Übernahme von fremden Gefühlen (»Ich trage es für dich«)



Die Übernahme von Gefühlen ist eine Art Verstrickung. Kinder übernehmen in den ersten

Lebensjahren, in denen ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit am größten ist, viele Gefühle aus

der Familie. Manchmal kommt hier eine ganze Palette übernommener Gefühle zusammen, die ihr Leben ganz entscheidend beeinflussen können. Waren die ursprünglichen Gefühle besonders heftig und stark, so werden sie manchmal von einer Generation an die nächste weitergegeben, ohne dabei an Kraft zu verlieren. Dann müssen sich die Nachkommen mit Gefühlen auseinandersetzen, zu denen sie jeden tatsächlichen Bezug verloren haben. Sie übernehmen vielleicht die unterschwellige Trauer der Mutter über den frühen Tod ihrer Schwester, die sie selbst gar nicht gekannt haben. Vielleicht übernehmen sie aber auch die verdrängten Schuldgefühle des Vaters, der die Mutter wegen einer anderen Frau verlassen hat, und nun fühlen sie sich schuldig, obwohl sie nichts Derartiges getan haben. Ein großer Teil der Gefühle und Blockaden, die unser Leben bestimmen, wurden aus der Familie übernommen. Eine solche Übernahme geschieht durch eine Verstrickung, entweder weil der Betroffene mit einem anderen Systemmitglied identifiziert ist oder weil aus Liebe (für ein Familienmitglied) oder gutem Willen heraus (für einen Mitarbeiter), die Last einer anderen Person des Systems auf sich genommen wird.

Die Übernahme von fremden Gefühlen führt zum Phänomen der Doppelverschiebung: Wenn z. B. eine Tochter die Wut der Mutter auf den Vater übernimmt und deshalb selbst wütend auf ihren Vater ist, spricht man von einer einfachen Verschiebung. Das Subjekt (Wut) hat sich verschoben, nicht aber das Objekt (in diesem Fall der Vater). Wenn diese Tochter jedoch plötzlich grundlos auf ihren eigenen Mann wütend ist, spricht man von einer Doppelverschiebung.


Konsequenzen im System

Die Übernahme von fremden Gefühlen ist die Konsequenz im System. Aus der Herkunftsfamilie übernommene Gefühle belasten eine Partnerschaft sehr oft.


Lösungsansatz und Aufstellungstechnik

Die Gefühle müssen zurückgegeben und dort gelassen werden, wo sie hingehören. Wenn der Ratsuchende Schwierigkeiten hat, seine eigenen Gefühle zu finden, können die Gefühle aufgestellt werden.


Lösende Sätze

»Die Wut habe ich aus Liebe von dir übernommen. Aber es ist nicht meine. Ich will sie

nicht, und ich brauche sie nicht. Ich gebe sie dir zurück.«


Lösungsbild und Entlassungsritual

Manchmal werden in einem Ritual die Gefühle zurückgegeben. Dafür werden Objekte benutzt, wie z. B. ein schwerer Stein, um die Gefühle symbolisch zu vertreten. Das Ritual war erfolgreich, wenn der Stellvertreter sich anschließend erleichtert fühlt und spontan aufatmen kann. Dieses Ritual stellt einen Akt der Würdigung dar, durch den anerkannt wird, dass die Person stark genug ist, ihre Last allein tragen zu können. Wenn die Rückgabe nicht wirklich »gelungen« war, muss sie wiederholt werden.

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