geburt für die Eltern­Kind­ oder für die Geschwisterbindung,

  • der sexuelle Akt für die Paarbindung,

  • ein Gewaltakt für die Täter­Opfer­Bindung.

Wird ein Kind in eine Familie hineingeboren, so ist es mit allen Menschen, die zu dieser Familie gehören, verbunden. Die Familie ist die Gruppe, die für sein Überleben wichtig ist. Ein neugeborenes Kind erlebt diese Bindung als Liebe, unabhängig davon, wie es sich in der Gruppe entfaltet. Diese Liebe ist die Urliebe oder primäre Liebe, und das Kind tut alles, um zu dieser Gruppe gehören zu dürfen – manchmal sogar sterben. Aufstellungen zeigen, dass die Bindung an diese Gruppe und das Bedürfnis, ihr anzugehören, über das Leben hinaus reicht, und es bezieht sogar diejenigen mit ein, die schon lange verstorben sind. Die Bindung entsteht durch Zugehörigkeit zu einem System. Die Grundbindung besteht dabei immer zu der Herkunftsfa­milie, erst später kommt die Bindung zur Gegen­wartsfamilie hinzu.


Stärke der Bindung

Die Bindung ist umso stärker, je näher die Verwandtschaft und/oder je schwerer das Schicksal ist, das ein Familienmitglied zu tragen hat oder hatte. Wenn z. B. ein Geschwister behindert oder als Kind gestorben ist, ist die Bindung zu diesem Geschwister meist stärker als zu den anderen, ebenso wenn z. B. ein Onkel im Krieg gefallen ist. Alle Mitglieder einer Familie, die ein besonderes Schicksal hatten, haben in der Seele der anderen einen besonderen Platz und ebenso alle Mitglieder, die ausgeschlossen wurden, weil sie, ihr Schicksal oder ihre Taten nicht angeschaut werden konnten oder wollten.


Die Tiefe einer partnerschaftlichen Bindung nimmt im Allgemeinen von Beziehung zu

Beziehung ab, das heißt die zweite Bindung bindet weniger als die erste. Der Begriff »Bin-

dung« darf allerdings nicht gleichgesetzt werden mit dem Begriff »Liebe«. Es kann sein,

dass in einer zweiten Beziehung die Liebe größer ist, die Bindung jedoch geringer. Die Tiefe

einer Bindung ist daran ablesbar, wie groß die Schuld ist, die jemand empfindet, der sich aus

der Beziehung löst. Wenn jemand sich aus einer zweiten Bindung löst, so empfindet er seine

Schuld geringer als bei der ersten.


Konsequenzen im System

Bindung bewirkt – durch das kollektive Gewis­sen – dass die späteren und schwächeren Fami-

lienmitglieder die früheren und stärkeren Familienmitglieder festhalten wollen, damit diese

nicht gehen. Wenn diese schon gestorben sind, entsteht manchmal der Wunsch, diesen nachfolgen zu wollen. Bindung bewirkt ferner, dass jene, die einen Vorteil haben, denen ähnlich werden wollen, die im Nachteil sind. So wollen z. B. die gesunden Kinder ihren kranken Eltern ähnlich werden und unschuldige nachgeborene Familienmitglieder den schuldig gewordenen Eltern und Ahnen. Die Gesunden fühlen sich für die Kranken verantwortlich, die Unschuldigen für die Schuldigen und die Glücklichen für die Unglücklichen.


Verschiedene Arten von Bindungsstörungen

Bert Hellinger unterscheidet zwischen zwei Formen der Bindungsstörung: der unterbrochenen Hinbewegung, z. B. wenn die Bindung zur Mutter unterbrochen wurde, und der Verstrickung, z. B. wenn ein Nachgeborener fremde Zuständigkeiten übernimmt, ein ausgeklammertes oder ausgeschlossenes Systemmitglied vertritt, verdrängte Schuld sühnt oder zum Rächer für die Opfer eines Vorfahren wird.

Bindungen in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Bindungen und Bindungsstörungen sind eine wichtige Basis der Theorie der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie. Die Wurzeln für viele psychische Probleme liegen aus Sicht Franz Rupperts in erster Linie in Bindungsstörungen – verursacht durch traumatische Erfahrungen der Eltern und insbesondere der Mutter.


