Aufstellungsleiter/ Gastgeber/ Begleiter




Aufstellungsleiter in Familienaustellungen nach Hellinger


Für viele Teilnehmer einer Aufstellung scheint es, als ob der Aufstellungsleiter bei der Entwicklung der Lösung eine entscheidende Rolle spielt. Für die Aufsteller »nach Hellinger« ist es nicht der Aufstellungsleiter, der die Stellvertreter leitet oder führt, sondern es ist das wissende Feld, das die Richtung vorgibt. Der Leiter ist mit dem System verbunden und folgt den Impulsen, die während der Arbeit von dem Feld ausgehen. Er kann den Ablauf und das Lösungsbild nicht planen – nur die dahingehende Entwicklung unterstützen, indem

er Interventionen wie z. B. Positionsänderungen, Sätze oder bestimmte Gesten vorschlägt. Die Bedeutung des Aufstellungsleiters ist allerdings nicht zu unterschätzen. Oft beeinflusst er durch seine Intuition und sein Fachwissen die Qualität der Aufstellung. Bert Hellinger bezeichnet die Arbeit des Aufstellungsleiters als eine Kunst, zu der ein Können gehört, das man sich durch Übung aneignen kann. Eine mangelnde Leitung kann die Prozesse schwächen, umgekehrt kann ein autoritäres Auftreten die Entfaltung von Prozessen

ersticken. Der Aufstellungsleiter kann also Unterstützer oder Verhinderer sein.


Aufgaben des Aufstellungsleiters

Der Aufstellungsleiter unterstützt beim klassi­schen Aufstellen das Finden eines Lösungsbil-

des, indem er verschiedene Aufgaben ausfüllt:

  • Überblick behalten: Die Stellvertreter können, weil sie im System stehen, den Überblick und ihre Ausrichtung auf das ganze System nicht bewahren. Der Aufstellungsleiter kann dies besser, weil er die gesamte Beziehungsstruktur einer Familie im Zusammenhang mit den bekannten Ereignisses betrachtet.

  • Auf die Energie in der Aufstellung achten und bei Bedarf diese Energie verdichten oder die Aufstellung abbrechen: Das Energieniveau zu halten, verlangt oft, bei der Wahrheit zu bleiben, auch wenn sie schockiert, oder Konfrontation zu akzeptieren bzw. an die Grenze zu gehen (siehe dazu »Anerkennung, Würdigung und Achtung«).

  • Komplexitätsreduktion: Ein Aufstellungsleiter findet eine gute Balance zwischen zu stark vereinfachenden und zu komplexen und ausufernden Darstellungen.

  • Führung übernehmen, indem er Interventio­nen vorschlägt: Die Validierung der Interventionen erfolgt anhand der Wahrnehmungen und der Empfindungen der Stellvertreter. Diese Führung und die Interventionen des Aufstellungsleiters wurden allerdings in den später entwickelten Ansätzen wie der Bewe­gung der Seele oder der Bewegung des Geistes stark reduziert.

  • Einbindung des Ratsuchenden: Der Aufstellungsleiter sollte auch ein richtiges Gespür dafür haben, wann es zweckmäßig ist, den Ratsuchenden selbst in die Aufstellung zu integrieren.

  • Fokus auf das Anliegen des Ratsuchenden: Während einer Aufstellung ist es üblich, dass mehrere Themen sichtbar werden, wie z. B. zusätzliche Themen des Ratsuchenden, aber auch Themen seiner Eltern oder Geschwister. Es ist dabei wichtig, dass der Aufstellungsleiter sich nur auf das erklärte Anliegen des Ratsuchenden fokussiert und nicht versucht, andere Themen zu lösen.

Aus diesen Aufgaben hat Bert Hellinger drei Leitsätze formuliert, denen jeder Aufstellungs-

leiter folgen sollte:

• Anerkennen, was ist.

• Finden, was wirkt.

• Die Mitte fühlt sich leicht an. Anders formuliert: Die Lösung ist gefunden, wenn sich alle

Stellvertreter gut fühlen.


Verantwortung des Aufstellungsleiters

Viele Aufsteller »nach Hellinger« gehen davon aus, dass sie weder eine Verantwortung für den Verlauf der Aufstellung noch für die Konsequenzen für den Ratsuchenden tragen. Diese

Verantwortung steht dem Aufsteller nicht zu, und er darf sie weder tragen noch sich in den

Umgang mit ihr einmischen. Aufstellungsleiter sehen ihre Verantwortung vielmehr im »Hal-

ten« des wissenden Feldes: dem Feld großen Respekt entgegenbringen und es gegen jede

Einmischung von außen schützen. Sie müssen auch den Ernst der Gruppenmitglieder bewahren.


Haltung des Aufstellungsleiters

Das wissende Feld kann nur Lösungen zeigen, wenn der Aufstellungsleiter bereit ist, auf sein

eigenes Ego zu verzichten. Es geht für den Leiter darum, in der Mitte des Feldes in eine Art

»Selbstvergessenheit« zu kommen, den eigenen Willen, das eigene Machen abzulegen und das Feld voller Unschuld zu betreten. Diese Haltung basiert auf mehreren Komponenten:

  • Phänomenologische Haltung: Der Aufstellungsleiter setzt sich offen ohne persönliche Absicht der Wirklichkeit aus, wartet, was diese Wirklichkeit – in einer Aufstellung re-präsentiert durch die Stellvertreter – zeigt, und handelt dementsprechend, ohne darüber nachzudenken.

