Anliegen



Allgemein


Das Anliegen ist das Thema oder das Problem, das der Ratsuchende aufstellen möchte, z. B. Beziehungsprobleme, Ängste, Krankheit, Probleme am Arbeitsplatz usw. In Familienaufstellungen nach Hellinger sind nur wenige Informationen zur Aufstellung eines Anliegens notwendig: Was ist das Problem? Wer ist beteiligt? Welche wesentlichen Ereignisse haben sich im Famili­ensystem in den letzten Generationen ereignet

(dazu zählen z. B. ein schweres Schicksal)? Alle weiteren Informationen können unbewusst die Stellvertreter beeinflussen und werden deshalb als eher kontraproduktiv betrachtet.

Insbesondere bei Organisationsaufstellungen ist es wichtig, neben dem Anliegen des Ratsuchenden auch den Tätigkeitskontext zu klären. Worauf der Aufstellungsleiter aufpassen

sollte:

  • Klares Anliegen: Ausgangspunkt jeder erfolgreichen Aufstellung ist ein klares Anliegen. Manchmal ist der Ratsuchende nicht in der Lage, sein Anliegen klar zu formulieren. Er benötigt dafür möglicherweise sowohl viel Zeit als auch viele Worte. Je stärker die persönliche Betroffenheit, desto klarer ist das Anliegen und umso stärker ist die Energie in der Aufstellung spürbar. Ein ernsthaftes Anliegen ist oft in ein oder zwei Sätzen formulierbar. Wenn der Ratsuchende z. B. eine lange Rede hält, sich über die bösen Chefs, Kollegen, Mutter oder Vater beklagt und sich nicht auf ein konkretes Anliegen fokussiert, greift der Aufstellungsleiter deswegen oft ein. Wenn ein Anliegen nicht klar oder die Betroffenheit zu gering erscheint, ist es in der Regel besser zu warten, weil die Aufstellung in solchen Fällen oft enttäuschend sein wird. Das »Gewicht« des Anliegens trägt die ganze Aufstellung.

  • Fokus auf Fakten: Die Art und Weise, wie der Ratsuchende sein Problem schildert, ist für den Aufstellungsleiter sehr wichtig. Erzählt er eine Problemgeschichte? Hat er eine Opfer- oder eine Mitgestalterrolle? Handelt es sich um ein einmaliges Problem oder um ein wiederkehrendes Muster? Manche Ratsuchenden verführen zu einer Parteinahme. Der Aufsteller sollte möglichst nicht mit eigenen Gefühlen reagieren, und er sollte nicht auf das Beziehungsangebot eingehen, das häufig mit der Präsentation einer Information unterbreitet wird, sondern er sollte in einer wohlwollen-den Offenheit verharren. Hier gilt die Regel: Der Aufsteller sollte nur den Fakten vertrauen, das heißt nur den Ereignissen, die wirklich geschehen sind, und er sollte alles aussortieren, was lediglich die Meinung, das Werturteil und das Wollen des Ratsuchenden darstellt.

  • Das ganze System betrachten: Für den Aufsteller »nach Hellinger« geht es oft darum, zwischen den Worten des Ratsuchenden gefühlsmäßig jene Person ausfindig zu machen, die entweder gar keinen Platz oder keinen angemessenen Platz im System hat. Dafür muss der Aufsteller seine Aufmerksamkeit nicht nur auf den Ratsuchenden, sondern auf das ganze System richten.

  • Auf Wörter achten: Die Sprache des Ratsuchenden verrät oft, aus welchem System die Problemdynamik stammt. Tauchen bei einer Organisationsaufstellung vermehrt Beschreibungen und Begriffe aus dem Bereich der persönlichen Beziehungen auf, wie z. B. Sehnsucht, Sich-verlassen-Fühlen oder Einsamkeit, die eher im Privatbereich angesiedelt sind, kann dies ein Hinweis auf eine ungelöste Dynamik im Familiensystem sein (siehe dazu »Reinszenierung/Neuinszenierung des Familiensystems«).


Anliegen in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Das Anliegen des Ratsuchenden ist in der Mehr­generationalen Psychotraumatologie von besonderer Bedeutung. Aus Sicht Franz Rupperts ist im Anliegen Folgendes enthalten:

  • das Ziel der gewünschten Veränderung,

  • der Widerstreit zwischen den »gesunden«, den traumatisierten und den Überlebensanteilen,

  • die inneren Widerstände gegen die Veränderungen des Status quo und die Angst, sich auf etwas Neues und den Kontakt mit den Traumaanteilen einzulassen und symbiotische Verstrickungen aufzugeben.

Die Qualität der Anliegen kann sehr unterschiedlich sein, abhängig davon, ob sie aus den

gesunden oder aus den Überlebensanteilen des Ratsuchenden formuliert werden. Je deutlicher ein Anliegen auf die Veränderung der eigenen Person bezogen ist und je größer die Bereitschaft ist, in Kontakt mit den durch das Trauma abgespaltenen Gefühlen zu treten, desto klarer verläuft eine Aufstellung in Richtung des gewünschten Ziels.

Seit 2009 benutzt Franz Ruppert ein neues Aufstellungsformat, das Aufstellen des Anliegens,

in dem zuerst nur das Anliegen und der Ratsu­chende selbst aufgestellt werden.


Siehe auch »Vorgespräch«.

12 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Zwangsstörungen