Abtreibung




Allgemein


Seit 1995 können Frauen in Deutschland nach obligatorischer Beratung bis zur zwölften Woche eine Schwangerschaft beenden lassen, ohne eine Notlage nachweisen zu müssen. Der Vater muss nicht konsultiert werden und hat kein Mitentscheidungsrecht. In Österreich und der Schweiz bestehen ähnliche Regelungen mit leicht abweichenden Fristen. Laut Schätzungen werden gegenwärtig weltweit durchschnittlich etwa 20 Prozent der Schwangerschaften abgebrochen, in Deutschland sind es etwa 14 Prozent oder über 110 000 jedes Jahr.



Abtreibungen in Familienaufstellungen nach Hellinger

Die Meinungen über Abtreibungen sind in der Gesellschaft sehr kontrovers und weichen in extremer Weise zwischen den »pro life«- und den »pro choice«-Anhängern voneinander ab. Die Aufstellungsarbeit versucht nicht, die eine oder die andere Position zu unterstützen, sondern achtet nur auf die Reaktionen der Stellvertreter. In zahlreichen Aufstellungen wurde klar, dass ein abgetriebenes Kind auch ein Mitglied des Familiensystems ist und ein Recht auf Zugehörigkeit hat. Dies gilt auch bei medizinisch notwendigen Abtreibungen. Bei einer Abtreibung ist ein Paar aus Sicht Bert Hellingers nicht bereit, die Folgen seines Handelns zu übernehmen, das Leben des werdenden Kindes wird geopfert – unabhängig von der persönlichen Situation des Paares und ob es sich die Entscheidung leicht oder schwer macht.


1. Konsequenzen im System (nach Hellinger)


a) Mögliche Folgen für die Beziehung Tief in der Seele der Eltern wird eine Abtreibung als schwere Schuld verspürt, die Sühne und Ausgleich fordert. Nicht selten spenden Frauen oder Männer, die durch Abtreibung Schuld auf sich geladen haben, Geld an Kinderhilfsorganisationen. Manchmal wird eine Abtreibung damit »bezahlt«, dass die Beziehung in die Brüche geht oder dass das Interesse an Sexualität in der Beziehung zurückgeht. Die Art und Weise, wie die Sühne geleistet wird, kann manchmal sehr selbstzerstörerisch sein, z. B. durch Alkoholismus oder durch Versinken in einer Depression. Der geplante Verzicht auf weitere Schwangerschaften oder auch Frühgeburten können ebenso systemische Konsequenzen einer Abtreibung sein. Wenn nur einer der Partner die Abtreibung wollte und sie forcierte, wird ihm die Schuld zugeschoben. Es ist aber systemisch angemessen, dass jeder seinen Teil der Verantwortung übernimmt. Zur

Lösung einer Abtreibungsproblematik gehört ebenso, dass Frauen verpflichtet sind, den beteiligten Männern davon zu berichten. Dies gilt auch dann, wenn die Abtreibung schon

Jahre zurückliegt.


b) Mögliche Folgen für die Kinder

Manchmal werden die Geschwister eines abgetriebenen Kindes ihrer Mutter gegenüber

aggressiv: Die Liebe der Mutter gehört nur dem lebenden Kind. Doch das lebende Kind

will nicht, dass es eine Liebe bekommt, die einem anderen gebührt. Deswegen wird es

aggressiv. Vor allem wenn das Kind nach dem vierten Monat abgetrieben wurde, sind die

Konsequenzen für Nachgeborene besonders auffällig.


Wenn eine Mutter mehrfach abgetrieben hat, kann es auch passieren, dass ein geborenes

Kind – oft ein Mädchen – dafür sühnt. Z. B. kann dies eine Ursache für Magersucht der

Tochter sein, weil diese wegen der Abtreibungen der Mutter nicht Frau werden will.


c) Mögliche Folgen für die Mutter

Wenn eine Frau eine Abtreibung hatte, bleibt die Energie des Kindes in ihrem Schoß noch

vorhanden. Die Energie kann nicht verschwinden, solange die Abtreibung nicht von

der Mutter anerkannt und ausgesprochen wird.


2. Mögliches Aufstellungsbild

Wenn der Aufstellungsleiter das Kind in den Vordergrund holt, damit es gesehen wird, ist oft die Traurigkeit oder das Schuldgefühl der Eltern zu spüren. Manchmal schauen die Eltern weg, weil sie es nicht ertragen können.