Das Verständnis von Bindung in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie

Franz Rupperts Verständnis von Bindung basiert auf der psychologischen Forschung. Bin-

dung ist demnach ein sich vom Zeitpunkt derZeugung an aufbauender Prozess zwischen zwei Menschen, in erster Linie zwischen Mutter und Kind. Bindungen sind ein Grundbedürfnis des Menschen: Es wurde z. B. nachgewiesen, dass Neugeborene ohne ausreichenden Kontakt zu einer Bezugsperson trotz ausreichender Versorgung mit Nahrungsmitteln und Körperpflege verkümmern und sogar sterben. Die Existenz und Qualität des menschlichen Bindungssystems und die emotionalen Folgen von Bindungsver-

lusten hat bereits der britische Kinderpsychiater John Bowlby (1907–1960) umfassend erforscht und beschrieben. Während beispielsweise sicher gebundene Kinder offen auf ihre Umwelt zugehen und sie erkunden, sind unsicher gebundene Kinder ängstlich. Eine unsichere Bindung zur Mutter führt eher dazu, dass sich das Kind nur schwer aus dieser primären Beziehung lösen und neue und »reifere« Beziehungen eingehen kann. Es ist für diesen Menschen schwierig, eine Autonomie zu entwickeln.

Für Franz Ruppert sind Bindungen im Erwachsenenalter ein Vorgang, durch den zwei oder

mehr Menschen durch mächtigste Gefühle – vor allem durch Liebe und Angst – voneinander abhängig werden und in der Folge emotional aufeinander reagieren. Was der eine Mensch fühlt, wird auch für den anderen bedeutsam. Der emotionale Prozess der Bindung beeinflusst in hohem Maße die körperlichen Vorgänge, gedanklichen Abläufe und auch Erinnerungen der beteiligten Personen. Bindungsverhalten ist somit ein Verhalten, das die Abhängigkeit zwischen zwei oder mehr Menschen fördert und aufrechterhält. Bindungen sind sehr emotional und können daher nur unter hohem emotionalem Aufwand verändert oder gelöst werden. Als Folgen einer Auflösung von Bindungen entstehen Angst, Wut, Schmerz, Trauer und Verzweiflung. Solange es geht, versuchen Menschen, ihre einmal zustande gekommenen Bindungen aufrechtzuerhalten, auch wenn der Verstand es

längst anders möchte. Bindungen gehen über den Tod hinaus. Ein Mann kann an seine früh

verstorbene kleine Schwester noch immer stärker gebunden sein als an seine Partnerin.


Die verschiedenen Bindungen

Franz Ruppert unterscheidet zwischen verschiedenen Arten von Bindungen, die für die therapeutische Arbeit relevant sind:

  • Eltern-Kind-Bindung: Die engste natürliche Bindung hat das Kind zu seinen Eltern. Unabhängig vom Verhalten der Eltern wird das Kind sie immer lieben, auch wenn später möglicherweise andere Empfindungen wie Wut oder Trauer dieses Gefühl überlagern. Aus diesem Grund ist ein Kind immer beiden Elternteilen gegenüber loyal und treu. Insbesondere die Mutterbindung stellt die Urform der Bindung dar. Was in dieser ersten und wichtigsten Bindung geschieht, prägt jeden Menschen für sein weiteres Leben.

  • Geschwisterbindung: Das System von Beziehungen in einer Familie ändert sich durch jedes neu dazukommende Kind. Kinder müssen sich dieser Beziehungsdynamik anpassen und entwickeln daraus ihre Überlebensstrategien. Daher haben Geschwister zueinander ein besonderes emotionales Verhältnis. Bindung zu verstorbenen Geschwistern: Wenn ein Elternteil an ein Kind gebunden ist, das früh verstorben ist, so ist auch das nächstgeborene Kind an dieses schon verstorbene Geschwister unbewusst emotional gebunden.

