Ausgleich von Geben und Nehmen



Ausgleich von Geben und Nehmen in Familienaufstellungen nach Hellinger

Der Ausgleich von Geben und Nehmen ist eine der Grunddynamiken in einem System (siehe

»Ordnungen der Liebe« und »Ordnungen der Macht«) und ein Grundelement menschlicher

Beziehungen. Wir machen uns gegenseitig Geschenke, erweisen uns Gefälligkeiten und

geben uns Zeichen unserer gegenseitigen Sympathie und Zuneigung. In diesem ständigen

Prozess des Gebens und Nehmens entwickeln und festigen sich Beziehungen. Das Bedürfnis

nach Ausgleich existiert im Guten wie auch im Schlechten: Wenn eine Person etwas bekommen hat, fühlt sie sich dem Geber gegenüber in der Schuld. Wenn uns (oder einem Familienmitglied) etwas angetan wurde, fühlen wir uns im Recht (oder gar in der Pflicht – wie beispielsweise in Systemen, in denen das Gesetz der Blutrache gilt), dem Täter ebenfalls Schaden zuzufügen. Dies hängt mit der Bindung zusammen: Der gegenseitige Austausch, wie er im Geben und Nehmen funktioniert, erzeugt eine Verpflichtung zum Ausgleich. Dahinter steht das Bedürfnis nach einer gleichberechtigten Begegnung auf Augenhöhe, denn wer von einem anderen Menschen etwas annimmt, verliert mit diesem Annehmen ein Stück seiner Unabhängigkeit. Wenn der Austausch (das Gegebene oder das Genommene) so groß ist, dass er nicht mehr ausgeglichen werden kann, entsteht eine lebenslange Bindung. Dies ist beispielsweise immer dann der Fall, wenn ein Leben gegeben oder genommen wurde. Umgekehrt empfindet jeder einen vollzogenen Ausgleich als Befrei-

ung: Wenn wir etwas Gleichwertiges zurückgegeben, sind wir »quitt« und fühlen uns frei. Aus

diesem Grund entsteht keine Bindung, wenn man für etwas, was man bekommt, auch bezahlt. Geld ermöglicht also den freiesten Austausch. Wenn wir jedoch eine tiefere Beziehung mit Bindungscharakter anstreben, so sollten wir besonders darauf verzichten, alles ganz genau begleichen zu wollen. Gibt man ein bisschen mehr zurück als man bekommt, entsteht ein neues Ungleichgewicht, das wiederum nach Ausgleich drängt und so die Beziehung erhält.


Dynamiken des Gebens und Nehmens

  • Bei Positivem etwas mehr, bei Negativem ein bisschen weniger: Wenn mir jemand etwas antut und ich tue ihm genauso viel an, ist die Beziehung gescheitert und zu Ende. Damit Beziehungen fortbestehen können, gilt der einfache Grundsatz: Bei Positivem gibt man zur Vorsicht ein bisschen mehr zurück, bei Negativem gibt man zur Vorsicht ein bisschen weniger zurück. Bert Hellinger fasst es folgendermaßen zusammen: »Wer sich zu gut ist, böse zu sein, zerstört die Beziehung.«

  • Geben ohne zu nehmen: Manche Leute fühlen sich vordergründig nur dann wohl, wenn sie einen Anspruch haben nach dem Motto: »Lieber sollst du dich verpflichtet fühlen als ich.« Oft geschieht dies sogar in bester Absicht, und diese Haltung genießt auch hohes Ansehen. Wenn jedoch jemand gibt, ohne zu nehmen, bringt er sich damit in eine überlegene Position, während der Nehmende immer mehr von seiner Unabhängigkeit verliert. Nach einer Weile wollen andere nichts mehr von ihm haben und werden sogar böse. Böse wird dabei derjenige, dem es nicht gelingt, den Aus-gleich zu erreichen. Wenn beispielsweise eine reiche Frau einen armen Mann heiratet, wird die Beziehung wahrscheinlich nicht glücklich werden, weil die Frau immer die Gebende ist und der Mann nichts zurückgeben kann. Diese Diskrepanz macht eine Begegnung auf Augenhöhe unmöglich. Wer keinen Ausgleich erwirken kann, weil die Schuldenlast zu groß geworden ist, verliert die Freiheit zu bleiben und muss gehen (siehe dazu »Paarbindung«). Manche Menschen weigern sich einfach zu nehmen – dann sind sie zu nichts verpflichtet. Sie leben aber, bildlich gesprochen, »auf Sparflamme« und fühlen sich dementsprechend leer und unzufrieden. Viele depressive Personen haben diese Haltung.

  • Das Glück in einer Beziehung: Je größer der Umsatz von Geben und Nehmen ist, desto glücklicher ist die Beziehung. Dies hat allerdings den Nachteil, dass es noch mehr bindet. Wer Freiheit will, darf nur ganz wenig geben und nehmen und nur sehr wenig hin- und herfließen lassen.

