Adoption




Allgemein


In Deutschland werden jedes Jahr circa 4 000 Kinder (und manchmal Erwachsene) adoptiert.

Die Tendenz ist sinkend. Über 50 Prozent dieser Kinder werden von einem Stiefelternteil oder einem Verwandten adoptiert. Auf ein zur Adoption freigegebenes Kind kommen elf adoptionswillige Elternpaare. Die häufigsten Gründe für eine Adoptionsfreigabe sind finanzielle Probleme, mangelnde Unterstützung durch die Eltern, mangelnde Hilfe seitens des Partners, Belastungen durch weitere Kinder, Verheimlichung der Schwangerschaft oder versäumte Frist für einen Schwangerschaftsabbruch. Die Anlässe für Paare, eine Adoption anzustreben, sind Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten, Erbkrankheiten und humanitäre Werte. Circa 15 Prozent der Paare in Deutschland sind ungewollt kinderlos.



Adoption in Familienaufstellungen nach Hellinger

Wenn jemand, der keine Kinder hat, den Weg der Adoption beschreitet, so stellt dies einen

großen Eingriff in die systemische Ordnung dar, denn Kinder »gehören« aus Systemsicht zu ihren leiblichen Eltern. Die Trennung von den leiblichen Eltern wirkt immer traumatisierend. Dabei spielt das Alter der Kinder zum Zeitpunkt ihrer Adoption keine Rolle. Die Kinder werden unabhängig vom Alter von Fragen geplagt wie: »Warum haben mich meine Eltern weggegeben?«, »Warum war ich unerwünscht?«, »Wer ist mein Vater, wer ist meine Mutter?«

Systemisch gesehen ist das eigene Familiensystem immer das Beste für ein Kind. Deswegen

sollten in dem Fall, dass das Kind nicht von seinen Eltern aufgezogen werden kann, zunächst

die Großeltern in Betracht gezogen werden. Wenn sie das Kind aufnehmen können, ist es

dort gut aufgehoben, und der Weg zurück zu den Eltern ist einfacher, falls sich deren Situation wieder verändert. Wenn die Großeltern diese Aufgabe nicht übernehmen können, sollte man Onkel oder Tanten bitten.

Eine Adoption ist gerechtfertigt, wenn die Kinder niemanden haben, beispielsweise weil beide Elternteile verstorben sind oder das Kind ausgesetzt wurde. Nur wenn niemand aus der Familie zur Verfügung steht, stellen aus systemischer Sicht Adoptiv- oder Pflegeeltern eine Alternative dar. In diesem Fall können die Pflege- oder Adoptiveltern für das Kind die Stelle der Eltern einnehmen. Besonders wenn diese die leiblichen Eltern respektieren, trauen sich die Kinder auch, von ihren Pflege- oder Adoptiveltern Gutes anzunehmen. Systemisch gesehen ist daher die Pflege eine bessere Lösung als die Adoption, weil dem Begriff Pflege etwas Vorläufiges innewohnt.

Bei Adoptionen gehört zur Würdigung der leiblichen Eltern, dass das adoptionswillige Paar

die genauen Verhältnisse des Kindes und seiner Eltern prüft. Vielleicht gibt es sogar eine Möglichkeit, das Kind doch in seiner Familie zu lassen. Dies kann beispielsweise dann der Fall sein, wenn die Mutter das Kind zur Adoption freigegeben hat, jedoch der Vater unbekannt ist und sich nicht geäußert hat oder wenn die Großeltern von der Geburt nichts wissen.

Wenn ein Adoptivkind erwachsen ist, beginnt es oft, nach seinen leiblichen Eltern zu suchen.

Seine leiblichen Eltern wiederum fühlen sich häufig schuldig. Wenn das Kind plötzlich bei ihnen auftaucht, werden sie wieder an ihre Schuld erinnert. Aus diesem Grund lehnen viele Eltern den Kontakt zu ihrem zur Adoption freigegebenen Kind ab.