3. Lösungsansatz

Die Lösung besteht darin, dem abgetriebenen Kind seinen Platz im Familiensystem zurückzugeben. Beide Eltern müssen die eigene Verantwortung übernehmen und Abschied nehmen. Auch wenn der Mann nichts von der Abtreibung wusste, profitierte er vom Schweigen der Frau, weil er keine schwierige Entscheidung treffen musste. Das muss er anerkennen. Ein Abschied vom Kind erfordert es, dass die Eltern das Kind zunächst als eigenständigen Menschen betrachten und liebevoll begrüßen, es in den Arm nehmen und ihm ihre Liebe zeigen. Wichtig ist es, den Tribut des Kindes – sein Leben – anzuerkennen, indem man das Beste daraus macht. Dies gilt natürlich auch für eine medizinische

Abtreibung, die das Leben der Mutter gerettet hat, oder für Abtreibungen von behinderten

Kindern. In solchen Fällen war der Tod des Kindes der Preis für das Leben der Mutter oder

für die Erleichterung der Eltern. Stellvertreter eines abgetriebenen Kindes sind der Mutter fast nie böse, sie fühlen sich vielmehr durch deren Schuldgefühle belastet. Wenn die Eltern aber keine Schuldgefühle tragen, dann fühlt sich das Kind völlig allein, im Stich gelassen und ausgestoßen. Das Kind will in der Regel nur Anerkennung und einen Platz in den Herzen der Eltern und manchmal auch in denen der Geschwister. Die Wiederaufnahme des Kindes ins Familiensystem funktioniert aber nur, wenn bei den Eltern der Schmerz möglich wird. Der Schmerz ehrt das Kind und versöhnt es mit den Eltern


Viele Aufstellungsleiter empfehlen den Eltern, dem toten Kind die Welt zu zeigen. Sie sollten

sich vorstellen, dass sie das Kind bei der Hand nehmen und ihm seine Geschwister und die

schönen Dinge der Welt zeigen. Diese Übung sollte in der Regel ein Jahr lang dauern, dann

muss sie beendet werden, weil mit der Zeit die Schuld vergeht. Das Kind hat seine Ruhe gefunden, und die Eltern können nach vorne schauen. Die Sichtweise Bert Hellingers in Bezug auf die Frage, ob Kinder über eine Abtreibung Bescheid wissen sollten, hat sich im Lauf der Jahre geändert. Im Jahr 1997 lehnte Bert Hellinger es strikt ab, weil die Eltern eine Schuld den Kindern gegenüber niemals zugeben sollten. Später, im Jahr 2007, riet er, mit den anderen Kindern darüber zu sprechen, um Verstrickungen mit lebenden Geschwistern zu vermeiden und um dem Kind einen Platz im System zu geben. Z. B. kann dazu bei einem Geburtstag der Platz frei gelassen werden, an dem das Kind sitzen würde, und die Mutter kann sagen: »Ich hatte noch ein anderes Kind, das habe ich abgetrieben. In meinem

Herzen hat es einen Platz und gehört zu uns. Ihr dürft es als euer Geschwisterchen anschauen. Auch ich schaue lieb auf dieses Kind.« Es ist ausreichend, wenn man es nur einmal deutlich sagt, und es nutzt nichts, häufiger darauf zurückzukommen.

Es kommt natürlich auch auf das Alter der Kinder an. Wenn sie schon erwachsen sind,

kann man offen über ein abgetriebenes Kind sprechen.


4. Lösende Sätze

  • Ein Elternteil zum anderen Elternteil, um die Beziehung wiederherzustellen: »Ich übernehme meine Verantwortung und meine Schuld an der Abtreibung, und deine lasse ich bei dir.«

  • Zu dem abgetriebenen Kind: »Ich gebe dir einen Platz in meinem Herzen«, oder: »Es tut mir leid, was ich dir angetan habe. Ich stehe zu meiner Schuld und achte dein Opfer.«


5. Lösungsbild

Abgetriebene Kinder gehören normalerweise nicht in die Geschwisterreihe, sondern stehen

bzw. sitzen vor den Eltern. Nur wenn das Kind nach dem Ende des vierten Monats abgetrieben wurde, gehört es in die Geschwisterreihe.


Abtreibungen in der Mehrgenerationalen Psychotraumatologie


Aus Sicht Franz Rupperts resultiert aus einer Abtreibung ein Verlusttrauma für die Mutter.

Die beginnende Bindung zwischen Mutter und Kind wird durch eine Abtreibung beendet. Wird der Verlustschmerz, den die Mutter bewusst oder unbewusst fühlt, abgespalten (siehe dazu »(Spaltung in) Persönlichkeitsanteile«), so verspürt die Mutter Schuldgefühle

und kann Symptome einer Depression entwickeln.


Lösungsansatz

Zu einem allgemeinen Lösungsansatz für ein Verlusttrauma siehe »Trauma, Traumastörungen und Symbiosetrauma«.

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