  • Wenn der Ausgleich nicht möglich ist: In Familien kann ein wirklicher Ausgleich nur auf der Paarebene stattfinden, denn entsprechend der Rangordnung gibt es in Familien ein natürliches Gefälle von Geben und Nehmen. Wer in der Rangfolge vorne steht, gibt mehr als diejenigen, die hinten stehen. Dies ist auch innerhalb der Geschwisterreihe der Fall. Die Regel des Ausgleichs gilt vor allem nicht zwischen Eltern und Kindern: Kinder können Eltern für das Geschenk des Lebens nichts Gleichwertiges zurückgeben. Hier herrscht ein nicht ausgleichbares Gefälle von Nehmen und Geben. Den Eltern gegenüber stehen Kinder immer in der Schuld. Der Ausweg daraus ist, dass Kinder das, was sie von Eltern bekommen, weitergeben, und zwar in erster Linie an die eigenen Kinder oder in einem Engagement für andere. Für andere Konstellationen gilt: Wenn ein Zurückgeben an eine bestimmte Person nicht mehr möglich (beispielsweise, weil sie verstorben ist) oder angemessen ist, können wir uns von der Verpflichtung und Schuld doch noch entlasten, indem wir etwas von dem Empfangenen weitergeben.

  • Wenn Wiedergutmachung nicht mehr möglich ist: Schuld nimmt schicksalhafte Aus-maße an, wenn jemand an Leib und Leben oder Eigentum so sehr zu Schaden kam, dass kein Ersatz mehr möglich ist. Keine Sühne oder sonstige Tat kann dann wieder einen Ausgleich schaffen. Hier bleiben sowohl dem Täter als auch dem Opfer nur Ohnmacht und Unterwerfung unter das eigene Schicksal.


Konsequenzen im System

Das Gesetz des Ausgleichs wirkt laut Hellinger nicht nur auf der persönlichen Ebene, sondern auch auf der kollektiven Ebene des Familien­systems und über Generationen hinweg. Wenn eine schwere Schuld nicht beglichen wurde, so bleibt das Bedürfnis nach Ausgleich im Familiensystem bestehen. Kinder aus späteren Generationen haben dann das Gefühl, als seien sie jemandem etwas schuldig, und streben nach Ausgleich. Kinder sind auf diesem Gebiet am sensibelsten: Mit übermächtigem Drang nach Ausgleich rächen sie vergangenes Unrecht, nehmen vergangene Schuld auf sich und schränken sich ein, wenn es anderen schlechter geht als ihnen selbst. Das stört die systemische Ordnung, in der sich jeder um seine eigenen Angelegenheiten kümmern und sich niemand in fremde

Schicksale einmischen soll.


Lösungsansatz

Wenn möglich, sollte der Ausgleich im realen Leben durch ein Geben des Schuldners nach-

geholt werden. Das ist manchmal nicht möglich. In diesem Fall gehört zu den Ordnungen

der Liebe – insbesondere zwischen Eltern und Kindern und zwischen Geschwistern –, dass je-

der, der nimmt, die Gabe, die er bekommen hat, würdigt, und den Geber, von dem er genommen hat, ehrt, selbst wenn die Beziehung schlecht ist (siehe dazu »Würdigung«). Das ist vor allem ein innerer Vorgang, und der Ratsuchende kann es im Sinne von Folgendem ausdrücken: »Ich weiß, was du mir gegeben hast, ich achte es, und es begleitet mich.« Das ist das Höchste, was er tun kann. Das ist in diesem Fall viel mehr, als wenn er versucht, es durch Geben auszugleichen.Wenn ein Kind eine Schuld übernommen hat, muss die Verstrickung gelöst werden (siehe zum Lösungsansatz »Verstrickung«).


Lösende Sätze

  • Der Bruder zu seiner älteren Schwester: »Ich weiß, was du mir gegeben hast, ich achte es, und es begleitet mich.«

  • Das Kind, um von seinen Eltern nehmen zu können: »Für mich bist du der Richtige, genau der Richtige.«

Ausgleich von Geben und Nehmen bei Strukturaufstellern: Systemische Ausgleichsprinzipien


Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer sehen den Ausgleich von Geben und Nehmen nicht als absolutes Gesetz, sondern nur als ein Mittel zur Generierung von Unterbrechungen Leid erzeugender Muster. Sie haben dazu verschiedene systemische Ausgleichsprinzipien definiert:

  • Wenn die Bindung im System weiter bestehen soll, sollte der Ausgleich im Guten höher sein, im Übel geringer. Exakter Ausgleich trennt.

  • Der Schuldner hat ein Recht auf Mahnung, der Gläubiger wird schuldig am Schuldner, wenn er dem Schuldner diese Mahnung verweigert.

  • Der eigentliche Ausgleich liegt in der Anerkennung der Ausgleichsverpflichtung durch den Schuldner. Ein echtes Vergleichsangebot muss zwar vom Schuldner als Anerkennung der Verpflichtung gemacht werden. Es kann aber manchmal auch auf die Ausgleichsleistung verzichtet werden.

  • Der Ausgleich hat in der »Währung« des Gläubigers zu erfolgen. Verweigert der Gläubiger dem Schuldner den Zugang zu ihm bekannten »Konversionsmöglichkeiten«, verliert er ein Teil seines Ausgleichsanspruchs.

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