  • Vorgeburtliche Bindung: Man geht heutzutage davon aus, dass Bindung ein psychischer Prozess ist, der sich bereits vor der Geburt zwischen Mutter und Kind entwickelt. Das Kind reagiert auf Bewegungen, Berührungen, Stimmen, Herztöne usw. Bei Zwillingen oder Mehrlingen gibt es Anzeichen dafür, dass die Kinder bereits vor der Geburt eine Bindung zueinander entwickeln (siehe dazu »(Verlorener) Zwilling«).

  • Partnerbindung: Die Qualität der partnerschaftlichen Beziehung ist in sehr hohem Maße von der Qualität der Mutter- und Vaterbindung abhängig. Problem- und konflikt-geladene Bindungen im Herkunftssystem sind oft die Hauptursache für partnerschaftliche Konflikte.

  • Täter-Opfer-Bindung: Bindungen werden vor allem durch starke Gefühle, wie z. B. Liebe und Hass, aber auch Macht und Ohnmacht erhalten. Die verstrickte Bindung zwischen Täter und Opfer gehört damit zu den stärksten Bindungen überhaupt.

Laut Ruppert lebt jeder Mensch in einem Geflecht von Bindungsbeziehungen, das mindes-

tens vier Generationen umfasst. Allerdings können sich Bindungen nicht nur im Familien­

system entwickeln, sondern auch zu Freunden, Popstars, Tieren oder sogar zu Gegenständen wie Puppen oder Plüschtieren (oft als Ersatz für die fehlende Bindung an einen Menschen). Bindungen richten sich auch auf soziale Systeme wie die Familie, die Schule, das Unternehmen und das Heimatland. Das Bindungssystem eines Menschen ist in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie wesentlich weiter gefasst als im Aufstellen »nach Hellinger«.


Trauma und Bindungsfähigkeit

Das Bindungsbedürfnis eines Kindes steht in einem wechselseitigen Verhältnis zur Bindungs-

fähigkeit der Eltern. In der Bindungsforschung wird die Fähigkeit von Eltern und insbesondere von Müttern, eine sichere Bindung zum Kind zu entwickeln, als »Feinfühligkeit« bezeichnet. Traumatische Erfahrungen beeinträchtigen allerdings die Bindungsfähigkeit von Menschen erheblich: Mütter oder Väter können sich ihrem Kind emotional nicht öffnen, wenn sie z. B. den Kontakt mit ihren eigenen traumatisierten Antei­len (siehe »(Spaltung in) Persönlichkeitsanteile«) fürchten müssen. Das Kind ist dabei hilflos und ohnmächtig und kann keinen stabilen, sicheren, Halt gebenden emotionalen Kontakt zu seiner traumatisierten Mutter aufbauen. Ohne sichere und Halt gebende Bindungen fühlt sich ein

Mensch in seiner Existenz bedroht und vollkommen hilflos. Gefühle der Angst, Wut und Ver-

zweiflung tauchen auf.33 Wenn die Bindungen der Gegenwartsfamilie konfliktgeladen sind, wird es deswegen für diese Menschen problematisch. Traumatisierungen können über drei oder vier Generationen wirksam bleiben und Bindungsbeziehungen nachhaltig zerstören.


Konsequenzen von Bindungsstörungen

  • Aus Bindungstraumata resultieren oft die härtesten Suchtformen. »Ich werde nicht geliebt, und ich kann auch von niemandem geliebt werden«, lautet oft die kindliche Botschaft hinter einer schweren Drogenabhängigkeit.

  • Bindungstraumatisierte Mütter nehmen nicht wahr, was ihre Söhne und Töchter fühlen und empfinden, weil sie sich selbst nicht richtig spüren können. Die Kinder spüren intuitiv, dass die Mutter Angst hat oder unendlich traurig ist.

  • Frauen, die ein Bindungstrauma haben, suchen sich entweder häufig Männer, die sie auf Abstand halten können oder sie wenden sich brutalen und rücksichtslosen Männern zu, die sie sich als »Beschützer« wünschen. So können sich Bindungstraumata über Generationen hinaus verheerend auswirken.

  • Oft wird der psychische Schmerz in den Körper »weggedrückt«: Verspannungen, Verkrampfungen und schließlich chronische Erkrankungen können die Folge davon sein.

18 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Zwangsstörungen