1. Konsequenzen im System (nach Hellinger)

Alle adoptierten Kinder haben das frühkindliche Trauma der Trennung von ihrer Mutter

erlebt. Mehr als andere Menschen leiden adoptierte Kinder unter der Angst, verlassen zu

werden. Sie haben das Gefühl, den Erwartungen anderer nicht zu genügen, und zweifeln, ob sie überhaupt ein Recht haben, zu leben. Das Gefühl, unerwünscht und »nicht richtig« zu sein, ist oft sehr stark ausgeprägt. Wenn den Kindern die Adoption verschwiegen wurde, können sie sich zu Menschen entwickeln, die das Gefühl haben, nirgendwo dazuzugehören, und sie sind unbewusst ständig auf der Suche nach irgendetwas. Wenn das Kind nicht aus einer Notlage heraus zur Adoption freigeben wurde, ist es zu Recht auf seine Eltern wütend. Dieses Gefühl der Wut entlädt sich dann an den Adoptiveltern, wenn sich diese an die Stelle der wahren Eltern stellen, sie als minderwertig betrachten und sich selbst nur als »Retter« in einem guten Licht darstellen.

Wenn sie jedoch lediglich Stellvertreter sind, dann richten sich diese negativen Gefühle

auf die leiblichen Eltern, und das gute Gefühl richtet sich auf die Adoptiveltern aus.

Bei einer leichtfertigen Adoption, das heißt einer Adoption aus egoistischen Beweggründen, steht nicht das Wohl des Kindes im Vordergrund. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn Paare nach Asien oder Südamerika fliegen, um sich dort mit Geld ein Kind zu »besorgen«. Sie nehmen damit sozusagen den Eltern ein Kind weg. Als Sühne wird dann etwas Gleichwertiges geopfert: entweder ein eigenes Kind oder die Beziehung zum Partner. Dies stellt einen Ausgleich für den »Kinderraub« dar. Wenn Adoptiveltern leichtfertig ein Kind adoptiert haben oder dessen Eltern abgewertet haben, können sie nicht einfach »aussteigen«, wenn sich dieses schlecht entwickelt. Sie müssen es annehmen und die Folgen ihrer Schuld tragen.


2. Mögliches Aufstellungsbild

Es ist oft deutlich zu sehen, dass sich ein adoptiertes Kind außerhalb seiner Adoptivfamilie

aufstellt, weil es sich dieser nicht zugehörig fühlt.


3. Lösungsansatz

Zwei Dinge sind wichtig, um die Probleme, die die Adoption möglicherweise hervorgerufen

hat, zu lösen:

  • Adoptiveltern, die sich als »bessere Eltern« fühlen, sollten diese Position einnehmen: Sie sind nur Stellvertreter der biologischen Eltern und stehen daher an zweiter Stelle. Adoptiveltern, die ihr Kind »gekauft« haben, sollten anerkennen, dass sie, wie Bert Hellinger es ausdrückt, das Kind lieben »wie der Räuber seine Taler«.

  • Das Kind sollte von den leiblichen Eltern das Leben als Leben annehmen und sich dafür bedanken. Falls es doch zu einer Begegnung und Annäherung zwischen dem Kind und einem leiblichen Elternteil kommt, so muss die Schuld beim Elternteil bleiben. Oft werden die Dinge von den Eltern beschönigt, und sie versuchen, sich selbst als die Leidenden und Unschuldigen darzustellen. In Liebe zu den Eltern fühlt sich dann das Kind wieder schuldig, obwohl es völlig schuldlos ist.


4. Lösende Sätze

  • Die Adoptiveltern zum Kind: »Wir kümmern uns um dich so gut wir können, und wir achten deine Eltern.«

  • Die Adoptiveltern zu den Eltern: »Wir achten euch und kümmern uns in Liebe um euer Kind.«

  • Das Kind zu den Eltern: »Ich danke euch, dass ihr mir das Leben geschenkt habt. Mit meinen Adoptiveltern mache ich das Beste daraus«, oder: »Alles Wesentliche habe ich, und das reicht mir. Das andere schenken mir andere. Ich verzichte jetzt ohne jeden Anspruch auf euch. Ich lasse euch in Frieden.«

  • Zu den Adoptiveltern: »Auch ihr seid mir bestimmt, wie ihr seid, genau wie ihr seid. Ich nehme euch, wie ihr seid, genau so, wie ihr seid«, und: »Danke für alles, was ihr für mich tut.«


5. Lösungsbild

Das Kind kann seine biologischen Eltern umarmen, wenn es dies wünscht.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass das Adoptivkind in der Geschwisterreihe immer auf dem letzten Platz steht, weil es kein leibliches Kind seiner Adoptiveltern ist. Für ein Adoptivkind kann dies sehr schmerzhaft sein.