  • Innere Sammlung: Der Aufsteller braucht für seine Arbeit innere Sammlung. Hellinger beschreibt diese folgendermaßen: »Wenn ich nicht weiß, wie ich vorgehen soll, ziehe ich mich zurück, und zwar in einen Bereich, der leer ist. […] und ich warte. […] Das Entscheidende taucht auf, wenn man darauf wartet. Es zeigt sich erst undeutlich, manchmal deutlich, und damit geht man.«

  • Zustimmung zur Welt: Hellinger spricht vom »Einklang des Aufstellers mit der Welt, wie sie ist, und mit den Schicksalen, wie sie sind«. Der Aufstellungsleiter »tritt nicht auf als einer, der gegen etwas antritt und es verbessern will. Er ist im Einklang.« Das verlangt vom Aufstellungsleiter, dass er sich selbst, seinen Eltern, seiner Familie und der Welt als Ganzem zustimmt, wie sie sind. Sein Ziel sollte sein, ohne Urteil und ohne Absicht etwas zu verbessern. Denn nur wenn er sich selbst als eingebunden erlebt, kann er auch den Ratsuchenden so sehen und ihm einen solchen Blickwinkel zugestehen.


Ausbildung und Qualitätskriterien

Es gibt keine allgemein anerkannte Ausbildung zum Aufstellungsleiter »nach Hellinger«. Die

meistens Aufsteller haben allerdings eine mehrjährige Ausbildung hinter sich. Der Verband der Deutschen Gesellschaft für Systemaufstellungen (DGfS) verlangte zunächst z. B. folgende Kriterien für eine Anerkennung als DGfS-Aufsteller: ärztlicher oder psychologischer Psychotherapeut mit mehrjähriger Berufserfahrung und diversen Aus- und Weiterbildungen. Später wurden auch Heilpraktiker zugelassen. Diese Kriterien erwiesen sich allerdings nach einer Untersuchung von mehr als 1 300 Aufstellungen bei 67 Leitern als weder hinreichend noch notwendig zur Qualitätssicherung. Aus dieser Studie geht hervor, dass die Qualität einer Aufstellung vom Spezialisierungsgrad des Aufstellers abhängt. Ein akademischer Hintergrund ist dagegen kein maßgeblicher Faktor. Einigkeit herrscht darüber, dass ein Aufstellungsleiter seine eigenen Themen gelöst haben muss. Er kann einem Ratsuchenden z. B. nur helfen, Mutter und Vater in Liebe und Achtung anzunehmen, wenn er selbst seine eigenen Eltern liebt und achtet. Deswegen vertreten viele die Ansicht, dass Aufstellungsleiter in der zweiten Hälfte ihres Lebens sein sollten. Denn dann hat man einen gewissen Frieden mit sich selbst gefunden.


Kritische Stimmen: Macht der Aufstellungsleiter

Kritiker machen oft den Vorwurf, dass ein Aufstellungsleiter »nach Hellinger« eine Expertenhaltung – und damit eine Machtposition – einnimmt, die nicht mehr den zeitgemäßen Beratungsformen entspricht. Im Rahmen einerAufstellung ausgesprochene absolute Aussagen des Leiters fördern es, die gefundenen Ordnun­gen als normative Wahrheiten zu betrachten. Dies wird häufig auch als Entmündigung des Ratsuchenden kritisiert.


Siehe auch »Ordnungen des Helfens«.


Der Begleiter/ Gastgeber in Strukturaufstellungen

Je nach Schule gibt es verschiedene Namen für den Aufstellungsleiter. Bei Strukturaufstellungen wird immer vom Begleiter oder vom Gastgeber gesprochen, um deutlich zu machen, dass der Aufstellungsleiter keine Führungsrolle innehat. Die Ergebnisse der Arbeit entstehen in Kooperation mit dem Ratsuchenden, der auch während der Aufstellungsarbeit seine eigenen Ideen, Sichtweisen und Fragen einbringen kann.

Es gibt weitere Unterschiede zum klassischen Aufstellungsleiter, z. B. wird auf eine Deutung

vonseiten des Begleiters verzichtet (siehe dazu»(Systemische) Strukturaufstellungenen«). Eine besondere Aufgabe des Gastgebers ist die Wahl der geeigneten Strukturaufstellung, weil es inzwischen mehr als 100 verschiedene Formate gibt.

Aufstellungsleiter in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Franz Ruppert hat die Qualitäten eines guten Aufstellungsleiters wie folgt beschrieben:

  • Er soll sich den Stellvertretern gegenüber nicht erhöhen, ihnen keine Vorschriften machen oder (ab)wertende Bemerkungen über ihre Äußerungen machen. Er soll sie vielmehr in die Lage versetzen, ihrer Spiegelungsfunktion ohne seine Einmischung nachkommen zu können.

  • Seine Rolle besteht auch darin, für den Ratsuchenden und die Stellvertreter die besten Bedingungen zu schaffen, wobei es Sache des Ratsuchenden ist, in welche Tiefe die Aufstellung gehen darf und was er als sein aktuelles Anliegen thematisieren möchte.

Quellen: 25, 26, 27

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