Adoption in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Für Franz Ruppert ist Adoption – genau wie der frühe Tod der Mutter – das größte Verlusttrauma, das ein Kind erleben kann. Eine solche Situation kann kein Kind überstehen, ohne sich psychisch aufzuspalten: Ein Teil des kindlichen Bewusstseins speichert die traumatische Erfahrung in sich (siehe dazu »(Spaltung in) Persönlichkeitsanteile«).


Konsequenzen für das Kind

Adoption bedeutet für das adoptierte Kind oft einen vierfachen Verlust:

  • Abbruch und Verlust der Mutterbindung,

  • kein Aufbau oder Verlust der Vaterbindung,

  • Verlust der Zugehörigkeit zu einer Herkunftsfamilie,

  • bei Auslandsadoption: Verlust der Zugehörigkeit zu einem Land und Volk.

Diese Bindungen sind nicht ersetzbar. Ihr Verlust kann nur betrauert werden. Das Überlebens-Ich des Kindes will jedoch von dem Verlust nichts wissen. Es hat sich an die veränderte Situation, so gut es ging, angepasst und hat Angst, mit den Verlassenheits-, Angst- und Verzweiflungsgefühlen des Trauma-Ichs in Kontakt zu kommen. Das Trauma-Ich ist enttäuscht, wütend, verzweifelt, voller Schmerz und kann den Verlust nicht akzeptieren. Das Trauma der verlorenen Bindung durch eine Adoption kann zu schwerwiegenden psychischen Konflikten bei Adoptierten führen. Bindungsverluste führen zu innerer Haltlosigkeit und zur Unfähigkeit, selbst stabile Bindungen zu anderen Menschen

aufzubauen. Manchmal wird diese innere Leere durch Drogenkonsum gefüllt, und es wird auf

vielfältige Weise versucht, die nicht aushaltbaren Angst- und Wutgefühle zu unterdrücken.

Daraus können sogar körperliche Krankheitssymptome entstehen.

Es gibt auch möglicherweise mehrgenerationale Folgen einer Adoption: Der Traumaanteil einer einst adoptierten Mutter kann in ihrem Kind zutage treten. Dies kann die Ursache von schweren Depressionen in der zweiten Generation, also bei ihren eigenen Kindern, sein.


Konsequenzen für die leiblichen Eltern

Die Mutter-Kind-Bindung ist ein Prozess, der sich von Natur aus entwickelt. Die Freigabe

eines Kindes zur Adoption stellt daher immer eine traumatische Erfahrung für die leibliche

Mutter dar. Die Folgen einer solchen Entscheidung sind teils eine lebenslange Sehnsucht nach dem Kind, psychosomatische Krankheiten und Selbstmordgefährdung, teils auch Ablehnung eines Kontaktwunsches oder mangelndes Interesse am Lebensweg des Kindes. Sind darüber hinaus Bindungen zwischen dem Kind und seinem Vater oder möglicherweise vorhandenen Geschwistern entstanden, so wirkt die Adoption auch auf diese traumatisch und führt zu psychischen Aufspaltungen bei den beteiligten Personen.


Konsequenzen für die Adoptiveltern

Wird dem Kind die Adoption verschwiegen, hat das in der Regel negative Folgen. Das Kind

fühlt sich verraten und belogen und traut seinen Adoptiveltern nicht mehr. Es rebelliert. Das

zerbrochene Vertrauensverhältnis ist vonseiten der Adoptiveltern weder durch Geschenke noch durch Strafen wiederherzustellen.


Lösungsansatz

Zu einem allgemeinen Lösungsansatz für ein Verlusttrauma siehe »Trauma, Traumastörungen

und Symbiosetrauma«.

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